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Zweimal reiste der Künstler nach Indien und verbrachte dort einige Jahre. Ihm, dem es um das innere
Erlebnis ging, wurde die Begegnung mit dem Buddhismus zur Offenbarung: wonach er bisher nur dunkel
und fast unbewußt gestrebt hatte, das fand er jetzt im Gedankengut des Ostens bestätigt. Von nun an war
seine Kunst einem einzigen Ziel gewidmet: den innersten Kern des Selbst zu erreichen, über die Erscheinungs-
formen hinauszugehen und zum Wesen des Seins vorzudringen. Er wollte in sich die namenlosen spirituellen
Kräfte des Atrnan oder Tao - jenes höchsten und ailgemeinsten Selbst des Buddhismus 7 wecken. Dabei
fand er, ddß die abstrakte Kunst und die Lehre vom Tao einander vollkommen ergänzten. Abstraktion
erschien ihm als der einzig mögliche Weg, auf dem man hoffen konnte. die flüchtigen Spuren seelischer
Kräfte zu verfestigen. Gleichzeitig wurde für Ray die abstrakte Malweise als Mittel religiöser Aussage und
mystischer Kommunion mit dem Göttlichen zu einer sinnvollen und unentbehrlichen Kunstform.
Zum Verständnis der Kunst Rays ist es nicht nötig. mit dem östlichen Denken genau vertraut zu sein. Es
genügt. sich des universellen Anliegens mystischer Bewegungen. wie sie ja auch im Christentum vertreten
sind. bewußt zu sein, Es gibt viele verschiedene Wege, durch die der Mystiker seine Versenkung in das
Göttliche zu vollziehen sucht. Allen gemeinsam ist jedoch die Forderung, sich von den Bindungen zur
Außenwelt zu lösen. sich der Herrschaft der Triebe und des Willens zu entziehen. Erst wenn dieser Zustand
der Entleertheit erreicht wird, ist man für die Vereinigung mit dem Göttlichen bereit. Erst wenn die lauten
Stimmen von außen zum Schweigen gebracht werden. hört man dieinnere Stimme. Erst wenn man aufe
gehört hat Zu denken, kann die Erleuchtung erfolgen. Diese Erleuchtung, für die der Zeh-Buddhismus den
Begriff„Satori" geprägt hat, ist ein Zustand echter Seelenruhe und unwandelbarer Heiterkeit, der meist
durch Meditation erreicht wird. Daneben gibt es jedoch auch andere Methoden, so z. B. die Zen-buddhistische
Kunst des Bogenschießens, deren Ziel es ist, das bewußte ich und damit die individuelle Handlung zu eli-
minieren und sich den seelischen Urkräften des Seins zu öffnen. Genau dasselbe sucht Ray in seinen Bildern
zu erreichen. Wie Pfeil und Bogen, so sind für ihn Leinwand und Pinsel Werkzeuge, mit deren Hilfe die
überpersönlichen Kräfte geweckt werden. ln diesem Sinne muß die Kunst Rays als zutiefst religiös bezeichnet
werden. Gleichzeitig wirkt sie jedoch auf den mißbrauchten Geist des Abendländers als Therapie. Seit
dem Ausgang des Mittelalters hat man sich in der westlichen Welt hauptsächlich mit Problemen der Materie
s Rudolf Ray, Absorplion. Mexiko, 19m. O1 auf Holz
e Rudolf um. Zen-Studie. Mexiko. was. o: auf Holz
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