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Full text: Alte und Moderne Kunst XII (1967 / Heft 93)

Niedrigkeit und auch ein Zug ins Lächerliche 
gehören. Wieder erweist sich der Künstler als 
Mensch. der nicht von einer scheinheiligen Moral 
her urteilt, wiewohl ihm das Abgründige des 
Geschehens bewußt ist. 
Hrdlickas bisher größter Wurf aber ist der drei- 
teilige Zyklus ..Zur Kunsttheorie des 20. Jahr- 
hunderts". womit dieser menschlich und sozial- 
kritisch höchst engagierte KünstlerdieSummeseiner 
Auffassungen vor Augen stellt. Er beschert dabei 
Werke von einer Meisterschaft. die man getrost 
der größten Leistungen in der Geschichte der 
graphischen Kunst zur Seite stellen darf. Die Teile. 
deren jeder mehrere Blätter umfaßt. sind "Winckel- 
mann". ..Haarmann" und .,Roll over, Mandrian" 
betitelt. 
Das künstlerische Rafünement der Darstellung. 
ihr polemischer Atem, ihre Wärme. ihr schauriger 
Ernst, ihr Humor. ihr menschliches Mitgefühl be- 
deuten einen Triumph modernen Kunstschaffens. 
Hrdlicka hält nichts von einem ästhetischen Reich. 
das neben oder über der wirklichen Welt steht. 
Winckelmann, der Theoretiker des deutschen 
Klassizismus. schien ihm von allem Anfang an ge- 
rade dadurch verdächtig, daß er eine Enklave der 
edlen Einfalt und stillen Größe als Lot und Gegen- 
bild zu einer ganz anders gearteten Wirklichkeit 
glaubte begründen zu können. 
Was der berühmte Mann tat. mußte scheitern, 
zur Perpetuirung der Misere beitragen. Die Wirk- 
lichkeit ist ernst und blutig. und die Kunst. Hrd- 
lickas Kunst. will dafür Zeuge sein. Der Massen- 
mörder Haarmann aus dem Deutschland der 
frühen zwanziger Jahre e Dieb, Polizeispitzel 
und dem äußerem Anschein nach Biedermann - 
war nur möglich in einer so und nicht anders 
gearteten Welt. Mit einer diabolischen Wendung 
faßt Hrdlicka Haarmann gewissermaßen als 
einen der großen Ästheten dieses Jahrhunderts 
auf. Der Massenmörder Haarmann hat die Sauber- 
keit in die lustmörderische Praxis eingeführt. Er 
entfernte die Spuren. wischte das Blut sofort weg. 
das er vergossen hatte. zerstückelte die Leiche. 
räumte die Teile weg. um das Zimmer gleich 
wieder ordentlich zu machen. Am Morgen konnte 
man nichts Verdächtiges mehr finden. Mit diesem 
Fanatiker der Reinlichkeit wird ein anderer, 
harmloserer. konfrontiert: Piet Mondrian. der 
von der Welt nichts übrigließ als die leere. recht- 
eckige Flüche, die Vertikale, die Horizontale. 
und glaubte. auf diese Weise das Wesen der Welt, 
ihre Harmonie darzustellen. Aber die Wirklich- 
keit rächte sich. 
Sie fügte es. daß Winckelmann von einem homo- 
sexuellen Koch. mit dem er sich eingelassen hatte. 
niedergemetzelt wurde. Der deutschey-tdealismus 
hielt der Realität nicht stand. Aus Haarmanns 
sauberem Zimmer wurden die gekachelten Gas- 
kammern der Nazi. Und das puristische Zeitalter 
Mondrians hat sich. kehr um die Hand. als jenes 
entpuppt, welches die Greuel der KZ. des Zweiten 
Weltkriegs und auch noch des Vietnamkriegs 
gebar. Christi Karfreitag, den Hrdlicka in eines 
der Rechtecke hineinzeichnete. mit denen er den 
Holländer zitiert. fand seine Fortsetzung in furcht- 
bar vielen Menschheitskarfreitagen. Schleifer bei 
Militär und in den Straflagern, Soldaten im Krieg, 
Massenaufmärsche. Gammler und Apostel. Strip- 
tease-Szenen in Soho. brennende buddhistische 
Mönche. Ärzte bei der Visite und Polizisten beim 
Verhör. Damen und Herren, die sich in sonder- 
barsten Liebesbeziehungen ergehen - das alles 
und noch mehr geben die grandiosen Blätter 
Hrdlickas eindrücklich wieder. 
in diese das Körperhatte. unmittelbar Anschau- 
Iiche zum Sieg führende Kunst gingen auch 
Elemente des Filmischen und Assoziativen. der 
Comicstrips und auch des ..Simultane". das die 
Lektüre einer Zeitung mit sich bringt. ein. Mit 
allem seinem phänomenalen Können. seiner 
Beobachtungsgabe, seinem Wissen um die Con- 
ditio humana. so wie sie sich gegenwärtig darbietet. 
hat Hrdlicka. einen Realismus, einen leidenschaft- 
lichen Naturalismus geschaffen. der wahr, der 
menschlich, von einer wilden Schönheit. ganz von 
heute und ganz des Künstlers eigener ist.
	        

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