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Full text : Alte und Moderne Kunst VII (1962 / Heft 56 und 57)

DORA IKIEINZ Geluirkle [Wmzumentalzlinlrrßi -

und Burgund 11111 7400

Zur Tupixxeriekunxf in Frnnkrrirlv

Das hötische Leben und die

verfeinerte Kultur des späten Mittelalters

 haben nirgends reichere

Ausgestaltung und schöneren

bildlichen Niederschlag gefunden

als in Frankreich und dem ihm

unmittelbar verbundenen Herzogtum

 Burgund. Zu Architektur,

Plastik, Malerei und Goldschmiedekunst

 trat in der 2. Hälfte

des 14. Jh. die Tapisserie, der

gewirkte Wandteppich, als ein

neuer Bereich künstlerischer Gestaltung.

 Die Anfange der Wirkerei

 liegen in den frühen Epochen

 der antiken Hochkulturen,

einige wenige erhaltene Beispiele

bezeugen ihre Kenntnis und

Übung in der romanischen Epoche

 des Abendlandes, nun aber

erst begann ihre künstlerisch bedeutendste

 Periode, die den Wandteppich

 zum Äquivalent monumentaler

 Malerei erhob. Die bis

dahin zumeist für einfachere

Gebrauchszwecke verwendete

Wirkarbeit fand in großen Figurenreichen

 Teppichfolgen den Anschluß

 an die zeitgenössische Malerei

 und wurde zugleich eines

der bevorzugten Ausdrucksmittel

höfischer Prunkentfaltung. Die

Tapisseriemanufakturen von Paris,

 Artas und Tournai waren

die ersten Träger dieser neuen

großartigen Entwicklung der Wirkerei

 zur Monumentalkunst, die

den Auftakt zur Geschichte der

europäischen Wandteppiche im

engeren Sinn bilden, die für mehr

als 400 Jahre in Frankreich und

den Niederlanden ihre reichste

künstlerische Entfaltung fand.

Von der 2. Hälfte des 14. Jh. an,

da die Tapisserie als selbständige

und bedeutende künstlerische Ausdrucksform

 auftritt, ist sie hier

eine ausgesprochen höfische

Kunstübung. Die ebenso prunkliebenden

 wie kunstsinnigen Brüder

König Karls V. von Frankreich

(1364-1380), die Herzöge Ludwig

 von Aniou, Jean de Berry

und Philipp der Kühne von Burgund,

 waren die ersten großen

Auftraggeber und Förderer der

franco - flämischen Tapisseriekunst,

 die den Wandteppich zum

repräsentativen Zeugnis ihres

Kunstsinnes erhoben. Die enge

Verbindung mit den höI-ischen

Kreisen übte eine tiefgreifende

Wirkung auf die inhaltliche wie

auch formale Entwicklung der

spätgotischen Tapisserien. Nirgends

 sonst erhielten profane

Bildinhalte neben den religiösen

eine so reiche Ausgestaltung, in

keinem anderen Bereich kunsthandwerklichen

 Schalfens macht

sich ein stärkerer Einfluß der

richtunggebenden Künstlerpersönlichkeiten

 geltend. Einer lebhaften

 Wechselwirkung zwischen

dem Entstehen großer Ateliers

und den umfangreichen Bestellungen

 der fürstlichen Auftraggeber,

 die deren Aufstieg förderten,

 in der äußeren Geschichte

entspricht in der künstlerischen

Entwicklung der Tapisserien die

fruchtbare Auseinandersetzung

zwischen Entwurf von Künstlerhand

 und technischen Möglichkeiten,

 Aufnahme malerischer Anregungen

 und der Ausbildung

einer eigenen künstlerischen Gesetzlichkeit.

 Dieses Wechselspiel

bildet das künstlerische Hauptproblem

 der Tapisserien vom

letzten Viertel des 14. bis zur

Mitte des 15. Jh.: Am Anfang

steht der völlige Gleichklang zwischen

 Wandteppich und Malerei,

insbesondere der Miniatur, um

1460 erscheint ein eigener, von

den speziellen Formproblemen der

spätgotischen Tafelmalerei weitgehend

 unabhängiger Tapisseriestil

 voll ausgebildet.

Den Ausgangspunkt dieser glanzvollen

 Entwicklung der francoflämischen

 Bildwirkerei bildet

eines der großartigsten und berühmtesten

 Werke der Tapisseriekunst

 überhaupt: die Teppiche

der Apokalypse von Angers. In

den Jahren zwischen 1375 und

1379 schuf der Hofmaler König

Karls V. Jean de Bondolf (oder

I-Iennequin de Bruges) im Auftrag

 Herzog Ludwigs von Anjou

 die Entwürfe zu 7 riesigen

Teppichen (jeder ca. 5.50 hoch

und 24 m lang), die V in 2 Reihen

übereinander angeordnet 7 insgesamt

 90 Bilder aus der Geheimen

Offenbarung des hl. Johannes

und 7 große Einzelliguren enthielten.

 Diese wurden von dem

bedeutendsten Wirker und Tapisseriehändler

 in Paris, Nicolas Bataille,

 ausgeführt. Von diesem

riesenhaften Werk sind heute noch

70 Bilder und 8 Fragmente mit

einer Gesamtlänge von ungefähr

100 Metern erhalten (Abb. 1-3).

Der Künstler benützte für die

Entwürfe die Miniaturen mehrerer

Apokalypsenhandschriften des

13. und frühen 14. Jh. als Vorlage;

 vor allem eine Handschrift,

die König Karl V. aus seiner

Bibliothek seinem Bruder eigens

zur Verfügung stellte „pour faire

son tapis", wie eine Eintragung

im königlichen Inventar vermerkt

 (Bibl. Nat. Cod. 403).

In diesem Fall ist historisch

sicher zu belegen, was der Stil

der Tapisserien vor und um

1400 erweist: kleine Handschriftenminiaturen

 gaben die unmittelbare

 Anregung für die großen

Kompositionen der Wandteppiche.

Die entscheidende Bedeutung der

Miniaturen für die monumentalen

Tapisserien erklärt sich aus dem

völligen Gleichklang aller (icbiete

 der Malerei in dieser Periode.

Dieser machte es möglich, daß

Bilder, die für die Größe von

Buchseiten geschaffen waren, in

ihrer Vergrößerung zu außerordentlich

 monumentaler Wirkung

 gelangen konnten, denn

ihre künstlerische Gestaltung ist

von einer inneren Größe bestimmt,

die diese Umsetzung in die andere

Bestimmung als Wandteppich

ohne tiefgreifende Veränderung

möglich machte. Weit über die

Abhängigkeit von verschiedenen

Vorlagen hinaus aber bilden diese

Teppiche eine Interpretation der

visionären Bilder der Geheimen

Offenbarung von seltener Eindringlichkeit

 und Ausdruckskraft.

Trotz genauer uncl reichhaltiger

Interpretation des Textes bleibt

stets die große Bildwirkung gewahrt,

 ist möglichst auf alles

Beiwerk verzichtet. Die großzügige

 elegante Zeichnung, die

Gegenüberstellung von reicher

Binnengestaltung mit betontem

Umriß bestimmt die künstlerische

Wirkung. Scharf heben sich die

Figuren und Gruppen in ihren

hellen Tönen von dem von Bild

zu Bild wechselnd blauen und

purpurroten Grund ab. Ein Wolkenband

 oben und ein schmaler

Terrainstreifen als unterer Abschluß

 kennzeichnen dies Geschehen

 als „zwischen Himmel

und Erde". In der Gestaltung

des Hintergrundes läßt sich deutlich

 der Fortschritt der Arbeit

erkennen, in dem allmählich die

dekorative Gesamtwirkung der

Teppiche stärkere Berücksichtigung

 fand. In den späteren Teppichen

 füllen Impresen, Streublumen

 und Rankenwerk die Flachen

 des Fonds und binden die

Figuren, deren gleitenden Linienfluß

 der Zeichnung sie fort-23


            
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