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Full text: Alte und Moderne Kunst XI (1966 / Heft 84)

plastiker Andrea Riccio 37) viel mehr vom 
Humanismus als vom abergläubischen Volk 
getragen war. Gerade in den frühesten 
Werken Altdorfers, zu denen das Hexen- 
blatt gehört, wird vernehmlich ein hu- 
manistischer Ton angeschlagen. Altdotfers 
Satyrn und Waldmalnner darf man mit den 
virgilischen Faunen und Satyrn und mit 
dem römischen Waldgott „Silvanus" ver- 
gleichen33, die 1501 im Linzer Schloß in 
einem von Celtis arrangierten „Ludus 
Dianae" vor dem Kaiser Maximilian und 
seiner mailändischen Gattin Bianca auf- 
traten 39. Die Natur und das „Natürliche", 
dessen Gestalt und Kräfte die Humanisten 
zu erfahren suchten, umfaßte damals mehr, 
als man sich heute gemeinhin darunter 
vorstellt: nicht nut die Landschaft, sondern 
auch die „natürliche" Erotik und urtüm- 
liche Leidenschaftlichkeit (Liebespaare und 
Landsknechte in der Landschaft), ja selbst 
alles Dämonische bei den Hexen oder den 
wilden Leuten, die nun nicht mehr spät- 
mittelalterlich domestiziert auftraten. In 
diesem weiten Sinne waren Altdorfer und 
Baldung beide Darsteller der Natur, deren 
Wege einen ähnlichen Ausgangspunkt hat- 
ten, zwar keineswegs parallel verliefen, 
aber doch als untereinander und mit dem 
Humanismus verwandte geistige Bemühun- 
gen verständlich sind. 
Unter solchem Gesichtspunkt verliert die 
Frage, 0b Baldungs Hexen-Holzschnitt von 
Altdorfers Zeichnung „beeini-lußt" sei, an 
Interesse. Von der lkonographie her ge- 
langte G. F. Hartlaub (etwas widerstrebend) 
zu der Annahme, „daß Baldung ganz 
ähnliche Zeichnungen von Altdorfer oder 
aus seinem Kreis kennengelernt haben 
muß"40. Ein Beweis dafür läßt sich wohl 
nie mehr erbringen. Ein schwaches Indiz 
blieb immerhin unbeachtet. 1504, als Maxi- 
milian im Bayrischen Erbfolgekrieg die 
Reichsvogtei Elsaß gewaltsam an sich 
brachte", zogen der Magister Hieronymus 
Pius Baldung, ein Bruder des Malers, und 
dessen Sohn Hieronymus nach Wien. Der 
Vater wurde hier ein Mitglied des von 
Celtis mit kaiserlichem Privileg ISOIIOZ 
gegründeten „Collegium poetarum et ma- 
thematicorum"; der Sohn immatrikulierte 
sich an der juristischen Fakultät der 
Universität" und spielte in Celtis' 
Ludus zum Sieg Maximilians über die 
böhmischen Söldner (im September 1504 
unweit von Regensburg) die Rolle der 
Muse Urania. Hieronymus d.  wurde 1506 
Lektor für Poetik an der Universität 
Freiburg i. Br. und 1510 Rat der habs- 
burgischen Regierung im sundgauisch- 
elsässischen Städtchen Ensisheim43. 1513, 
als sich Baldungs Neigung zur Donaukunst 
am wachsten zeigte, erschien in Straßburg 
postum ein Hauptwerk Celtis', die Oden, 
mit einem von Baldung (in enger 
Anlehnung an einen Nürnberger Celtis- 
Druck von 1502) gezeichneten Titelholz- 
schnitt 44. Damals oder etwas später kopierte 
Baldung auch einen Holzschnitt aus einer 
Augsburger Celtis-Ausgabe von l5Ü745. 
Freilich ist Wien nicht identisch mit 
Regensburg, dem Wirkungsort Altdorfers. 
Aber es könnte einem der Angehörigen 
der gebildeten juristenfamilie Baldung, die 
zweifellos nur des Kaisers und der von 
ihm begünstigten Humanisten wegen an 
die Habsburger-Universität Wien gezogen 
sind, bekanntgeworden sein, daß Albrecht 
Altdorfer spätestens seit 1512 für Maxi- 
milian an den ideologisch hochbedeuten- 
den Triumphzügen mitgearbeitet hat. Wenn 
Baldung um 1510 von der Zeichenkunst 
Altdorfers Wind bekommen und mit ihr 
in seiner Art gewetteifert hätte, so würde 
dies auch eine Annäherung an den Kaiser 
und seine künstlerischen Unternehmungen 
bedeutet haben; es hätte dem Ehrgeiz 
seiner Familie und überhaupt dem hu- 
manistischen Hang zum Imperialen ent- 
sprochen. Wenige Jahre nach der Ent- 
stehung des Hexen-Holzschnittes, l5l4fl5, 
war Baldung neben Dürer (dem Leiter), 
Cranach, Burgkmair und Altdorfer einer 
der auserkorenen Mitarbeiter für das Ge- 
betbuch Maximilians. 
Wir können es nicht bei dem Vergleich 
der Hexendarstellungen von Baldung und 
Altdorfer belassen, ohne den Wesens- 
unterschied zu vermerken. Der Abstand 
der beiden Werke ist demjenigen gleich, 
der allgemein zwischen der donauländischen 
und der schweizerischen Kunst bestanden 
hat. Die Hexen Altdorfers bleiben trotz 
ihrer Wildheit und Ausgelassenheit ver- 
gleichsweise frei von derber, körperlicher 
Ißidenschaftlichkeit. Ihre Gebärden er- 
scheinen lyrisch „verfremdetf in der 
schwungvollsten Bewegtheit doch zuständ- 
lich, schwebend zwischen Impuls und 
Aktion. Bei Baldung staut sich animalische 
Triebhaftigkeit bis zum Explosionspunkt. 
Unter dem Druck öffnen sich die Ventile 
gerade so weit, daß der Dampf empor- 
schießt und der Schrei entweicht (ein 
typischer Renaissance-Schrei, den man von 
Mantegnas Stichen oder von Leonardos 
beriihmtem Reiterkampf um das Feld- 
zeichen her kennt). Die Kehrseite dieser 
dämonischen Vitalität, die bei Baldung 
wie bei den Schweizern nicht nur in 
hexenartigen Gestalten, sondern auch gern 
im Gewand der Landsknechre auftritt, ist 
das tief verwurzelte Bewußtsein des Todes: 
eines Todes nicht als Erlösung oder 
Übergang, sondern als eine das irdische 
Leben zunichte machende, unerbittliche 
und grausame, oft in grotesker Weise 
gegenwärtige Macht46. In dieser Nacktheit 
war er den Donaumeistern fremd". Im 
Pflanzenreich Altdorfers und llubers offen- 
bart sich eine höhere Einheit von Werden 
und Vergehen. Die Grenze zwischen Vera 
modern und neuem Sprießen verschwimmt. 
Nirgends in der Donaukunst raubt der 
Tod das Mädchen aus den Armen des 
Geliebten. Der tragische, stille Liebestod 
von Pyramus und Thisbe ist eine ferne, 
in ihrer poetischen Entrücktheit von den 
Donaumeistern geliebte Geschichte aus 
alter Sage oder aus dem Volkslied43. Bei 
Altdorfer und Huber wird der hl. Sebastian 
im Martyrium verklärt und erhebt die 
Arme im Gleichklang mit der Vegetation 
der Natur dem Licht entgegen (Hubers 
1520 datierte Zeichnung - St. Florian, 
Kam-Nr. 289, basierend auf Alrdorfers 
Stich von 1511 - zeigt einen Sebastian 
ohne Pfeile: eine italienische IdeeI49); bei 
Baldung und vor allem bei Urs Graf ist 
Sebastian sadistisch erschossen worden und 
sackt schwer zu Boden. Selbst das Teuf- 
lische wirkt bei den Donaumeistern mär- 
chenhaft, bei Baldung und den Schweizern 
aber schockierend realistisch. Die Land! 
schaften von Baldung, Leu oder den 
oberrheinischen (Basler?) Monogrammisterr 
HF (Hans Franck?) von 1515 (Abb. 9) 
und CA von 1519 (Abb. 12)50, ja auch 
von Grunewald heben sich durch einen 
düsteren, diesseitigeren Charakter ab. Es 
ist bezeichnend, daß Baldung die Donaustil- 
Flechten an den Bäumen sogleich, schon in 
dem um 1510 zu datierenden Wiener Vanitas- 
Bild, als Sinnbild des hinterhältigen, uner- 
wartet gegenwärtigen Todes konkretisiert 
und dem blühenden Leben einer jungen, 
ahnungslosen Frau gegenübergestellt hat. 
Der Schweizer Humanist Joachim Vadian 
nahm 1511 in Wien ein Gespräch mit dem 
Tod auf und mußte sich von diesem be- 
lehren lassen, daß der Tod das Leben 
gütig begleite und im Kreislauf vollende, 
daß er daher zu Unrecht von allen Menschen 
gefürchtet und gehaßt werde5l. 
ANMERKUNGEN (IBM 51 
33 Silvanus in Gestalt eines spitmirtclalterlichcn wilden 
Mannes auf dem Titelholzschnit! in Sebastian Branls 
Ausgabe der Georgicz Virgils, Straßburg 1502 (W. Wor- 
ringer. Die altdeutschc Buchillusuation. 1919. Abb. 64 
S. 105: Ausst. "Die wilden Leute des Mittelalmrs" 
Hamburg 196a, KaL-Nr. 3a mit Abb.) Vgl. Georgica u, 
Vers 49311 (Kontext z. T. wörtlich 2m Gedichte Ccltis' 
crinnemd). 
M w. c lcnnch. Geschichte des neuen-n DrnmnS. 1, 1918, 
s. 36 Dazu nehme man die Verherrlichung der Nymphen, 
Melusi . "Bcrglculli" und Riesen duxch Paracelsus - 
humanistisch oder nicht? Nova Acta Pnracclsicn V11. 
1954, s. 150). Auch in hübsch-ritterlichen Kreisen fand 
man das Hexenwescn pikant: auf einer Rcnndeckc in 
Cranachs 1509 datierten: Holzschnitt des Lanzen-Tumiers 
(rechts vom) macht eine um Feuer und Qualm (J. Jahn, 
14 
 
 
Lucas Cramlth als Graphiker, 1955, Tal. 25; vgl. Kai. 
Sl. FlorianlLinz, Abb. 31). 
w Hanlnub, Hans Baldung Gricn, l-Iexcnbilder (weile- 
monographien zur hild. KHUSI in Rcdamx Universal- 
Bibl. Nr. a1), 1961, 5.15. 
H J. Becker, Die Rcichsvogtei iin Elsaß, 1905, 5.30112; 
H. Uhlmann, Kaiser Maximilian 1., BrLII, 1891. s. 211. 
41 Die Matrikel elei Universität Wien, ll, 1959, s. 219. 
u s. Bauch: Die Reccption des Humanismus in Wien. 
19o:,s.14n414a. 
M BaIdung-Ausslellung, Karlsruhe 1959, Kalt. s. 14er. mil 
Abha vgl. "Meister um A. Dürer", Ausstellung Nürn- 
berg 1961. Ka -Nr. 225. 
ß Koch N 11 . Bildung-Ausstellung, Karlsruhe 1959, 
14.1 r. 136. 
M Vg. Härllallb, bei Tndcslraum des Hans Baldung seien. 
in: Anraios ll. 1960161, s. 13-25. 
41 Vgl. Oettingtt, m; Wienerisch: in der bildenden Ktlnit, 
194a, s. 181i". - Maximilians Toxenbildrlis (sx. Florian] 
  
Linz. KaL-Nr. 383) crklän sich aus dynastischcn Be- 
Ziehungen zu Burgund und Obcritzlicn (vgl. A. Piglcr, 
Porlraying rhc Dead. in: Am Hist. Artium Acad. 
scicntiarum Hungaricae IV. 1957. S. H11; H. Lutz. Connd 
Peutinger, wss, s. 125). Nicht konsultiert: L. Luchner, 
Die Dzrstcllung des Todes in der deutschen Malerei 
bis 1550. Diss. Innsbruck 1949. 
4! H. Voß. Der Ursprung du Donauslils, 1907, S. 186; 
E. W. Brcdl, Albrecht Altdnrfer (Kunsthrcvier), 1919. 
s. 85-92 (ganzer Tcx! des Licdcs). 
w Barbari (Hind VII. Tal". 705). Stich nach Mnnlcgna 
(Hind VI. Tür. 521) LLFI. 
w Thieme-Beck: XXXVII. S. 3st: H. A. Schmid. Die 
m Festsaal des Klosters St. Gcorgcn in 
l936, S. 68. Das Baum-Motiv des Basic: 
„Onu hrius' WM! bui Lcu. 
51 W. if. Vadian und scinc Stadt St. Gallen. "Hd. I. 1944, 
S. 31281; dazu H. (änllcb, Der Wiener Holzschnitt 
1490;1550, 1926. Abb. 5.62. 

	        

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