Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 112)

bolen gefertigten Bildpartien vor allem gedanklich

provozieren und bestimmte Realitäten von Kunst

und Leben als beziehungsreiche Relativitäten aufzeigen.



ln den Bereich der Conceptional- und Land-Art

gehört der Beitrag des zweiten japanischen Ausstellers

 Nobuo Sekine. Er konfrontiert mit einem

tonnenschweren Felsbrocken auf einem rund vier

Meter hohen stahlverkleideten Sockel, der seinerseits

 wiederum als Blickfang für Photo- und Textinformationen

 über andere Projekte des Künstlers

dient. Als optisch attraktiv erweist sich das 7

freilich etwas zu dichte 7 Environment der Deutschen,

 die diesmal mit dem international renommierten

 Op-Artisten und Wegbereiter einer utopisch

inspirierten Land-Art, Heinz Mack, den „Nagelbrettern"

 und Konstellationen von Günther Uecker.

den raumartikulierenden Malereien Pfahlers und den

plastischen Schichtungen von Kaspat Thomas Lenk

vertreten sind und überdies einen hervorragend

gestalteten, aufwendigen Katalog ins Treffen führen

können.

Die Franzosen - ein Team von Architekten, Malern

und Designern 7 bieten begehbare Flächenschichtungen

 aus Holzbrettein in Form eines geometrisch

 bestimmten, mit Licht und akustischen

Effekten bereicherten Ambientes, das ähnlich dem

,.Oxer" der österreichischen „Haus-Rucker" die

üblichen Sinneswahrnehmungen und Verhaltensweisen

 des Besuchers irritiert. Als Fetische in überdimensionierter

 Pop-Manier beeindrucken die Reifenprofile

 des Schweizers Peter Stämpfli, die eine

aktuelle Bezugnahme auf die heutige Industriegesellschaft

 sind.

ln Venedig aufzufallen und von der Fachwelt zur

Kenntnis genommen zu werden, erweist sich von

Biennale zu Biennale mehr als Frage geschickter

Taktik und keineswegs nur als solche künstlerischer

Qualität. Daß eine Kunstmesse aktuelle Beiträge

verlangt, steht fest. Fest steht aber auch, daß

diejenigen Länder am besten beraten sind. die

ihre 7 sehr ungleichen und vielfach überalteten 7

Pavillons nur wenigen oder überhaupt nur einem

einzigen Künstler zur Verfügung stellen, diesen oder

diese dafür jedoch in großzügiger Kompaktheit

vorstellen. Neben der Zeitgemäßheit und Intensität

einer künstlerischen Manifestation verdient im

Zusammenhang damit die Art und Weise der

architektonischen Darbietung besondere Aufmerksamkeit,



Der Zug zum Environment oder Ambiente, zu

zusammenhängender Raumgliederung und Gestaltung.

 tritt selbst dort zutage, wo 7 wie z. B. bei

den Deutschen 7 die einzelnen künstlerischen

Beiträge dies nicht unbedingt erfordern. Erstaunlich

gut in Szene setzen sich einmal mehr die Holländer.

Sie stellen ihren gesamten Pavillon den konsequenten

 und anschaulich demonstrierten kubischen

Konstruktionen der beiden Architekten Jan Slothoubei

 und William Graatsma zur Verfügung.

Hervorragend auch der Beitrag des Spaniers Dario

Villalbo, eines sensiblen und einfallsreichen Vertreters

 der „Neuen Figuration", dessen Plexiglasfiguren

 und Bildwerke in seltener harmonischer

Übereinstimmung inneres Engagement und subjektiv

 betonte Handschrift vereinen.

..Wegen technischer Schwierigkeiten geschlossen

 - Auskunft im sowjetischen Pavillon" konnte

man am ersten Prcssetag an der Eingangstür der

Tschechen lesen. Auf Geheiß des tschechischen

Biennalekommissars mußte diese von unbekannter

Hand stammende Aufschrift jedoch schon bald

darauf offiziellerseits entfernt werden. Den tatsächlichen

 Grund für die Nichteröffnung des

Pavillons 7 die Tschechen hatten diesmal u. a.

zwei so bemerkenswerte Künstler wie den auch in

Wien bekannten Plastiker Jankovic und den international

 renommierten Collagisten Jiri Kolar nominiert

 - konnte man jedenfalls bis heute nicht

erfahren.

Eine effektive Blamage, die zum Teil ebenfalls

politische Hintergründe hat, leisten sich die USA.

An dem geplanten Druckgraphikworkshop, für das

rund fünfzig der bekanntesten Maler und Graphiker

des Landes eingeladen wurden, werden aller Vorraussicht

 nach nur wenige teilnehmen. Das Gros

der Prominenz 7 darunter Leute wie Warhol,

42



Lichtenstein, Jim Dine und Claes Oldenburg 7

ist, wie es so schon hieß, „in den Streik getreten"

und wird in Venedig weder personlich noch mit

Exponaten vertreten sein. Der Hauptgrund des

Fernbleibens: Unzufriedenheit mit der Außenpolitik

 Nixons, sicherlich aber auch Desinteresse

an einer Schau, bei der es 7 infolge der Abschaffung

der Preise 7 finanziell nichts zu holen gibt.

Mit expressiven bühnenbildartigen Arrangements

und Fahnen unter brennenden Kerzen, die eine

doppelbödige Antwort auf Konzentrationslager und

Devotionalienkitsch sind. gelang den Polen Szajna

und Hasior ein ernstzunehmender, stark literarisch

gefärbter Beitrag von engagierter Menschlichkeit.

Den nachhaltigsten und in seiner Gesamtheit geschlossensten,

 überzeugendsten Eindruck hinterlassen

 allerdings die teilweise ambienteartigen

Bildwerke und Raumreliefs des 1931 geborenen

Engländers Richard Smith. Ihre großzügige Unterbringung

 im britischen Pavillon läßt die mit erstaurilicher

 malerischer Subiilität für feinste Schwingungswerte

 und ebensolchem Form- und Raumempfinden

 gefertigten Gestaltungen zwischen Softund

 Hard-Edge optimal zur Geltung kommen.

Gäbe es diesmal einen Preis für Malerei, so wäre

Smith zweifellos der aussichtsreichste Kandidat

dafür!

Es ist schon fast Tradition, daß die Nominierung der

österreichischen Biennalekandidaten für Venedig

nicht klaglos über die Buhne geht. Die im allgemeinen

 keineswegs sonderlich uniforme heimische

Kritik war sich heuer zumindest dahingehend einig,

daß die Bekanntgabe der Namen (Frohner, Moswitzer,

 K. A. Wolf) viel zu spät erfolgte und die

Auswahl selbst auch nicht das mögliche Optimum

eines aktuellen, der internationalen Avantgarde

konkurrenzfähigen Ausstellungsbeitrages darstelle.

Als eher erfolgversprechende „Gegenkandidatem

wurden in erster Linie die Namen Gironcoli, Arnulf

Rainer, Hans Hollein, die „Haus-Rucker" und

Cornelius Kolig genannt.

Obwohl Österreichs Auswahl bereits vor ihrer Entsendung

 arg ins Schußfeuer der Kritik geriet, muß

man ihr jedoch eines zugute halten: sie traf keine

Unwürdigen, keine Bluffer oder Modemaler, sondern

 drei Persönlichkeiten, die bei aller Verschiedenartigkeit

 der Auffassungen in ihren Werken seit

Jahren Konstanz beweisen und in jedem Fall auch

qualitativ im ersten Drittel relevanter österreichischer

Gegenwartskunst einzuordnen sind.

Die Resonanz an den Eröffnungstagen bestätigte

im allgemeinen die gemachte Prognose. Man nahm

das, was unser Land bis zum 23. Oktober in der

Lagunenstadt bietet, wohlwollend und freundlich

auf, sparte sich jedoch ähnlich wie vor zwei Jahren,

als der progressive" Beitrag Goeschls die Hypothek

des „verspätetem Mikl zu spüren bekam, Diskussionseifer

 und Enthusiasmus für andere, aktuellere

und - wenn man so will 7 auch wesentlich problernctischere

 Künstler, Wieweit freilich das Echo in

der internationalen Fachpresse die hier wiedergegebenen

 Beobachtungen korrigieren wird, bleibt

abzuwarten.

Sieht man von den bereits erörterten Fragen geschickter

 Taktik und Zeitgemaßheit ab, so wird der

um Objektivität bemühte Betrachter eines kaum

leugnen: die ausgewählten Werke von Frohner,

Moswitzer und Wolf haben durchweg beachtliche

eigenständige Qualität und beweisen in jedem Fall

ein mit Ausdauer und Redlichkeit vorangetriebenes.

höchst subjektives Anliegen. Man muß dies den

stelenartigen Eisenplastiken, den größeren und

kleineren verzahnten „Figuren", „Konigen" und

„Königinnen" des 1940 geborenen Steirers Gerhardt

 Moswitzer ebenso bescheinigen wie den an

der Front des Österreich-Pavillons aufgestellten

Gußeisenplastiken von Karl Anton Wolf aus den

Jahren 1968 bis 1970, die in ihren herausragendsten

Beispielen adäquat umgesetzte, formal gebändigte

Zeugnisse einer eigenwilligen, bewegten Phantasie

und ursprünglichen existentiellen Haltung sind.

Ob man von Moswitzer nicht zu viel und dieses in

zu enger Nachbarschaft zeigt, und ob Frohners

kompakter Beitrag bestehend aus 21 großformatigen

Bildern in der für ihn typischen, graphisch expressiven

 Manier nicht durch das Einbeziehen einiger

seiner besten Radierungen an Spannung und Spannweite

 gewonnen hätte, bleibt allerdings fraglich.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.