jenes schlechte Gewissen, aus dem Munchs Figuren
ihre schreckliche Wirklichkeit beziehen. Aus diesem
Grund Wirken Klimts Blätter ß auch die gewag-
testen 7 niemals obszön, die Dimension „Moral"
fehlt ihnen einfach. In metaphorischer Weise mag
diese Tatsache als Erklärung für das Fehlen der
dritten Dimension bei Klimts Arbeiten im rein
Formalen dienen. S0 sind Klimts beste Arbeiten
nie gegenstandslos, nie lebens- und naturfern und
doch stets ganz Ornament - ein schöner, kostbarer
Schmuck, wie die Liebe selbst, die sie verherr
liehen.
Auch Klimts Haltung zu den Formprnblemcn der
Kunst entspringt einer sehr profilierten Gesinnung:
sein „P0intillismus" hat zweifellos etwas mit den
Bemühungen von Seurat und Signac zu tun, doch
ist Klimt himmelxveit davon entfernt, „Recherchen"
anzustellen und Farbtheorien aufihre Anwendbarkeit
zu erproben wie die beiden Franzosen; für ihn bietet
sich auch hier eine Möglichkeit, das Neue, Revolu-
v Rückcnstudie am lirgcndvn bekleideten Frau. Um 19m.
Wien, Alberrina
10 Stcllcndc Dame nach rcclm. Um 19mm, Wien,
m. Lcopnld
n smndes Mädchen. Smdic m: das Bildnis Mida Prima-
ww. Um 1913. Wien, Alhvrtintl
tionäre auf seine „GenießbarkeiW hin zu unter-
suchen, wobei gerade das, was die Franzosen
gänzlich außer acht lassen, nämlich die sinnliche
Anteilnahme des Beschauers, im Vordergrund des
Bemühens steht. Auch in dieser Hinsicht ist Klimts
Kunst alles andere, nur nicht platonisch. S0 haben
Klimts Gemälde rein von der Oberfläche her die
Wärme eines köstlichen Teppichs, sie erschließen
sich auch dem Tastvermögen, man möchte sie
gerne angreifen und streicheln. Dazu kommt noch
infolge des Einbcziehens kostbarer Materialien eine
Art von Leuchtkraft, die sie in die Nähe von
Mosaiken rückt und das Dargestellte irrationalisiert.
Hinter diesem irrationalen aber steht - und das
ist der Wermutstropfen in Klimts süßem Wein -
die Ahnung von der Vergänglichkeit, Zerbrech-
lichkeit und Ilinfalligkeit aller Dinge, von der
totalen Relativität der Genußwelt und ihrer voll-
kommenen Labilität. Krankheit, Erschöpfung, viel-
leicht sogar Armut lauern im Hintergrund 7 auf
v, .5