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fullscreen: Alte und Moderne Kunst XIII (1968 / Heft 98)

Rudolf Ullik 
BETRACHTUNGEN 
ZU DEN QUELLEN 
DES „SCHÖPFERISCHEN" 
IN DER MALEREI 
Der nachsiahende Beilrug wurde von einem 
Verlreler der Nalurwissenschallen verfußl, 
der an den Fragen der modernen Kunsl prak- 
lisch und lheorebinh inleresier! ist. Wir Sind 
überxeugl. diese Ausführungen unseren Lesern 
nichl vorenlhullen lU dürfen, und slellen sie 
daher lur Diskusxion. 
Für eine Abhandlung über das obengenannle 
Thema erscheint als Kunstrichiung die abstrakte 
- die gegensfandslose - Malerei besonders 
geeignei zu sein. Daß sie von manchen Autoren 
als konkrete Malerei definierl wird, möge hier 
außer acht gelassen und die einfache Sammel- 
bezeichnung "abstrakt" als gültiges Versröndi- 
gungsmitiel gebrauch! werden. 
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Wenn - wie im abstrakten Bild - die Geltung 
des gedanklichen Bildinhaltes ausgeschaltet wird, 
dann werden vornehmlich Begriffe über Gestalts- 
eigenschatten maßgebend. von denen Metzger 
ihrer Natur nach drei Arten unterscheidet. nämlich 
erstens die Struktur oder Gefügeeigenschaften. 
zweitens die Ganzheitsqualitöt und drittens die 
Wesenseigenschaften. welche psychologisch erklär- 
bar sind und nach einer Deutung verlangen. 
Es möge darauf hingewiesen sein. daß hier Be- 
trachtungen im Gebiete subjektiver seelischer 
Lebensüußerungen aus der Sicht einer natur- 
wissenschaftlich aufgefafiten Psychologie angestellt 
werden, ein in der ästhetischen Wissenschaft etwas 
ungewöhnlicher Ausgangspunkt, der vielleicht 
gewisse Perspektiven eröffnet und Anlaß zu 
weiteren neuartigen gedanklichen Kombinationen 
bieten könnte, Die Psychologie wird also hier als 
neurophysiologisches Geschehen aufgefaßt und 
theoretische Konzepte. sofern keine Methode zu 
deren Verifizierung angegeben sind. außer acht 
gelassen. Es gelten alle Abstufungen. alle Spiel- 
arten des Subjektiven als darstellungswürdig. Es 
wird die Frage gestellt, aus welchen Bereichen der 
psychischen Mechanismen der abstrakte Künstler 
die Elemente für seine Darstellungen schöpft. Es 
ist die Verhaltenspsychologie und auch die Ge- 
staltpsychologie. welche derzeit ein maßgebendes 
und fruchtbares Arbeitsfeld der experimentellen 
Psychologie ist. die uns den Weg zu einer Antwort 
auf diese Frage weist. 
Zunächst wird eine wichtige Tatsache zu beachten 
sein, welche uns bei unseren Betrachtungen als 
grundlegend stets bewußt sein muß. daß nämlich 
die Gestaltswahrnehmung - wie die Verhaltens- 
psychologie zeigt (Lorenz) - die gleichen Leistun- 
gen als Erkenntnisquelle zu erbringen vermag wie 
das rationale Denken. und daß sie sich dazu noch 
weitgehend gleicher Operationen bedient, welche 
allerdings der Selbstbeobachtung nicht zugänglich 
sind, 
Farbkonstanz, Richtungskonstanz, Formkonstanz 
sind Leistungen von Konstanzapparaten. welche 
ratiomorph arbeiten. Der hier gebrauchte Begriff 
.,ratiomorph" (E. Brunswick) steht in enger Bezie- 
hung und Wechselwirkung zum Begriff .,rational" 
und dürfte bei Erkenntnisleistungen aufdem Gebiet 
der bildenden Künste ein wertvolles Instrument 
sein. Zwischen ..ratiomorphen" und „rationalen" 
Leistungen dürfte eine strenge Trennung wahr- 
scheinlich gar nicht möglich oder gar nicht zu- 
lässig sein. 
K. Lorenz schildert das Zusammenspiel der ver- 
schiedenen Erkenntnisleistungen so, als bestünde 
..immer eine klare zeitliche Trennung zwischen 
der vorangehenden Entdeckung einer Gesetz- 
lichkeit durch ,ratiomorphe' und ihrer darauf 
folgenden Veriükation durch .rationale' Vor- 
gänge". Lorenz hält diese eben erwähnte Dar- 
stellung für einen "Simplismus". was allerdings an 
ihrer Brauchbarkeit für uns nichts ändert. .,Ent- 
deckungen jeder Art dürften wohl immer ihren 
Ausgangspunkt davon nehmen, daß Gestalts- 
Wahrnehmungen auf das Vorhandensein eines zu 
Entdeckenden aufmerksam machen." 
In der Malerei wird also die Aufnahme optischer 
Reize irgendwelcher Art die Ausgangsposition 
zu später ll'I bildnerischen Akten zu Tage tretenden 
Manifestationen werden. 
Alle Konstanzapparate sind grundsätzlich als 
ratiomorph aufzufassen. sie alle bieten eigentlich 
nur Anlaß zur Bildung von Hypothesen. deren 
Richtigkeit nur bedingt. wenn auch hochgradig 
wahrscheinlich ist. Das Wesen der ratiomorphen 
Arbeit der Richtungskonstanz lälit sich aus folgen- 
dem, schon Helrnholz bekannten Versuch ver- 
ständlich machen. Wenn eine Versuchsperson ihre 
Augäpfel mit dem Finger passiv nach einer Seite 
verschiebt. also z. B. nach rechts drückt. so werden 
die auf seiner Netzhaut abgebildeten Gegenstände 
nach der entgegengesetzten Seite. also nach links. 
zu wandern scheinen. e Die Verschiebung des 
Bildes auf der Netzhaut wird von der Versuchs- 
person fälschlich als Bewegung seiner Umgebung 
ausgelegt. während hingegen eine Verlagerung 
des Netzhautbildes bei Eigenbewegungen des Auges 
durch die motorische lnnervation der Augen- 
muskeln nicht als Bewegung seiner Außenwelt 
interpretiert wird, Eine ähnliche. sogar quanti- 
lizierbare Erklärung für dieses Phänomen wird 
von seiten der Regelungstheorie geboten. welche 
besagt. daß die optisch wahrgenommene Raum- 
lage eines Gegenstandes eine Resultierende aus 
Netzhautbild und der willentlich intendierten 
Position des Auges darstellt. 
Eine genauere Wiedergabe der noch hypothe- 
tischen Erklürung des geschilderten Versuches 
wurde in Details führen. welche für unsere Be- 
trachtungen ohne wesentlichen Belang sind. Von 
Bedeutung ist lediglich der Umstand. daß diese 
Konstanzleistungen akzidentelle. dem Wechsel 
unterworfene Wahrnehmungsbedingungen zu 
kompensieren imstande sind. Diese Leistungen 
vermögen Ordnung in die Vielzahl der auf uns 
einstürmenden Sinnesdaten zu bringen. Sie ab- 
strahieren aus vielen Einzelelementen die in 
ihnen waltenden Gesetzlichkeiten, d. h. sie geben 
uns Meldung über die Gesetzlichkeiten, und zwar 
nicht eigentlich über die Sinnesdaten selbst und 
noch weniger über das Verfahren. durch das sie 
zu ihren Abstraktionen gelangen. So sind die 
meisten Wahrnehmungstöuschungen Fehlleistungen 
von Konstanzmechanismen. die durch unwahr- 
scheinliche Reizsituationen angeregt korrigierend 
funktionieren. 
Über komplexe Gestaltwahrnehmungen. die den 
bildenden Künstler im besonderen interessieren. 
ist folgendes zu sagen: Wenn wir ein menschliches 
Gesicht zum erstenmal sehen. so bleiben von der 
Struktur dieser Gestalt nur gewisse Teile haften. 
Bei verschiedenen Personen sind nun die Funktions- 
eigenschaften der Gestaltswahrnehmung sehr ver- 
schieden. So soll z. B. Kandinsky ein außer- 
ordentliches Gedächtnis für Wahrnehmungen 
besessen haben. Er soll imstande gewesen sein. bei 
einer Prüfung über Volkswirtschaft gefragte 
statistische Zahlen von dem inneren Bild. das er 
davon besaß. einfach abzulesen. eine für den 
Durchschnittsmenschen erstaunliche Eigenschaft, 
die ihn als "Eidetiker" hohen Grades erkennen 
lälit (nach A. Gehlen). Erst bei wiederholtem 
Betrachten nimmt die wahrgenommene "Gestalt" 
eine einigermaßen konstante Form an. 
Bei verschiedenen Menschen werden die scheinbar 
endgültigen Resultate ihrer wiederholten Wahr- 
nehmungsakte ziemlich verschieden sein. 
Sehr komplizierte Gestalten dürften vielleicht über- 
haupt niemals eine endgültige Qualität der Kon- 
figuration in unserer Wahrnehmung erreichen. 
da bei jeder neuen Wiederholung der Wahrneh- 
mung neue. bisher ungeworinene Elemente den
	        

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