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Full text : Alte und Moderne Kunst VI (1961 / Heft 49)

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MAGDALENA WI

INGARTNER

Die Ausstellung, die im heurigen Sommer den Besucher

der Tnnsbrucker Hofburg erwartet, ist einem bisher in

Tirol wenig erforschten und bekannten Zweig des Kunsthandwerks

 gewidmet. Werke der Goldschmiedekunst

waren gelegentlich auf kleineren lokalen Kunstausstellungcn

 zu sehen, wurden aber in zusammenhängender

Weise seit der großen Tiroler Landesausstellung von

1893 nicht mehr gezeigt, deren Katalog außerdem nur

das Notwendigste über die Objekte vermerkte.

Um so willkommener schien die Aufgabe, aus Anlaß der

jetzigen Ausstellung die Bestände an Goldschmied-zarbeilen

 in Sakristeien. Kirchenschätzen und in privatem Besitz

 neuerdings zu untersuchen, sie mit überlieferten

Meisternamen und Werkstätten in Verbindung zu bringen

 und ihre künstlerische Bedeutung, lintsteliungszeit

und Geschichte näher zu bestimmen. Freilich bot der

Vergleich mit alten Inventaren oder auch noch mit dem

genannten Katalog von 1893 keine besonders erfreulichen

 Aspekte in Bezug auf das, was Besitzumsehichtungen,

 Kriegswirren und finanzielle Notlagen dem Kunsthandel

 und dem Schmelztiegel im Lauf der Zeit überantwortet

 haben.

Den kirchlichen Schätzen hat besonders die josefinische

Zeit arg mitgespielt, doch stellen sie bei weitem noch den

überwiegenden Anteil, der vor allem für die mittelalterliche

 Zeit frommcs Stifterturn und handwerkliche Blüte

auch heute noch recht eindrucksvoll wiederzugeben imstande

 ist.

Aus der Fülle der einfacheren und häufig noch in Gebrauch

 stehenden Gegenstände seien einige Stücke hervorgehoben,

 die ob ihrer künstlerischen Bedeutung und

Geschichte weiteres Interesse beanspruchen dürfen.

Zu den kirchlichen (joldschmiedearbciten, auf die stets

alle Sorgfalt des Materials und der Ausführung verwendet

 wurde, gehören seit dem 14. Jahrhundert die Monstranzcn.

 Ihre Entstehung hängt bekanntlich mit der

Einführung des Fronleiehnamsfestes von 1264 zusammen,

in deren Folge sie als Gefäße zur Aussetzung und öffentlichen

 Verehrung des Altarsakramentes allgemein gebräuchlich

 wurden. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel

 einer gotischen Turmmonstranz, bei der die einzelnen

 Teile des Aufbaues der gleichzeitigen Architektur

entnommen sind, besitzt die Pfarrkirche von Hall in

Tirol: Über dem leider im I7. Jahrhundert erneuerten

Fuß ist der Schaft zu einem sechsseitigen Gehäuse mit

Maßwerkdurchbrüchen, Strebepfeilerchen und Fialen

ausgebildet, eine Form des Knaufes, wie sie auf Monstranzen

 und Reliquiaren öfters vorkommt, selten freilich

 in so reicher Ausbildung. Auf der weitausladenden

Standplatte häufen sich hohe Pfeilerbauten, die in krabbenbesetzte

 Helme auslaufen und miteinander durch

Strebepfeiler verbunden sind, und bilden ein vielschichtiges

 Ganzes von erstaunlicher Monumentalität. Unter

den Baldachintürmchen zu beiden Seiten des zylindrischen

 Hostiengehäuses stehen die vergoldeten, gegossenen

 Figürchen von Äiuttergottes und hl. Johannes,

deren untersetzte Proportion, breit fallender Faltcnwurf

und geschlossener Umriß auffällt.

Der Tradition nach soll die Monstranz zur reichen Ausstattung

 gehört haben, mit der der Protonotar Kaiser

Maximilians, Ritter Florian Waldauf von Waldenstein

seine um 1492 an der Pfarrkirche von Hall gestiftete

Kapelle bedachte. Doch dürfte diese späte Datierung nicht

mehr aufreehtzuerhalten sein, was vor allem aus einem

Vergleich mit den zu Ende des 15. jahrhunderts in Süddeutschland

 und vor allem in Südtirol in großer Zahl

entstandenen Monstranzen hervorgeht, bei denen die

Architekturteile bereits stärker variieren und die spielerisch-dekorative

 Note der Spätgotik angenommen haben,

 so daß der ganze Aufbau bedeutend freiräumiger

und aufgelöster erscheint. Möglich, daß die Haller Monstranz

 im Zusammenhang mit der Vollendung der Pfarrkirche

 Mitte des 15. Jahrhunderts in Auftrag gegeben

worden war und erst später irrtümlich mit der Waldaufstiftung

 in Verbindung gebracht wurde.

Mit der vorzüglichen Arbeit eines wahrscheinlich Innsbruckcr

 Goldschmiedes wartet das abgelegene Kirchlein

von St. Sigmund im Sellraintal auf. Der Kanzler Erzherzog

 Sigmunds und spätere Salzburger Domherr, Rupreeht

 Rindsmaul aus Hall, stiftete 1486 an das vom Erzherzog

 gegründete Gotteshaus ein Reliquienkreuz und

einen Reliquienschrein, die sich beide ohne spätere Veränderungen

 erhalten haben. Der auf vier gegossenen

Löwen aufruhende Schrein zeigt auf der Vorderseite in

durchbroehener Maßwerkrahmung eine Kreuzigung in

Perlmutterschnitt und auf der Rückseite die gravierte

Darstellung der Anna Selbdritt mit der hl. Ursula und

dem knienden Stifter. Die rahmende Hohlkehle füllt

umlaufendes freiplastisches Rankenwerk, das teilweise

von kleinen Blüten durchsetzt ist und ebenso wie das

verschlungene Spiralband am Rand eine hochstehende

handwerkliche Leistung darstellt. Die Zuschreibung an

einen tirolischen Goldschmied, wie deren mehrere am

Hofe Sigmunds genannt werden, liegt nahe. Verlockend

ist auch die Möglichkeit, zwischen dem St. Sigmunder

Stück und einem einige Zeit vorher vom Erzherzog nach

Kloster Andechs in Bayern gestifteten Rahmenreliquiar,

das sich ebenfalls noch erhalten hat, Werkstattzusammenhänge

 zu sehen.

Das Andechser Reliquiar, das eine der kostbarsten Reliquien

 des berühmten Andechscr Reliquienschatzes, ein

Stück vom Sehweißtuch Christi, enthält, besteht aus

einem rechteckigen Rahmen mit zwei seitlichen Griffen,

 dessen breite Hohlkchle ebenfalls von freiplastisehcm,

 hier mit Trauben durchsetztem Rankenwerk umzogen

 ist und ein ähnliches Spiralband am Rand aufweist.



Von hier aus auf die besonderen Merkmale der tirolischen

 Goldschmiedekunst zu schließen, würde Erörterungen

 über die gleichzeitigen Meisterwerke des Brixner

Domschatzes und verschiedene von Südtirolcr Meistern

vcrfertigte Arbeiten notwendig machen, die in diesem
            
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