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Full text: Alte und Moderne Kunst VI (1961 / Heft 48)

Regierungsform vollzog. Diesem Säeulum war das deko- 
rativ geschichtliche Lebensbild gemäß, das dem tradi- 
tionell katholischen Kaiserhaus, dem Hof, der Aristo- 
kratie entsprach. Das Interesse iür geschichtliche Ge- 
schehnisse wurde auch vom Burgtheater genährt, dessen 
Historiendramen Grillparzers, Goethes, Schillers und 
Hebbels wertvolle Anregungen von den Historicngemäl- 
den des Künstlerhauses erfuhren, woraus sich eine be- 
fruchtende Wechselwirkung zwischen Burgtheater und 
der Genossenschaft bildender Künstler Wiens, Künstler- 
haus ergab. Die klassischen Geschichtsdramen enthiel- 
ten jedoch auch wesentliehe freiheitliche Impulse, die 
das immer mächtiger werdende Bürgertum ansprachen. 
Der Auswirkung dieser Ideen trugen die Denkmäler des 
Ringstraßenkomplexes Rechnung, die nicht nur Personen 
des Kaiserhauses und der Hocharistokratie, sondern auch 
Bürgerliche darstellten. 
Nach der geistigen und sozialen Situation war es somit 
zeitbedingt, daß die Prachtbauten der Ringstraße ge- 
schichtlichen Stilen verpflichtet waren. Angewidert vom 
Slatthaltereistil der vorrevolutionären Ära, schöpften die 
gelehrten Baukünstler aus der Stiliülle der Vergangen- 
heit, vornehmlich aus dem Formenreservoir der Gotik, 
der Renaissance und der Barocke, sie schlossen auch 
maurisierende und byzantinische Stilelemente ein. llisto- 
risierend Romanisches, hellenistische Klassizitat und ein 
überladenes Neubarock wurden die Stildorninanten der 
Ringstraßenze Hinter den historisierenden Kulissen 
wirkten echte Kunstlerpersönlichkeiten als souvcr ne 
Gestalter, die im Sinne des lebensfrohen, völkervers h- 
nenden Wien aus der Vielfalt der Formen kon. nte 
Dekorationen über das Thema „Macht und Schönheit" 
abwandelten. 
Schwerpunkte der Gestaltung waren: Wiener Oper (Sic- 
card v. Sicc shurg und Van der Nüll), Votivkirche, 
Neue Universi t (Heinrich Ritter v. Ferstel), Heinrichs- 
 
 
 
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