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Full text: Alte und Moderne Kunst IX (1964 / Heft 77)

. September 1964 wurde die XIII. Triennale in Mailand nach viermonatiger Dauer abgeschlossen. ohne daß damit die Kontroversen. die seit eh und je und 
im besonderen Maße mit dieser Ausstellung verbunden waren, aufgehört hätten. Im Gegenteil: Waren es in den vergangenen Jahren hauptsächlich die Ent- 
ngen der Produktionsmethoden. der zunehmende Anteil des lndustrial Design und eine gewissestilistische Unsicherheit, die das Gesichtdieser Ausstellung .,moderner 
itiver und angewandter Kunst und moderner Architektur" veränderten. so ist es 1964 die Ausstellungstechnik selbst. die zur Diskussion steht und die nicht zuletzt 
die gewählte Thematik (Freizeit) in den Vordergrund gerückt wurde. 
'unsch nach Aktualität, die Hilflosigkeit neuen Entwicklungen gegenüber. vielleicht auch sogar politische Interessen und die Angst vor einer krassen Abwertung 
iennaleveranstaltung haben wohl dazu geführt, daß ein so anspruchsvolles Thema gewählt wurde. Als Begleiterscheinung der Industriegesellschaft ist die Freizeit 
erem Jahrhundert zum Problem geworden. In bitteren Kämpfen errungen. ist sie heute eine Last. Früher gab es Arbeitstage und Feiertage. Arbeit und Feierabend, 
,ht in manchen Gesellschaftsschichten auch Muße und Langeweile. aber jene scharfe Trennung zwischen beruflicher Tätigkeit und freier Zeit kam erst im Zuge 
zialen Umschichtungen, die letzten Endes durch die Industrialisierung bedingt wurden und die auch auf so vielen anderen Gebieten die Ganzheit unseres Lebens 
ttern. Dieses brennende Thema "Freizeit". Gegenstand vieler soziologischer Abhandlungen und Verkörperung des schlechten Gewissens einer Massengesellschaft. 
in Form einer Ausstellung zu behandeln versucht. Um es gleich vorwegzunehmen: Der Versuch ist nicht gelungen. Die TriennaIe1964 brachte weder eine echte 
euchtung des Problems, noch weist sie Wege zur Lösung. Sie führt das Thema selbst ad absurdum, was aber zweifellos nicht bezweckt war. Vielleicht war der 
gedanke bei der Wahl dieses Themas der, daß eine sinnvolle Gestaltung der nun im Übermaß vorhandenen Freizeit die sinnvolle Gestaltung der Umwelt und 
zrätschaften des Menschen voraussetzt: tatsächlich brachte die Ausstellung ein erschreckendes Bild der überwiegend negativen Erscheinungen des Freizeitüber- 
is. Die Thematik war ein Experiment und ist als solches zu begrüßen, Zu den vielen Fragen aber. die im Zusammenhang mit diesem Experiment gestellt werden 
1. gehört auch jene. ab eine Ausstellung ihrem Wesen nach überhaupt imstande ist, eine abstrakte und vielschichtige Thematik zu bewältigen. Ferner. ob dies 
ier Ausstellung möglich ist. die darauf festgelegt sein muß, ganz bestimmte Ausdrucksmittel zu verwenden. und also auch. ob die sogenannte angewandte Kunst 
egriff der dekorativen Kunst sei hier überhaupt ausgenommen) dazu geeignet ist oder ob das Postulat der Funktion einen solchen Versuch ausschließt. Der Ge- 
isgegenstand, also die eigentliche Domäne der angewandten Kunst, scheint sich dieser Anforderung zu verschließen, zumindest soweit er losgelöst von der zweck- 
nten Umgebung betrachtet wird. Das Unbehagen über diesen Mangel an Ausdrucksfähigkeit tritt überall dort zutage. wo man den Begriff der angewandten 
diskutiert bzw. ihn abzulehnen beginnt und an seine Stelle die vereinfachende Bezeichnung Kunsthandwerk oder die weiterreichende. aber umstrittene „lndustrial 
" setzt und somit gewisse Ausdruckskriteria. wie sie der darstellenden Kunst zugehören. für Gebrauchsgegenstände überhaupt ausscheidet. 
iür den Fall der Triennale eigentümlichen Schwierigkeiten treffen zeitlich mit einer allgemeinen Neuorientierung der Ausstellungstechnik zusammen, die ihren 
unkt erreicht zu haben scheint. Die Art und Weise des Sehens und Schauens. die Aufnahmefähigkeit und damit die Reaktion des Publikums sind Veränderungen 
iorfen. die heute, beeinflußt durch Massenmedia verschiedenster Art und durch die bewußte Steuerung eben dieser Reaktionen, rascher vor sich gehen und natur- 
bei der Gestaltung von Ausstellungen berücksichtigt werden müssen. sollen diese nichtlangweilig und musealwirken. Die Frage istnur. ob eine sostarke Betonung 
wegten Bildes. also eines sich in zeitlicher Dimension erstreckenden Mediums. van Licht und Geräuscheffekten. wie sie besonders die italienischen Aussteller in 
ld angewendet haben, die richtige Lösung bringt. Sicher ist, daß hier die Reizüberflutung und die Überwältigung durch Sinneseindrücke aller Art, die immer 
' als negative Begleiterscheinung der sinnlosen Freizeitnutzung herausgestellt wird, überzeugend zum Ausdruck kam. aber auch, daß dies gerade mit jenen Mitteln 
h, die zugleich kritisiert werden. Immerhin ist den Italienern in dem Wirrwarr von stanniolverkleideten Treppen. Spiegeln, von kreisenden Lichtern, Projektionen 
ir dazugehörigen Tonkulisse manch witziges, polemisches Bild gelungen. Aber es bleibt beim einzelnen Bild. Der große Zusammenhang fehlt. Vielleicht ist auch 
es, was uns allzu pessimistisch dargestellt scheint, aus der Mentalität und dem Temperament der ltaliener anders zu verstehen. Die überraschende Absage einiger 
tark bei der Triennale vertretener Länder, wie Schweden. Dänemark und Norwegen, hat die Veranstalter sicherlich vor große Probleme gestellt. Diese Absagen 
aber auch. daß für die ausländischen Teilnehmer die Diskrepanz zwischen Thema und Grundidee der Triennale noch viel größere Schwierigkeiten brachte als 
s Gastland, bestand doch für die meisten von ihnen die Auflage, nicht Ideen. sondern Objekte guter Gestaltung zu zeigen. Deshalb wirken die ausländischen 
ingen irgendwie verstreut und uneinheitlich in der von den Italienern dominierten Schau. Man hat auf verschiedene Weise versucht, mit der komplexen Proble- 
dieser Ausstellung fertig zu werden, und es war dabei nicht zu vermeiden. daß entweder der soziologisch-belehrende Aspekt oder aber isolierte Freizeitmöglich- 
überbetont wurden. In ihrer Einfachheit bestechend war die finnische Abteilung mit einigen halbrunden Landschaftsprospekten und einigen Sportgerüten; die 
hen konzentrierten sich ausschließlich auf das Thema Theater, das sie perfekt und sauber, aber auch etwas dozierend abgehandelt haben; England zeigte einen 
nicht echten grünen Rasen und darauf viele Dinge. die man zur Freizeit im Freien braucht, ohne der Gestaltungsfrage besondere Aufmerksamkeit zu schenken; 
1, nämlich mit dem Schwerpunkt auf Sport. legte Kanada seine Schau an. Die Schweiz war mit etlichen Sitzgelegenheiten und vielen Photos fast zu zurückhaltend. 
d widmete der Ausstellung Betrachtungen über Stadt und Land; Mexiko und Jugoslawien behandelten, jedes aufseine Art. vorwiegend Fragen des Freizeitanteiles. 
en hat sich einen Scherz erlaubt: eine Reihe bunter Hängematten. die vielleicht tatsächlich die Freizeitauffassung der Brasilianer am besten charakterisieren. 
ireinigten Staaten brachten. wenn auch verspätet, eine aufgelockerte Schau, die auch lndustriegegenstände einschloß, Frankreich ein „Haus der Kultur" und 
1 eine etwas düstere Zusammenstellung von Photos. Theatersitzen und einigen Geräten. Österreich nahm bei dieser Triennale unbestritten eine Sonderstellung 
e beiden durchaus gegensätzlich gestalteten Räume - der eine kühl-nüchtern durch hohe Aluminiumwönde und kreisrunde Ausstellungstische, der andere intim 
und durch eine Quartettgarnitur und einen Glasluster gekennzeichnet i weisen als gemeinsames Merkmal eine ruhige und harmonische Raumwirkung und 
almäßig saubere Einrichtung auf. Dieser Gegensatz wollte die Einstellung zum Thema dartun: nämlich die Möglichkeit der freien Wahl der Freizeitgestaltung 
igleich die produktive Leistung wie auch die musische Grundstimmung des Österreichers charakterisieren. Vielleicht fällt die österreichische Abteilung gerade 
b so sehr aus dem Rahmen. weil sie sich am meisten an die Grundidee der Triennale alseiner Schau von Gegenständen anschloß. Unberührt von allen Eskapaden 
Isstellungstechnik. wirken die Räume schön und geschlossen, und die einzelnen Gegenstände liefern, jeder für sich, den Beweis schöpferischer Leistungsfähigkeit, 
tas ist ein Ausweg aus dem Dilemma, das die Triennale 1964 so deutlich zutage gebracht hat. Ob es der richtige Weg ist und wie sich diese Veranstaltung über- 
weiterentwickeln wird und kann, wird erst die Zukunft zeigen. 
 
 
merreichische Abteilung bei der XIII. Triennule wurde vom Wirtschaftsfdrderungsinstitut der Bundeskammer der gewerblichen Wirtschaft in Zusammenarbeit mit dem 
winisterium für Handel und Wiederaufbau, dem Bundesministerium für Unterricht und der Stadt Wien eingerichtet und van Architekt Fritz Goffitzer, Linz, gestaltet. 
terreichische Regierungskommissär war Generalkonsul DDr. F. J. Haslinger. 
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