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Volltext: Alte und Moderne Kunst VI (1961 / Heft 45)

 
4 „Fallender Krieger". Der naturalis- 
tisch dargestellte Rumpf ist mit dem 
abstrakt geformten Kopf zu einem er- 
schütternden Ganzen verbunden. 
5 „Drei aufrechte Motive" - in der 
Mitte das „Glenkiln-Kreuz". - In kon- 
glomeraten, knochen- und eingeweide- 
artigen Gebilden deutet sich Moores er- 
neute Hinwendung zur Darstellung des 
Unterbewußtcn an. 
fühl voll zu befriedigen. Moore hat 
dies vielleicht selber gefühlt, so 
wie ihm auch bewußt geworden sein 
mag, daß der „Naturalismus" sei- 
nem tiefsten Instinkt nicht ent- 
spricht. Denn seine Kunst übt ge- 
rade du ihre mächtigste Wirkung 
aus, wo die Formen seiner Skulp- 
turen rätselhaft und dunkel sind 
und der Deutung einen sehr weiten 
Spielraum lassen. Was immer aber 
der Grund sein mag, in seinen neue- 
sten Werken ist deutlich eine Rück- 
kehr zu seinem stärker aufs Ab- 
strakte gerichteten Formwillen der 
Vorkriegszeit zu erkennen, der sich 
jetzt noch kräftiger und energischer 
als damals manifestiert. Insbe- 
sondere ist die Darstellung des 
Unterbewußtseins, das Moore im- 
mer wieder zum Gegenstand seiner 
Kunst gemacht hat, erneut hervor- 
getreten - diesmal in unheimlicher 
„biom0rpher" Gestalt - so in den 
 
ziemlich schreckenerregenden „Drei 
Motiven gegen Wand" (l958jS9), in 
den knochen- und eingeweidearti- 
gen Gebilden am „Glenkiln-Kreuz" 
und in schwellenden erotischen Aus- 
drucksformen, die vor allem an 
dem 1957-58 geschaffenen „Weib- 
lichen Torso" erkennbar sind. 
Gleichzeitig mit dieser Entwicklung 
zu einer Art abstrakter Organik hat 
Moore sich offenbar aber auch wie- 
der jenen geologischen Strukturen 
und Rhythmen zugewandt, in denen 
einige seiner schönsten Skulpturen 
der Vorkriegszeit geschaffen wur- 
den. Er ließ sie neu erstehen in den 
beiden „Zweiteiligen liegenden Fi- 
guren", die man wohl als seine ge- 
genwärtigen Meisterwerke betrach- 
ten darf. In diesen edel geformten 
anthropomorphen Landschaften, die 
weit ins Meer hinausragenden, von 
Wind und Wetter zerklüfteten und 
doch ewig unerschütterlich bleiben- 
den Klippen gleichen, scheinen sich 
nicht nur die tiefsten und charakte- 
ristischen Elemente der künstleri- 
schen Gestaltungskraft Moores zu 
vereinigen. Sie lassen plötzlich of- 
fenbar werden, daß die ganze Aus- 
stellung trotz aller nordischen 
Herbheit und Schroffheit der For- 
men an die klassische mediterrane 
Bildhauerkunst gemahnt und daß 
da, wo man bisher gewohnt war, 
alt-ägyptische und mexikanische 
Skulpturen zu den Quellen zu zäh- 
len, aus denen Moore seine Intui- 
tionen schöpft, nun auch die Mar- 
morstatuen des griechischen Alter- 
tums einbezogen werden müssen. 
Daß Moore den klassischen Huma- 
nismus - wenn auch noch so ent- 
fernt angedeutet - und die un- 
ruhige Sensibilität des 20. jahrhun- 
derts in eine zwar seltsam anmu- 
tende, aber überzeugende Beziehung 
zueinander gebracht hat, gehört zu 
den größten und ergreifendsten 
T riumphen seines künstlerischen
	        

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