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Full text : Alte und Moderne Kunst VII (1962 / Heft 56 und 57)

DIETER GROSSMANN Die jkbäne [Madonna 1'121 Louvre

in Örlerreirla

und ihre Verwandten

Der Pariser Louvre erwarb im Jahre 1889 aus dem

Kunsthandel eine Madonnenrigur aus grauem Gußstein;

 sie ist 73 74 cm hoch, 30 cm breit und

19 cm tiefl). Die Figur wurde erstmals 1923 von

Wilhelm Pinder im Zusammenhang mit den Schönen

Madonnen gesehen, und in der Tat ist ihre Zugehörigkeit

 zu diesem Kunstkreis evident. Die Abbildung,

 die Pinder im _]ahrbuch der Preußischen

Kunstsammlungen geben konnte, täuscht jedoch

beträchtlich über die tatsächliche Plastizität der

Figur und gefährdet eine objektive Beurteilung Z).

Unter den anerkannten Typen der Schönen Madonnen

 ist es vor allem derjenige der Madonnen von

Hallstatt und Krumau, dem die Louvre-Madonna

nahesteht; noch enger sind die Beziehungen zur

Pilsener Madonna, die als Hauptvertreterin eines

eigenen Typs zu werten ist. Die Louvre-Madonna

steht in einer leichten Schwingung, die durch den

Zug beherrschender Falten als Doppelwellenschwung,

 nicht nur als einfache S-Kurve zu empfinden

 ist. Ihr Haupt ist leicht nach rechts geneigt,

der Blick jedoch zum Beschauer gerichtet. Sie trägt

mit beiden Händen das Kind vor dem Leib und

bietet es dem Gläubigen dar. Ihr linkes Bein ist als

Standbein zurückgesetzt, ihr rechtes Bein ist als

Spielbein im Knie gebeugt und nach vorn gestellt,

so daß die Fußspitze eine Ecke der breit-rechteckigen,

vorn stark abgeschrägten Standplatte berührt. Dieser

Haltung entspricht eine starke S-Schwingung in der

Seitenansicht, besonders von links, in Entsprechung

zu den Madonnen von Hallstatt, Krumau und Pilsen,

die im Körpergefüge ähnlich aufgebaut sind.

Die Madonna trägt ein langes Gewand, einen weiten

Mantel und ein leicht über die Schultern hängendes

Kopftuch; die einst gesondert gearbeitete Krone ist

nicht mehr vorhanden. Das Antlitz ist lieblich im

Ausdruck; in sanften Wellen schmiegt sich das Haar

ihm an; das lebhaft gefältelte Kopftuch rahmt den

Hals und gleitet auf und vor den Schultern herab.

Der Mantel wird vor der Brust von einer kleinen,

karoförmigen Agraffe zusammengehalten. Das Kind

liegt sehr diagonal, fast schon in Querlage, und

blickt auf den Apfel, den es mit beiden Händen

(mit abgespreizten Daumen) vor seinem Leib hält.

Die Beine sind parallel. Die Hände der Madonna

sinken, wie bei der Mehrzahl der Schönen Madonnen,

in das Fleisch des Kindes ein.

Der Faltenaufbau wird durch den Stoffreichtum

des Mantels bestimmt, der von beiden Unterarmen

Mariens gerafft wird und in einer breiten Partie

vor dem Leibe herabhängt. Als Hauptmotive sind

zwei mittlere Schüsselfalten, eine diagonale Schleppfalte

 und die seitlichen Kaskaden anzusehen. Diese

Faltenkaskaden sind sehr zurückhaltend gebildet und

ordnen sich auffallend glatt dem Umriß ein. Der

Leib der Madonna scheint sich in der glatten Partie

unter dem Kinde durchzudrücken, die von einer

fast halbkreisförmigen Schüsselfalte gerahmt wird.

Ihr folgt eine zweite, tiefer hängende, die durch

das links vortretende Spielbein leicht nach rechts

abgedrängt wird. Links von der Hüfte aus fallt eine

breite Mantelpartie (deren unterer Saum erst beim

Ende der linken Kaskade beginnt) diagonal vor den

Körper und schleppt nach rechts hin aus. Das Knie

drückt sich leicht durch und läßt eine weitere Falte

entstehen, die über der Standplatte leicht nach links

abknickt. Zwischen der Spielbeinhiifte und der

äußeren Kaskade entsteht eine tiefe Furche, deren

fast senkrechter Verlauf sich unterhalb des Mantels

als linke Außenkontur fortsetzt. Aus dem rechts

über den Unterarm hängenden Mantelteil entwickelt

sich eine schmale, hochedreieckige Kaskadenpartie

vor dem Standbein, das stark zurückgesetzt ist und

durch eine Vertikalfalte im unteren Teil optisch

unterstützt wird. Diese äußere Hängefalte rechts

schließt sich jedoch mit der Diagonalfalte nirlyt zu

einer Haarnaclelfalte zusammen.

Der (iesarntumriß der Figur nimmt von oben her

gleichmäßig zu bis zur Höhe der ersten Schüsselfalte,

 dann mäßig wieder ab bis zum Unterschenkel,

endlich schwillt er zum Sockel hin mäßig wieder an.

Auf beiden Seiten ist die Kontur in weiter, weicher

Kurve geführt, an der alle Faltenzüge enden. Dadurch

ergibt sich eine reliefhafte Wirkung, innerhalb

derer die nicht unbeträchtlichen plastischen Höhen

und Tiefen der Figur gefangen bleiben.

Diagonalansichten der Figur, in auffälligem Maße

die Diagonale von halblinks vorn, machen deutlich,

wie wenig auf rundumführende Faltenzüge XVert

gelegt ist. Die Figur scheint an den Kanten - sowohl

vorn wie hinten 7 regelrecht umzubrechen. Gleichwohl

 sind die reinen Seitenansichten wieder ausgewogen.



Auffällig wird hier, in wie starkem Maße das Kind

parallel zur Vorderebene der Madonna getragen

wird, ganz anders als etwa bei der Madonna von

Großgmain (bei Salzburg). 7

Die Rückansicht der Louvre-Madonna zeigt einen

einfachen und klaren Aufbau (alle „echten" Schönen

Madonnen sind ja vollrund gearbeitet und haben

eine klar ausgearbeitete Rückansicht). Es gibt bei

den Schönen Madonnen zwei Grundtypen für den

Aufbau der Rückseite. Im einen Falle gehen von

der Schulter lange, kräftige Vertikalfalten aus, die

erst kurz vor dem Erreichen der Standplatte nach

den Seiten hin abbiegen (Thorn, ßreslaufFeichten,

HallstattfKrumau, Franziskanermadonna in Salzburg).

 lm anderen Fall entspricht der vorderen

Raffung des Mantels durch beide Unterarme auch

eine solche auf der Rückseite. Es bilden sich unter

der Hüfte ein oder zwei kräftige Schüsselfalten,

denen der Mantelsaum in annähernder Parallele

folgt; die von der Schulter ausgehenden Vertikalfalten

 werden unter den Ellbogen abgefangen und

nach vorn wieder hochgerafft. Unter dem Mantelsaum

 kommen einige Vertikalfalten hervor, die dem

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