Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Alte und Moderne Kunst IX (1964 / Heft 77)

die jetzt in den Brennofen wandern. Nach

dem Brennen werden die einzelnen Teile nunmehr

 zu dem endgültigen Ofen zusammengesetzt

 und dann glasiert. Verschiedentlich

werden auch feine Zierglieder und Ornamente

gesondert geformt und nachträglich auf die

Mantelpartien des Ofens aufgetragen.

Von den Möbel- und Figurenöfen geben die

ersteren den älteren Typus ab. Das früheste

Stück ist bereits als Regenceschöpfung im

ersten Drittel des 18. Jahrhunderts nachweisbar.

 Dagegen taucht als später Nachzügler

der Figurenöfen noch ein Vertreter dieser

Gattung als Louis-XVl-(Jfen zu Beginn des

letzten Drittels im ausgehenden 18. jahrhundert

 auf. Damit verschwindet dieser Typus

restlos von der Bildfläche.

Der Ofenbau stand nach Überwindung der

archaischen Urformen (Sücltirol) zu Beginn

der Gotik und im weiteren Verlauf der

historischen Entwicklung unter dem entscheidenden

 Einiluß der Architektur. Der

Hafner übernahm von diesem Kunstzweig

nicht nur einzelne Architekturdetails, sondern

sogar ganze Bauformen, wie das bei den turmartigen

 Bildungen der gotischen Öfen und

den Farradenoifen der Renaissance der Fall

1512.

Noch weiter gingen die Hafner des 18. jahrhunderts,

 als sie sich für die Gestaltung jenes

Ofentyps, von dem hier die Rede ist, ihre

Anregung aus der zeitgenössischen Möbelkunst

 holten. Hervorgerufen und begünstigt

wurde diese Sonderform durch den Hang zum

Kapriziösen, der besonders für die hölische

Gesellschaft des Rokoko so bezeichnend ist

und eine stilbildende Bedeutung hatte. Nur

so ist es zu erklären, daß man auf den uns

heute recht ausgefallen anmutenden Gedanken

kommen konnte, den Öfen in den Repräsentationsräumen

 der Schlösser das Aussehen von

Kommoden und Schreibschränken zu geben.

In einem Raum der Residenz zu München

standen noch vor ihrer Zerstörung in zwei

gegenüberliegenden Ecken des gleichen Raumes

 zwei sich aufs Haar gleichende Einrichtungsstücke,

 bei denen man erst nach genauerem

 Hinsehen mit Verwunderung feststellen

konnte, daß das eine ein Schrank und das

andere ein Ofen war.

Offenbar ist das Vorkommen der Möbelöfen

ausschließlich auf Bayern beschränkt, von

einem Beispiel abgesehen, sogar nur auf Oberbayern,

 und hier sind sie aller Wahrscheinlichkeit

 nach auch gefertigt worden. Jedenfalls ist

der Verfasser auf seinen zahlreichen Studienreisen

 nirgends sonst auf diese interessanten

und einzigartigen Heizkörper gestoßen.

Eine verhältnismäßig schlichte Form zeigt

der um 1750 entstandene, ietzt zerstörte Ofen

in der Garderobe der Kurfürstenzimmer aus

der Residenz in München (Abb. 2). Er hat die

Gestalt einer Kommode mit aufgesetztem

Schreibschrank. Die Grundglasur ist ein

leuchtendes Weiß, auf dem der plastisch aufgetragene

 Zierat: Gesimsleisten, sparsam verteilte

 zierliche Blatr- und Blütengehänge,

sowie der übliche Rokokodekor vergoldet

sind. Die Schubfächer der Kommode, die

Türen des Schrankes mit ihren Leisten und

Beschlägen sind getreu denen ihrer Vorbilder

 aus der NVerkstatt des Schreiners nachgebildet.



Noch verblüffender als Kopie eines Möbelstückes

 wirkt ein weiterer Ofen, ebenfalls aus

der Residenz in München, der leidet das gleiche

Schicksal erfahren hat wie das zuvor angeführte

 Objekt. Man darf ihn als den künstlerisch

 wertvollsten aller Möbelöfen werten

(Abb. 1). Das prunkvolle Stück, eine unübertreffliche

 Meisterleistung des Hafnerhand-Werkes,

 stammt von Niedermayer und ist 1748

errichtet worden. Es ist das klassische Beispiel

eines Möbelofens schlechthin und hat als

solches die Form eines Schreibschrankes,

ähnlich der des vorgenannten Stückes. Über

dem Feuerkasten, dem breiteren unteren Teil

in Gestalt einer Rokokokommode, erhebt sich

der schlank aufsteigende Oberofen von schrankartigem

 Aussehen. Im Schmuck seiner zahlreichen,

 üppig wuchernden Rokokoornamente

ist die Angleichung an sein Vorbild aus der

Schteinerwerkstatt noch sorgfaltiger und

detaillierter als bei dem zuerst angeführten

Beispiel.

Man sieht an dem kommodenartigen Unterteil

deutlich die beiden Schubfächer mit Zierleisten,

 Handgriffen und Schlüssellöchern.

Darüber ist die ausziehbare Schreibplatte

sowie ein mit Handgriffen ausgestattetes Übergangs-

 und Zwischenstück erkennbar. Daß

diese Teile nicht tatsächlich zu öifnen sind,

sondern nur symbolische Bedeutung haben

und nur die Illusion eines Möbelstückes

erwecken sollen, ist an einem Heizkörper eine

Selbstverständlichkeit. Am Oberofen schließlich

 gilt von den beiden Schranktüren mit

ihren minuziös ausgearbeiteten Beschlägen das

gleiche. Unwillkürlich vermutet man dahinter

die Abstellfächer für Schreibpapier und Briefschaften.

 Sogar die „Marketerien" -- das sind

an den Original-Rokokomöbeln in verschiedenen

 Hölzern ausgeführte Einlegearbeiten -,

sind in überraschender Naturtreue bis ins

kleinste nachgeahmt. Der Eindruck ist noch

verblüffender, wenn man (was leider auf der

Abbildung nicht ersichtlich ist) sich die

farbige Behandlung des Ofens vergegenwärtigt,

 die den stoi-Tlichen Charakter des

Baumaterials der Möbel vorzutäuschen sucht.

Den zur Verwendung gekommenen Holzarten

entsprechend, sind die Öfen in der warmen

Tönung von Nußbaum- und Mahagonifurnieren

 gehalten. Die an den Originalmöbeln

in vergoldeter Bronze ausgeführten Beschläge

und Rahmen sind an den Heizkörpern durch-Wegs

 plastisch in Ton herausgearbeitet und

gleichfalls vergoldet. Auf den Flügeltüren sind

in Anlehnung an den Dekorationsstil der Zeit

in den schlanken Palmen und in den weiteren

Zutaten sogar ostasiatische Motive, sogenannte

Cllirmirerien, wie sie vielfach an den Lackmöbeln

 des Rokoko als modischer Schmuck

erscheinen, als apartes und erlesenes Ornament

verarbeitet. Über der geschweiften Haube

erscheint als Bekrönung und modische Konzession

 an das galante Zeitalter ein engumschlossenes

 Puttenpärchen. Die halbrunde

Nische, in der der Ofen ehemals stand, war

mit schlanken Profilleisten und einer palmettenartigen

 Rocaille, Blattgehängen und Banclwerk

überreich verziert.

An einem Überschlagnfen ist man in dem

Streben nach höchstmöglicher Angleichung an

001112 Schreinererzcugnisse so weit gegangen,

daß man Holz als Baumaterial verwendet hat

(Abb. 3). Dieses einzigartige Erzeugnis aus

einer Hafnerwerkstatt steht heute im Heimatmuseum

 von Mindelheim in Schwaben. Es

stammt aus der näheren Umgebung der Stadt,

aus Steinbach bei Memmingen, und hat eine

Höhe von 1,95 m. Auch dieser Ofen hat die

Gestalt eines Schreibschrankes; der Oberteil

ist aus Ton modelliert und trägt als plastischen

Schmuck an beiden Seiten Reliefs der Madonna

von Steinbach. Auf der Vorderseite erscheinen

wieder in allen Einzelheiten zwei Türen am

Oberteil, ein pultartiges Mittelstück, hinter

dessen als aufklappbar zu denkendem Stirnbrett

 die Schreibplatte anzunehmen ist, sowie

zwei darunter befindliche geradwandige Schubfächer.

 Die Glasur ist dem Charakter des

Holzes entsprechend in einem lichten Braun

gehalten.

Der Unterteil, als das bezeichnendste Bauglied

25
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.