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MAGDALENA WI
INGARTNER
Die Ausstellung, die im heurigen Sommer den Besucher
der Tnnsbrucker Hofburg erwartet, ist einem bisher in
Tirol wenig erforschten und bekannten Zweig des Kunsthandwerks
gewidmet. Werke der Goldschmiedekunst
waren gelegentlich auf kleineren lokalen Kunstausstellungcn
zu sehen, wurden aber in zusammenhängender
Weise seit der großen Tiroler Landesausstellung von
1893 nicht mehr gezeigt, deren Katalog außerdem nur
das Notwendigste über die Objekte vermerkte.
Um so willkommener schien die Aufgabe, aus Anlaß der
jetzigen Ausstellung die Bestände an Goldschmied-zarbeilen
in Sakristeien. Kirchenschätzen und in privatem Besitz
neuerdings zu untersuchen, sie mit überlieferten
Meisternamen und Werkstätten in Verbindung zu bringen
und ihre künstlerische Bedeutung, lintsteliungszeit
und Geschichte näher zu bestimmen. Freilich bot der
Vergleich mit alten Inventaren oder auch noch mit dem
genannten Katalog von 1893 keine besonders erfreulichen
Aspekte in Bezug auf das, was Besitzumsehichtungen,
Kriegswirren und finanzielle Notlagen dem Kunsthandel
und dem Schmelztiegel im Lauf der Zeit überantwortet
haben.
Den kirchlichen Schätzen hat besonders die josefinische
Zeit arg mitgespielt, doch stellen sie bei weitem noch den
überwiegenden Anteil, der vor allem für die mittelalterliche
Zeit frommcs Stifterturn und handwerkliche Blüte
auch heute noch recht eindrucksvoll wiederzugeben imstande
ist.
Aus der Fülle der einfacheren und häufig noch in Gebrauch
stehenden Gegenstände seien einige Stücke hervorgehoben,
die ob ihrer künstlerischen Bedeutung und
Geschichte weiteres Interesse beanspruchen dürfen.
Zu den kirchlichen (joldschmiedearbciten, auf die stets
alle Sorgfalt des Materials und der Ausführung verwendet
wurde, gehören seit dem 14. Jahrhundert die Monstranzcn.
Ihre Entstehung hängt bekanntlich mit der
Einführung des Fronleiehnamsfestes von 1264 zusammen,
in deren Folge sie als Gefäße zur Aussetzung und öffentlichen
Verehrung des Altarsakramentes allgemein gebräuchlich
wurden. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel
einer gotischen Turmmonstranz, bei der die einzelnen
Teile des Aufbaues der gleichzeitigen Architektur
entnommen sind, besitzt die Pfarrkirche von Hall in
Tirol: Über dem leider im I7. Jahrhundert erneuerten
Fuß ist der Schaft zu einem sechsseitigen Gehäuse mit
Maßwerkdurchbrüchen, Strebepfeilerchen und Fialen
ausgebildet, eine Form des Knaufes, wie sie auf Monstranzen
und Reliquiaren öfters vorkommt, selten freilich
in so reicher Ausbildung. Auf der weitausladenden
Standplatte häufen sich hohe Pfeilerbauten, die in krabbenbesetzte
Helme auslaufen und miteinander durch
Strebepfeiler verbunden sind, und bilden ein vielschichtiges
Ganzes von erstaunlicher Monumentalität. Unter
den Baldachintürmchen zu beiden Seiten des zylindrischen
Hostiengehäuses stehen die vergoldeten, gegossenen
Figürchen von Äiuttergottes und hl. Johannes,
deren untersetzte Proportion, breit fallender Faltcnwurf
und geschlossener Umriß auffällt.
Der Tradition nach soll die Monstranz zur reichen Ausstattung
gehört haben, mit der der Protonotar Kaiser
Maximilians, Ritter Florian Waldauf von Waldenstein
seine um 1492 an der Pfarrkirche von Hall gestiftete
Kapelle bedachte. Doch dürfte diese späte Datierung nicht
mehr aufreehtzuerhalten sein, was vor allem aus einem
Vergleich mit den zu Ende des 15. jahrhunderts in Süddeutschland
und vor allem in Südtirol in großer Zahl
entstandenen Monstranzen hervorgeht, bei denen die
Architekturteile bereits stärker variieren und die spielerisch-dekorative
Note der Spätgotik angenommen haben,
so daß der ganze Aufbau bedeutend freiräumiger
und aufgelöster erscheint. Möglich, daß die Haller Monstranz
im Zusammenhang mit der Vollendung der Pfarrkirche
Mitte des 15. Jahrhunderts in Auftrag gegeben
worden war und erst später irrtümlich mit der Waldaufstiftung
in Verbindung gebracht wurde.
Mit der vorzüglichen Arbeit eines wahrscheinlich Innsbruckcr
Goldschmiedes wartet das abgelegene Kirchlein
von St. Sigmund im Sellraintal auf. Der Kanzler Erzherzog
Sigmunds und spätere Salzburger Domherr, Rupreeht
Rindsmaul aus Hall, stiftete 1486 an das vom Erzherzog
gegründete Gotteshaus ein Reliquienkreuz und
einen Reliquienschrein, die sich beide ohne spätere Veränderungen
erhalten haben. Der auf vier gegossenen
Löwen aufruhende Schrein zeigt auf der Vorderseite in
durchbroehener Maßwerkrahmung eine Kreuzigung in
Perlmutterschnitt und auf der Rückseite die gravierte
Darstellung der Anna Selbdritt mit der hl. Ursula und
dem knienden Stifter. Die rahmende Hohlkehle füllt
umlaufendes freiplastisches Rankenwerk, das teilweise
von kleinen Blüten durchsetzt ist und ebenso wie das
verschlungene Spiralband am Rand eine hochstehende
handwerkliche Leistung darstellt. Die Zuschreibung an
einen tirolischen Goldschmied, wie deren mehrere am
Hofe Sigmunds genannt werden, liegt nahe. Verlockend
ist auch die Möglichkeit, zwischen dem St. Sigmunder
Stück und einem einige Zeit vorher vom Erzherzog nach
Kloster Andechs in Bayern gestifteten Rahmenreliquiar,
das sich ebenfalls noch erhalten hat, Werkstattzusammenhänge
zu sehen.
Das Andechser Reliquiar, das eine der kostbarsten Reliquien
des berühmten Andechscr Reliquienschatzes, ein
Stück vom Sehweißtuch Christi, enthält, besteht aus
einem rechteckigen Rahmen mit zwei seitlichen Griffen,
dessen breite Hohlkchle ebenfalls von freiplastisehcm,
hier mit Trauben durchsetztem Rankenwerk umzogen
ist und ein ähnliches Spiralband am Rand aufweist.
Von hier aus auf die besonderen Merkmale der tirolischen
Goldschmiedekunst zu schließen, würde Erörterungen
über die gleichzeitigen Meisterwerke des Brixner
Domschatzes und verschiedene von Südtirolcr Meistern
vcrfertigte Arbeiten notwendig machen, die in diesem