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Full text: Alte und Moderne Kunst IX (1964 / Heft 76)

HARD WOECKEL Die Brzmnemznlagen vor dem Äfüzlrbwzm" jeszzitenklorter" im {Wandel der Jahrhunderte I 
erzen Altmünchens entstand am Ende 
i. Jahrhunderts ein an der Neuhauser- 
, der Hauptverkehrsader der Stadt, ge- 
ir Platz (Abb. 1) von verhältnismäßig 
:idenen Ausmaßen, der bis heute ohne 
n blieb. Zu seiner Gesamtkonzeption 
t von Anfang ein Zierbrunnen. Ver- 
bar dem größeren Ludwigsplatz in 
Nlfg in seiner ursprünglichen Gestalt, 
einem großartigen Blick auf die von 
Holi errichtete Rathausfront (1615 bis 
und auf den von Hubert Gerhard ge- 
:nen Augustusbrunnen (1593), gehören 
ide zu den schönsten Platzräumen der 
hen Spätrenaissance. Dieser im Kern 
hens gelegene Platz wird östlich von 
z Schauwand nach niederländischen Vor- 
n gestalteten Fassade der St-Michaels- 
e begrenzt, an die westlich der unter 
Namen „Wilbelminum" bekannte Ge- 
trakt mit seinem rechtwinklig vorsprin- 
n Queriiügel sich anschließt. Sie be- 
gten einst das Kollegium und das von 
g Albrecht V. von Bayern im Jahre 1559 
ndete und von ihm nach einem Zitat 
chthons als „Pflanzstätte eines Gott 
efälligen Volkes" bezeichnete Gymna- 
des Jesuitenordens, der im gleichen 
in München Fuß gefaßt hatte. Es ist 
icht der Ort, über die europäische Be- 
ig der im wesentlichen durch Friedrich 
s errichteten Architektur der Münchner 
enkirche zu sprechen, die sich in an- 
1d 150 Nachfolgebauten im süddeutschen 
wie in Ausstrahlungen nach Österreich, 
Schweiz und das Elsaß manifestiertl. 
ichael ist die erste große Hofkirche der 
sbacher und sie wurde später auch ihre 
uft. Herzog Wilhelm V., der sie wie 
lCh ihm benannte Wilhelminum als ein 
zsmal" der Gegenreformation (Th. Mül- 
'richten ließ, betrachtete sie als eine der 
gsten während seiner Regierungszeit 
zuführenden Bauaufgaben, die in ent- 
ender Weise das Gesicht des nach- 
elterlichen Münchens mitformten. Wie 
1er mit dem Beinamen der „Fromme" 
hte Herzog gerade mit dieser Aufgabe 
ientifizierte, geht daraus hervor, daß er 
telbar nach Vollendung von Kirche und 
:r, noch nicht fünfzigjährig, zugunsten 
Sohnes, des späteren Kurfürsten Maxi- 
. 1., im Jahre 1597 freiwillig abdankte, 
ch 7 wie es im gleichen Jahrhundert 
unter gleichen Voraussetzungen bei 
V. und seinem Aufenthalt im Kloster 
ieronimo de Yuste in Estremadura und 
in ähnlicher Weise bei Philipp ll. und 
Escorial der Fall war - fortan nur noch 
isen Meditationen in seinen Einsiede- 
n Neudeck und Schleißheim zu widmen. 
gentliche baukünstlerische Nachfolge der 
ichaels-Kirche erfolgte unter religions- 
achem Aspekt am Vorabend des Dreißig- 
jährigen Krieges in Neuburg a. d. Donau. Be- 
wußt als Widerpart zum gegenreformatori- 
schen jesuitischen Zentrum in München er- 
baute Herzog Philipp Ludwig von Pfalz- 
Neuburg - von der wittelsbachischen, pro- 
testantisch gewordenen Pfalz-Neuburgischen 
Linie (1569 1614) i die U-L-Frauen-Hof- 
kirche als „Trutz-Michael" in Neuburg a. d. 
Donau (Bauleitung von Girg Vältin nach 
Plänen des kurfürstlichen Hofbaumeisters 
Siegmund Doctor und des kaiserlichen Hof- 
kammerrnalcrs Joseph Heinz). Es entbehrt 
nicht einer gewissen geschichtlichen Ironie, 
daß dann der Sohn und Nachfolger dieses 
Herzogs, Wolfgang Wilhelm (1578-1653), 
im Jahre 1613 zum Katholizismus übertrat, 
die Gegenreformation in seinen Landen ein- 
führte und schließlich den Jesuiten die im 
Jahre 1618 vollendete Neuburger Kirche über- 
gab, die ursprünglich als protestantisches 
Gegenstück zu St. Michael in München kon- 
zipiert war. Über den Nachruhm der Michaels- 
kirche im 17. Jahrhundert sei hier nur an den 
vielzitierten Ausspruch des schwedischen Kö- 
nigs (iustav Adolf erinnert, den er nach der 
Eroberung Münchens am 19. S. 1632 tat. Nach 
dem Besuch der Jesuitenkirche äußerte er, sie 
sei „ein prächtiger Tempel". Für das früh- 
und hochbarocke München war das Jesuiten- 
kloster und der vor ihm gelegene Platz ein 
besonderer Anziehungspunkt, weil vor seiner 
Fassade und in seiner (nicht mehr erhaltenen) 
Aula vor großen Zuschaucrscharen geistliche 
Mysterienspiele und Jesuitendramen meist in 
lateinischer Sprache aufgeführt wurden. Dies 
geschah bis zu der in der Aufklärung erfolgten 
Aufhebung des Jesuitenordens durch das Breve 
des Papstes (llemens XlV. am 21.7.1773. 
Wie aufwendig man sich eine derartig „un- 
gemein erhebende Comödia" vorstellen muß, 
mag die zeitgenössische Nachricht zeigen, daß 
bei der Einweihung von Kirche und Kloster 
(1597) nicht weniger als 900  Jesuiten- 
schüler bei einer solchen Aufführung mit- 
wirkten. Das damals gespielte Stück „Streit 
des Erzengels Michael mit dem Teufels- 
Großfürsten Luzifer" dauerte nicht weniger 
als acht Stunden. Den damaligen Zuschauern 
kam dieses von einer eigens dazu komponier- 
ten Musik begleitete Drama angeblich „allzu- 
kurz" vor 1. 
Ein, wie es scheint, zur Einweihung von 
Kirche und Kloster als Erinnerungsblatt ge- 
schaffener Stich von Johann Smisek ist als 
zeitgenössische Ansicht dieses Baukomplexes 
ein Dokument ersten Ranges. Er wurde 
Herzog Wilhelm V. in einer längeren ruhm- 
redigen Inschrift vom Künstler gewidmet. 
Dieser Stich, von dem wir zwei Detailansichten 
(Abb. 1, 2) wiedergeben, ist zugleich der Aus- 
gangspunkt unserer Untersuchungl. Bei der 
Betrachtung des Smisekkchen Blattes, das 
topographisch von minutiöser Genauigkeit ist, 
fallt auf, daß vor dem langgestreckten Ge- 
bäude des Jesuitenklosters zwei kleinere 
Brunnen ungevaöhnlicherweise außerhalb sei- 
ner Fluchtlinie wiedergegeben sind. Achsial 
auf den östlichen Eingang bezogen ist in- 
mitten eines sechseckigen Brunnenkastens als 
Bekrönung eines balusterförmigen Rund- 
sockels ein aufrecht sitzender Löwe als Wap- 
penhalter auf diesem Stich dargestellt, dessen 
Gestalt über die Jahrhunderte weg jenen 
berühmten Marzocco Donatellos als seinen 
Ahnherren nicht verleugnen kann, der - 
vorübergehend an der Nordwestecke des 
Palazzo della Signoria 7 heute im Bargello 
in Florenz steht. Trotz der auf dem Stich 
etwas summarisch erfolgten Wiedergabe des 
Brunnentieres läßt sich aus ihr doch so viel 
mit Sicherheit ablesen, daß hier eine weit 
über den bloßen Zufall hinausgehende Affinität 
mit den vier schildhaltenden Bronzelöwen 
(Abb. 3) Hubert Gerhards in München be- 
steht. Ursprünglich waren sie für das nicht 
vollendete Grabmal Wilhelms V. in der 
Jesuitenkirche bestimmt. Nach der Aufgabe 
dieses Planes (nach 1610) wurden sie paar- 
weise vor die beiden Eingänge an der West- 
fassade der Münchner Residenz postiert. 
Besser, als es die beschreibenden Wlorte ver- 
mögen, beweisen es die beiden Proi-ilansichten 
dieser schildhaltenden Löwen, wie eng sie 
miteinander typusmäßig verwandt sind. Was 
liegt näher, zu glauben, daß diesen nicht 
erhaltenen (in Bronze gegossenen?) Brunnen- 
löwen Herzog Wilhelm V. als l-loheitszeichen 
für den Platz vor dem von ihm erbauten 
Jesuitenkloster errichten ließ, wobei mit 
Sicherheit zu vermuten ist, daß dieses Stück 
ebenfalls auf ein von Hubert Gerhard in der 
Münchner Hofwerkstatt geschaifenes Modell 
zurückging. Für den von uns genannten Auf- 
traggeber, der diesen Bildhauer erstmals im 
Jahre 1584 nach München berief, spricht auch 
das Thema dieser als Hoheitszeichen errichte- 
ten Brunnenskulptur in Gestalt des bayerischen 
Löwen, der hier als XVappenhalter in Er- 
scheinung tritt. XVie verbreitet in der süd- 
deutschen Renaissance gerade diese Form des 
in Rede stehenden Löwenbrunnens war, zeigt 
sein Vergleich mit einem typusmäßig völlig 
entsprechenden Werk aus der Mitte des 
16. Jahrhunderts, das sich auf dem Alrrathaus- 
platz in Dinkelsbühl befindeth. Es vermittelt 
zugleich eine lebendige Vorstellung von der 
durch den Smisekischen Stich überlieferten 
Gestalt dieses ersten Münchner Jesuiten- 
brunnens, wie er in der Folgezeit oft genannt 
wird, einer Bezeichnung, der wir uns auch 
von Fall zu Fall bedienen wollen. Für diesen 
Brunnen gibt es einen bisher unbekannten 
Terminus post quem. An der Stelle, an der 
man ihn errichtete, stand ursprünglich der 
Hauptaltar der dem Kloster Schäftlarn ge- 
hörenden alten SL-Nikolaus-Kirche, die wegen 
des Neubaues der SL-hlichaels-Kirche (158381) 
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