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MAK

Full text : Alte und Moderne Kunst VI (1961 / Heft 50)


ERNST PLISCHKE

Ein Kapiiel öslerleichische Archileklurgeschichfe

Im Mai dieses Jahres wurde Ernst Plischke der „Preis

der Stadt Wien" verliehen. Damit hat man nicht nur

an einen bedeutenden österreichischen Architekten der

Drcißigcrjahre erinnert, sondern auch an eine bemerkenswerte

 Zeitspanne der Wiener Baugesehichte. Im

Folgenden wird der Versuch unternommen, die Situation

 des Jahrzehnts vor 1938 in groben Umrissen dar!

zustellen. Da die Zusammenhänge äußerst kompliziert

sind, und in vielen Fällen noch ein zu geringer Abstand

besteht. kann dies nur sehr fragmentarisch und unzulänglich

 geschehen.

„Was nun weiter?" ist der Titel eines optimistischen

Aufsatzes des neunundzwanzigjährigen Ernst Plischke

(in „Die Bau- und Werkkunst", 1932), er beginnt: "Der

Kampf um die neue Architektur ist eigentlich schon

lange entschieden. Dem neuen Geist die technischen

Hilfsmittel zu schaffen war die einzige wirkliche llema

mung. Aber es war auch eine reine Frage der Zeit und

der Erfahrung. Allerdings eine harte Probe, die die weniger

 Weitbliekenden und zaghafteren Mitläufer nicht

durchhielten. Diese Zeit war auch die Galgenfrist der

Reaktionäre und für die Klügercn von ihnen die Zeit

sich unauffällig umzustellen. Die XVerkhundsiedlung ist

nun die erste geschlossene Manifestation in Wien."

lleute wissen Wir, daß die Werkbundsiedlung nicht nur

die erste, sondern auch die letzte geschlossene Manifestation

 moderner Architektur war. XWir finden Namen

vertreten, wie: Adolf Loos, Josef Hoffmann, Josef Frank,

Oskar Strnad, Ernst Lichtblau, Richard Neutra, llugo

Gorge, Ernst Plischke. Auch Gäste aus dem Ausland:-Andre

 Lureat, G. Rietveld und andere mehr. Wir wissen

 aber auch, daß die sogenannte Reaktion nicht „tot"

war, sondern, im Zusammenhang mit der politischen

Entwicklung, noch einmal zu einem entscheidenden

Schlag ausholte, dessen Wirkungen bis auf den heutigen

Tag festzustellen sind. Die Auswirkungen waren so groß,

daß sogar in Ländern, wie zum Beispiel in Holland, wo

nicht nur durch die Arbeit der Stijlgruppe ein beachtliches

 Niveau erreicht wurde, und das auch später nicht

von einem Programm artbewußter, nationaler Staatskunst

 bedrängt war, ebenfalls eine Reaktion romantisierender,

 „heimat- und bodenverbundener Bauweise"

einsetzte.

Die Situation der Architekten in Wien war aber nicht.

nur durch die äußeren Ereignisse gefährdet. Während

noch Otto Wagner (1841 bis 1918) in seiner Arbeit von

einem unzerstörbaren Optimismus beseelt war, gerieten

die führenden Geister nach dem Ersten Weltkrieg fast

in eine skeptische Passivität. Die großen Pionierleistungen

 von Adolf Loos (1870 bis 1933) und Josef Hoffmann

(1870 bis 1955) entstanden fast gleichzeitig mit denen

Otto Wagners vor 1914. Ihre Gedanken wurden nach

dem Weltkrieg teilweise von jüngeren Gruppen aufgegriffen,

 vermischt, mißdeutet und auch mißbraucht.

oder unter anderen Voraussetzungen angewendet. In

Deutschland bildete sich unter Walter Gropius das „ma-Ierialistische"

 Bauhaus, in Holland die Stijl-Gruppe (um

nur zwei „Zentren" zu nennen, welche eine Revolution

der gesamten Kunst durchführtcn), Le Corbusier trat

mit seinen Schriften und Bauwerken vor die Öffentlichkeit

 und in Finnland entstand die Bibliothek in Viipuri

und das Tuberkulose-Sanatorium Paimio von Alvar

Aalto. Die Maschine tritt in das Bewußtsein der Künstler

 und ihre „schlaekenlose" Funktion wird zum Symbol

des neuen Formwillens. Neben der zentralen Bedeutung

des Funktionellen und des Konstruktiven. gibt es in der

folgenden Auseinandersetzung fast keinen Aspekt des

Bauens, der nicht, wenn auch nur für kurze Zeit, auf

den Thron gehoben wird.

Heute erkennen wir, daß diese Ühurbetonung einzelner

Probleme arbeitsmethodisch von großem Nutzen war

und, da hinter den einzelnen Programmen zum Teil

hervorragende und „ganze" Persönlichkeiten standen,

auch Ergebnisse von bleibendem Wert erzielt wurden.

In Wien stand man diesen schwungvollen Entwicklungen

 etwas skeptisch gegenüber. Vor allem Josef Frank

(geb. 1885), unter dessen Oberleitung die Wiener Werkbundsiedlung

 entstand. erkannte die tieferen Zusammenhänge

 und die große Gefahr der Clberbewertung einzelner

 Aspekte, da sie leicht zur Ausdehnung einiger Prin-28


            
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