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MAK

Full text : Alte und Moderne Kunst V (1960 / Heft 11 und 12)

Jahre vor der des schönen Wiener Porträts. Das ist jedoch

 im höchsten Maße unglaubwürdig, da Holbein nie

von ihm bereits verwendete Einzelmotive in späteren

Werken wieder aufgegriffen hat. Andererseits kann man

aber auch unmöglich annehmen, das 1530 datierte Bild

sei, später fälschlich signiert, von einem unbekannten

Vorgänger ausgeführt und habe Meister Holhein zu

jener schönen Gestaltung der Hände in dem Wiener

Porträt angeregt. S0 ist mit Sicherheit zu sagen, daß

die Datierung auf dem Gemälde aus der Sammlung

Hirsch unzutreffend ist und hier eine Motiv-Entlehnung

vorliegt, die sich an Holheins Wiener Bildnis anschließt,

wobei lebhafte Zweifel auftauchen, ob es sich überhaupt

um ein altes Gemälde handelt. Die unechte Signatur

legt jedenfalls den Verdacht sehr nahe, daß man es

hier mit einer böswilligen Fälschung aus jüngerer Zeit

zu tun hat.

Mehr Vertrauen können wir wohl dem Bildnis eines

bärtigen Mannes in Krakau entgegenbringen, das sich

gleichfalls in der Darstellung der Hände an Holbeins

Wiener Herren-Porträt anschließt. Wiederum fehlen

auf dem Tisch Schreibzeug und Tintenfaß, und die

Ringe sind um einen, und zwar am Mittelfinger der

rechten Hand, vermehrt. Die Behandlung des Gewandes

und ein schmaler Pelzkragen entsprechen hier noch

stärker als in dem eben erwähnten Gemälde dem Vorbild.

 Darüber steht der Kopf eines älteren Mannes mit

einer flachen Kappe, grauem Haupthaar und einem

zweigeteilten eisgraucn Vollbart. Der Dargestellte sitzt

in der Ecke eines zur Hälfte getäfeltcn Zimmers, dessen

Ausstattung ebenfalls von ferne an Holbein gemahnt,

allerdings im Gegensatz zu seinen lebensvollen Raumgestaltungen

 seltsam karg und in der Anordnung der

Gegenstände auch ein wenig zufällig wirkt. Man könnte

vielleicht bei der Leiste mit den dahinter steckenden

Briefen, dem Bord mit Kerze, Dose, Siegelband und

dem Wandbrett rechts mit Büchlein und Schachtel an

das Bildnis des Kaufmanns Gisze denken, bei dem Interieur

 und Ambiente jedoch fraglos reicher und

auch kunstvollcr durchgeführt erscheinen. Bekanntlich

 sind derartige Raumausschnitte bei Holbcin selten

und eigentlich nur zwischen 1528 (Astronom Kratzer)

und 1533 (Gesandten-Bild) einige Male zu finden. Die

Anordnung des Beiwerks und seine etwas trockene Dürftigkeit

 scheinen bei dem Porträt des bärtigen Alten eher

auf eine niederländische Schulung des Malers, etwa im

Kreise der van Cleve, zu verweisen." Das Gemälde, einst

in der Sammlung Pininski, Lemberg, befindet sich heute

im Wawel zu Krakau" und wurde von Swierzm dem

Christoph Ambcrger zugeschrieben. Diese Meinung, der

sich auch Bialostoeki und Walieki neuerdings angeschlossen

 haben," können wir nicht teilen. Sollte es

sich, wie wir gerne einräumen wollen, um ein altes Bild

handeln, so stammt es, wie gesagt, vermutlich aus dem

niederländischen Kunstkreis, aber keineswegs von einem

so gewandten und eigenschöpferischen Porträtisten wie

dem Augsburger Maler, der, was auch E. Haasler ausdrücklich

 betont hat, niemals llolbeins Werke kopierte."



Für die dritte Form nachschaffender Tätigkeit, den

Pasticcio, möchten wir ein mit dem Wiener Männerbildnis

 in Zusammenhang stehendes Porträt heranziehen,

 das bereits mehrfach publiziert worden ist."

Wiederum wurde die untere Bildhälfte, Handhaltung,

Ärmel, Mantel und Pelzkragen, dem Wiener Gemälde

nachgestaltet, es fehlen allerdings die Tischkante und

das Schreibgerät. Der Ausschnitt ist nämlich bei diesem

Bilde unten um einige Zentimeter verkürzt, und die

rechte lland des Dargestellten ruht so auf dem Rande

des Gemäldes. Übrigens sind die beiden Ringe an der

Rechten in der Neufassung vom kleinen auf den Ringfinger

 gewandert. Der Kopf hingegen ist einem anderen

Bildnis Holbeins entlehnt, dem großartigen Porträt von

Anton dem Guten, Herzog von Lothringen, im Berliner

Museum. Dieses Werk, eine der eindruckvollsten

Schöpfungen der Spätzeit, entstand wohl erst 1543, im

Todesjahr des Malers, denn die Altersangabe im Hintergrund

 lautet „Aetatis suae 54", und der Herzog war

1490 geboren." Die Vorstudien zu diesem Porträt reichen

 möglicherweise bis in den Ausgang der dreißiger

Jahre zurück, da von einem Zusammentreffen des

Künstlers mit Anton dem Guten nach 1538 nichts bekannt

 ist; zu dieser Zeit jedoch hat Holbein des llerzogs

 Tochter Anna in Naney konterfeit. Der Maler des

heute verschollenen Bildes hat nun aus dem Berliner

Gemälde den Kopf kopiert, um ihn dann mit Gewand

und Händen des Wiener Herrenporträits zu kombinieren.

Dabei haben die Gesichtszüge allerdings an Ausdruckskraft

 erheblich verloren. Im übrigen paßt auch zu jenem

Zug sinnender Versunkenheit, der sich in dem ernsten

Antlitz, vor allem in den ziellos blickenden Augen des

Lothringers ausprägt, keinesfalls die bewegliche Aktivität

 der Hände des jungen Mannes, die nicht von ungefähr

 einem Menschen zugehören, der durch den fest

auf sein Gegenüber gerichteten Blick in lebendigen Kontakt

 mit der Umwelt tritt.

Was Alter und Güte des Bildes betrifft, so sind die

Meinungen geteilt. Auch wir möchten die „Echtheit" des

Gemäldes bezweifeln. Es war offenbar am Anfang un-11


            
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