Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Alte und Moderne Kunst V (1960 / Heft 9)

IN UNSERER FORTLAUFENDEN ARTIKELSERIE ÜBER ÖSTERREICHISCHE SCHLÖSSER, IHRE GE-SCHICHTE,

 BEDEUTUNG UND AUFGABE IN DER GEGENWART, VEROFFENTLICHEN WIR DEN ZAUFSATZ

LISELOT

POPE

LKA

SCHLÖSSER

DES

MARCHFELDES

Den Wenigsten-Wienern wie Nichtwienern-ist das

östliche Vorfeld der Bundcshauptstadt als ein „Burgenland"

 und Schlösserrevier bekannt, und in den jüngstvergangencn

 jahrcn waren es vor allem wirtschaftliche

Interessen, die sich mit der Vorstellung von dieser Gegend

 verknüpfen. Und doch, gerade im Marchfeld stehen

auf verhältnismäßig engem Raum und ganz in der Nähe

Wiens Burgen und Schlösser die nicht allein als bedeutende

 Denkmäler der Baukunst sehenswert sind, sondern

 in ihrer Verschiedenheit jedem aufmerksamen Besucher

 ein eindrucksvolles Bild der Vergangenheit mit all

ihren Lebensgewohnheiten und Erfordernissen vor Augen

stellen, die an ihrer Gestaltung mitgewirkt haben.

Von den älteren unter ihnen, die aus ähnlichen und gemeinsamen

 Voraussetzungen entstanden und eine Gruppe

bilden, soll hier nun die Rede sein. Sie alle waren nicht

so sehr friedlich-geruhsamcm Wohnen als vielmehr härterem

 Geschäft bestimmt: als befestigte Stützpunkte

dienten sie der Überwachung und Verteidigung wichtiger

Örtlichkeiten und hatten Schutz und Zuflucht zu bieten.

An Daten zur Baugeschichtc ist freilich für diese Denkmäler

 nicht allzuviel überliefert; wir hören meist nur

von den Geschlechtern, die auf jenen Burgen saßen, und

diese Nachrichten gehen im allgemeinen bis ins frühe

12. Jahrhundert zurück. Über den später oft häufigen

Wechsel der Besitzer sind wir in vielen Fällen recht gmt

unterrichtet, doch nur selten verbinden sich mit einem

dieser Namen auch konkrete Angaben über eine bauliche

 Veränderung. Unter diesen Denkmälern gibt es

aber auch solche, die ihre ursprüngliche Gestalt fast

unverändert durch die Jahrhunderte bis in unsere Zeit

herübergerettet haben.

Da ist zunächst und als ältestes Schloß Sachsengang bei

Mitterhausen im südlichen Marchfeld. Abseits der Straße

liegt es, von einem tiefen Graben umzogen, in dichtem

Gehölz verborgen, düster und scheinbar unzugänglich.

Wer das Tor passiert hat, zu dessen Seiten sich noch

Reste der alten Ringmauer erhalten haben, und auf

schmalem Pfad den dreigeschossigen, polygonalen Bau

umschreitet, möchte es kaum für möglich halten, daß er

sich hier auf einem von Menschenhand aufgeschütteten

Hügel befindet. Hier handelt es sich um eine sogenannte

„Hausbergfestung" - übrigens die einzige in Niederösterreich,

 bei der sich außer dem künstlichen Erdhügel,

dem „Hausberg", auch noch seine Einbauten erhalten

haben. Schon in der Babenbergerzeit bildete Sachsengang

zusammen mit dem Hügel, auf dem sich die Kirche des

Nachbarortes Oberhausen erhebt, ein großes Bollvrerk.

Von der wichtigen Rolle, die diese Befestigung einst

spielte, können wir uns heute. da die umgebende Landschaft

 sich nicht zuletzt durch die Donauregulierung

völlig geändert hat, nur schwer einen Begriff machen.

Sachsengang lag ja einmal, ähnlich wie Orth und

Eckartsau, ganz im Stromgebiet der Donau, deren Nebenarme

 sich bis hierher verzweigten, und es war vor

allem der Donauübergang bei der nahegelegenen Mündung

 der Fischzt, der von hier aus überwacht werden

konnte. Wir wissen nicht genau, ob nicht schon in der

Römcrzcit hier eine Befestigung bestand. Als aber im

späten Mittelalter hei Wien eine Brücke über den Strom

errichtet wurde, und sich schließlich der Lauf seiner

Arme immer mehr veränderte, verlor auch Sachsengang,

das nun vom Wasser abgeschnitten war, seine einstige

Bedeutung. l)ie Zeiten haben hier wenig verändert: nach

dem Dreißigjährigen Krieg war die mittelalterliche Burg

noch mit drei quadratischen Türmen bewehrt (so ist sie

in dem Werk des Topographen Georg Matthäus Vischer

vom linde des 17. Jahrhunderts abgebildet); davon hat

sich nur mehr ein Berchfrit erhalten. Als Mittelpunkt

eines Gutes und Familienwohnsitz erfüllt Sachsengang

noch immer eine lebendige Funktion.

Ähnlich wie Sachsengang konnte auch das trutzige Orth

Verkehr und Handel auf der nahen Donau überwachen.

Es ist heute noch die imposanteste dieser alten Burgen

im Osten von Wien; mit ihren drei gewaltigen, um einen

quadratischen Hof gelagerten Flügeln, die von schweren

Türmen verstärkt sind, steht sie vor uns, wie im Spätmittelalter

 etwa die Burgen zu Wien oder Wiener Neustadt

 ausgesehen haben. Reizvoll ist an diesem Bau das

Nebeneinander von spätgotischen Schmuckformen, wie

sie die engc Wendeltreppe mit ihrem Sterngewölbe zeigt,

und Renaissanceornamenten, die einmal die geräumigen

Säle zierten. Ein Rest davon, eine Türvertäfelung mit

einladender lateinischer Inschrift, ist in dem kleinen

Heimatmuseum zu sehen, das im Obergeschoß eingerichtet

 wurde. Dort findet sich auch, neben Bodenfunden

und verschiedenen Schaustücken aus der Umgebung, die

wechselvolle Geschichte von Ortschaft und Schloß verzeichnet.



Als wohl bedeutendste Burg in diesem Raum hat Orth

im Laufe der Zeit mannigfache Schicksale erlebt. Als

die niederösterreichisehen Stände von Kaiser Friedrich

 III. die Herausgabe seines Mündels Ladislaus Postumus

 erzwingen wollten, belagerten sie unter der Führung

 Ulrich Eitzingers 1452 Orth, plünderten es und

steckten es in Brand; auch die Türken verwüsteten es

bei ihrem Zug vor Wien 1529, und der berühmte Verteidiger

 der Stadt, Niklas Graf Salm, dessen Familie

lange Zeit die Burg besaß, mußte sie wiederherstellen.

Im Dreißigjährigen Krieg schließlich wurde Orth von

den nach Österreich eingedrungenen Schweden geplündert.

 Augustin Graf Auersperg erweiterte dann 1679 die

mauergcwaltige Anlage des Spätmittelalters um einen

frühbarocken Wohnflügel im Westen.

Zu den Denkmälern, deren Aussehen sich im Lauf der

Jahrhunderte wenig gewandelt hat, zählt auch Schloß

Bockfließ im nördlichen Marchfeld, am Südabhang des

unteren Manhartsberges. Seine Verteidigungsanlage ist

schon den Feuerwaffen angepaßt. die seit der Wende vom

Mittelalter zur Neuzeit das gesamte Kriegs- und Belage-
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.