Österreichische Malerei des
19. Jahrhunderts aus Privatbesitz
SOMMERAUSSTELLUNG 1970 IM
TIROLER LANDESMUSEUM IN
INNSBRUCK
Es war ein Novum für Innsbruck und
das westliche Österreich, Gemälde
und Aquarelle des Biedermeier, Rea-
lismus und beginnenden Impressionis-
mus im Tiroler Landesmuseum Fer-
dinandeum zu sehen. Zudem ließ
diese Exposition einen Blick in eine
österreichische Privatsammlung zu,
deren Gemälde mit wenigen Aus-
nahmen bislang der Dokumentation
österreichischer Malerei verborgen
blieben. Und diese Sammlung kann
einen bedeutenden Beitrag zur Dar-
stellung der künstlerischen Situation
im vorigen Jahrhundert stellen.
Schwerpunkte bildeten in der Inns-
brucker Schau die Entwicklungspha-
sen des Porträts, der Landschaft und
des Genremotives. Die Vorstellung
des Repräsentationsbildnisses, wie
Johann Enders „Fürstin Auersperg".
das noch dem Bildnistyp eines Lampi
oder Füger entsprach, oder Charles-
Lcuis Müllers„DoppelportiätderThe-
rese und Fanny Elßler" (1841), ent-
standen anläßlich ihres ersten Auf-
trittes in der Mailänder Scala, über-
wand Leopold Kupelwieser im
Bildnis des „Kammersänger Johann
Michael Vogl" (1821) mit der groß-
artig konzipierten Betonung des
Menschllch-Künstlerischen, das mit
der Landschaft des Wienerwaldes im
weitüberspannten Hintergrund kor-
respondiert, und Friedrich von Amer-
ling im „Bildnis der Frau von Striebel"
(1838), das in seiner nuancieiten
Tonmalerei, in der klaren, ausge-
wogenen Gestaltung und der Aussage
von gefälliger Gelassenheit zum In-
begriff des Biedermeierporträts wird.
Unter den Landschaften standen „Der
Wallfahrtsbrunnen in St. Wolfgang"
(1867), voller Akribie und subtiler
Farbzeichnung, und der Ausblick von
der ,.Dorotheen Baude" (1845), er-
füllt von Stimmungseffekten und
geprägt von einer bis ins Detail
ausgekosteten Technik des Aqua-
rellierens, von Rudolf von Alt neben
einem die Dramatik der Ausein-
andersetzung zwischen Mensch und
Natur spiegelnden Gemälde von Josef
Heicke („Gamsiäger Rosenblatt") und
einer der tonigen Atmosphäre der
niederländischen Landschafter nach-
empfundenen Ansicht der „Donau-Au
bei Klosterneuburg" von lgnaz Raf-
falt im Vordergrund und präzisierten
Aspekte der Naturwiedergabe.
Josef Danhausers,.Adoption" (1842),
„Stiegenweibchen" (1845) und „Das
Kind und seine Welt" (1843) ent-
wuchsen iener Gesinnung, welche
die stärkste Affinität zum Begriff des
Biedermeier bekundete. Albert
setzte Friedrich Friedländer in seinen
.,lnvaliden am Tisch", voll Ironie
verkörperte Leopold Löffler-Radymno
den Berufsstand des Schulmannes in
seinen „Ertappten Schulknaben"
(1855).
Resümee der Vorstellung dieser Pri-
vatsammlung in Innsbruck: 54 Künst-
ler waren mit 97 Werken vertreten.
wieder einmal wurde die Vielschioh-
tigkeit der Motive und die hohe
Malkultur der Biedermeier-Künstler
gegenwärtig, und wohl manches Ge- l
mälde möchte man ob seiner vor-
züglichen Qualität aus dem Dunkel
der Privatsarijimlung entreißen und für
immer der Offentlichkeit zugänglich
machen (Abb. 35437).
Gert Ammann
Österreichische Galerie. Wien
Die Österreichische Galerie veranstaltete -
ermuntert durch den Erfolg im Vorjahr - in den
Sommermonaten Juli und August an
Donnerstagen von 20 bis 22 um einen
Abendbesuch im Earockmuseum (Eingang:
Wien 3, Rennweg 6a) mit Fuhrung.
Der Rnciirth dieser VBIChQYDH Sammliinn
Österreichische Kulturarbeit in
Italien 1969170
Die zweifache Aufgabenstellung des
Osterreichischen Kulturinstituts Rom
auf den Gebieten der Wissenschaft
und Kunst kommt in der Veran-
staltungstätigkeit während des
akademischen Jahres 1969170 klar
zum Ausdruck. Naturgemäß liegt
bei der historischen und kunst-
historischen Forschung der Schwer-
punkt auf den Publikationen. Diesmal
kann das Institut vier Bände vor-
legen. Die allgemeine Kulturarbeit
sieht ihren Zweck nicht allein in
Veranstaltungen am Institut selbst,
sondern vor allem in der Herstellung
und Vertiefung von Kontakten über
Flom hinaus. Das vergangene
Arbeitsjahr stand vor allem im
Zeichen einer Intensivierung der
österreichischen Kulturinitiative in
den wichtigen Zentren Nord- und
Süditaliens sowie in Südtirol.
Vom Institut selbst wurden je drei
wissenschaftliche Vorträge, Konzerte
und Ausstellungen durchgeführt,
ein literarhistorisches Symposien,
eine Dichterlesung, eine Theater-
aufführung sowie ein Zyklus von
Kulturfilmen.
Bei einem Überblick über die Ver-
anstaltungen im letzten Vierteljahr
wird die Vielseitigkeit der Arbeits-
bereiche wieder besonders augen-
scheinlich.
In den wissenschaftlichen Kreisen
Roms fand der Vortrag von Univ.-
Prof. Dr. Otto Pacht über„Die
Illustration des Liber Ystoriarum
Rcmancrum" größtes Interesse.
Ein Klavierkonzert mit Jörg Demus
im Palazzo Braschi war ausschließ-
lich Werken Beethovens gewidmet.
Mit einer Aufführung von Ferdinand
Bruckners Schauspiel „Krankheit
der Jugend" fand die ltalientournee
des „Max Reinhardt-Seminars",
welche vom Osterreichischen
Kulturinstitut organisiert wurde, in
Rom ihren Abschluß. In der eigenen
Galerie des Kulturinstituts wurden
Wotrubas Arbeiten für das Theater
gezeigt und gleichzeitig in der
Galerie „ll Collezionista" seine
Plastiken und Graphiken seit 1946.
Gemeinsam mit der Galerie
„Grafica Romero" veranstaltete
das Kulturinstitut eine Ausstellung
von Druckgraphik der „Wiener
Secession" aus der Zeit von 1897
bis 1912. Darüber hinaus wurde
vom Kulturinstitut auch der öster-
reichische Beitrag für die
„Internationale Graphik-Biennale"
in Florenz betreut. Für diese ist
von der „Albertina" eine Auswahl
graphischer Werke aus Osterreich
in der Zeit zwischen den beiden
Kriegen getroffen worden. Aus dem
gegenwärtigen graphischen Schaffen
Am Rande der Biennele
von Venedig
Am Uler der Guidecce, in der Nahe des neu-
gotischen Palalzo in dem Hundertwasser
wohnt, liegt dessen segelseltirnnegenteg" vor
Anker. Im nahen Hotel .Cipriani" tagt der
internationale Kunsthendel. In der beschei-
denen .Case Frollo" haben sich die Öster-
reicher einquartiert. Der Weg in die . lardini",
wo die Biennala stattfindet. lohnt sich diesmal
nicht sehr. Die Kontakte werden außerhalb
hergestellt. Es hat überhaupt den Anschein,
als ware das Geschehen rund um die Bienriale
interessanter als diese selbst,
lm .Teatro La Fenica" sind schon Tage vor
der Biennele-Eröflnung die .Raum-Meta-
morphosen" und Lichtspiele von Contenotte
zu sehen, welche die Stiegenauigänge in
farbige Zaubergarten verwandeln. In den
.Sale Apolinee" finden wir die in zarten
Pastellfarben gehaltenen Wolltengebllde Gier-
danis, Objekte von starker sinnlicher Aus-
strahlung, sowie Serigrapltien des Venezianers
Greco zwischen Pop, Op und Fetocnllage:
politischer Protest verscharft durch Sex. Zu
Recht sind die sensiblen Federzeichnungen
von Betha Sarasin zentral gestellt. In ihnen
spürt man den ernsten Versuch, zu einer
neuen, unserem Lebensgefühl entsprechenden
Ästhetik zu gelangen. Das Arrangement der
gesamten Ausstellung stammt vom "Trio-
Design" (Frandclin, Lenarde, Sarasin), und es
handelt sich dabei um die authentische Ge-
staltung einer Ambiente", wie sie aul der
Biennale nicht immer geglückt angestrebt
wird. In den Pausen der Theateraufführungen
wird die klassizistische Fassade des uFenice"
durch die sich ständig verändernden Licht-
effekte Conienottes ins irreale übertragen.
Paolo Earozzi, der in der Nahe der ,.Saluta-
kirche" zwei Galerien besitzt, gab mit den
beiden Ausstellungen von Cruz Die: und
Gino Marotta einen echten Beitrag zu ierlem
Dialog über die Tendenzen in der Gegen-
wartskunst, um den sich die Eiennale mit
viel Auiwand vergeblich bemüht.
Das Musao d'Arte Moderna (ca Pcsaro)
veranstaltet gemeinsam mit der Mzrlborough-
Galerie Rom eine große Schau mit den Werken
von Marc Rothko, des großen abstrakten
Expressionisten Amerikas. Wie der Direktor
des Museums, Prol. Guido Ferocco,ausiiihrte,
bediente sich Rothko malerischer Mittel, e
ihre Herkunrt von physischen Substanzen
nicht verleugnen, aber einem starken Verlangen
nach einem mystischen Ursprung Ausdruck
verleihen.
Die Galerie .Bevilacqua La Masa" widmet dem
Venezianer Maler Carmelo Zotti eine um-
lassenda Personalausstellung mit Werken aus
seinem gegenwärtigen Schellen.
Zotti spielt bewußt kcnlrastierende Farbwerte
gegeneinander aus und versucht diese in einer
Bildkoinposition zusammenzulugen, Wo seine
Formen nicht dem Drang unterworfen sind,
an der Sexualisierung unseres Lebensg ühles
teilzuhaben, gelingt ihm eine echte persönliche
Aussage, die Wena eines Phantasiereichtums
aufweist, der manchmal an Kubin heranzu-
reichen vermag,
Die österreichische Malerin Liselette Höhs.
die seit Jahren in Venedig lebt und arbeitet,
zeigt in der ehemaligen Kirche San Vidal ihre
Hinterglasmelereien. Dine Buzzatti schrieb
dazu im Katalogvclrwort, deß es viele Auf-
fassungen von Venedig gäbe, iene von
Canaletto, Guardi, Turner, Fragiacomo, Marius
Pictor, Guidi, DuiV, De Pisis, Kokoschka,
Meloni und schließlich auch von Steinberg.
nEs handelt sich jeweils immer um ein anderes
Venedig. Aber es gibt auch ein Venedig von
Liselntte Hdhs." Ein Umstand, auf den schon
Ezra Pound anläßlich einer früheren Aus-
stellung der Künstlerin hingewiesen hat.
Liselotte Hühs kennt nicht die Melancholie
der in das Meer zurü ksinkenden Lagunen-
stadt. Sie erhebt S, Giorgio Maggiere in die
Wolken und stellt aul die Campi lröhliche
Karussels. Ein Bild von der Sintflut könnte
jenes Exveto des Noah sein, das er aus Dank
iur seine Errettung gestiftet hat. Selbst die
Okkupation der Kunstakademie durch die
Studenten wird zum heiteren Ereign' und
Garibaldi blickt von seinem Denkmal liebens-