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MAK

Full text : Alte und Moderne Kunst XVI (1971 / Heft 118)

Berichte

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Aus der Kunstwelt Aktuelles



Museum des 20. Jahrhunderts -

Beethoven-Environment

Bevor sie noch zu elektroverstärkten

Musikexperimenten eröffnet wurde,

gab es bereits einigen Stunk; die von

der Neuen Galerie in Aachen übernommene

 und mit iubiläumsbedingter

Verspätung ins Wiener Museum des

20. Jahrhunderts transferierte Beethoven-Schau

 erregte zwar nicht die

Gemüter der bedingungslosen Parteigänger

 iener sattsam bekannten trivialen

 Beethaven-Aura, in die im

Verlaufe von Jahrhunderten von

kitschigen Gipsreliquien bis zur

politischen Gesinnung alles nur

Erdenkliche hineinverwurschtet wurde,

sondern ausgeredinet die betont

progressiven Künstler und eine als

deren Wortführer durch Fresseaussendungen

 agierende bundesdeutsche

 Galerie namens Kümmel.

Sie erbosten sich freilich nicht wegen

der gezielten „Beethoven-Schändung"

als vielmehr über eine van Doktor

Schmeller vorgenommene „Kunstzensur".

 Diese bestand darin, daß der

agile Wiener Museumsmann aus

„qualitativen und räumlichen Gründen",

 aber auch aus „Gründen, die mit

der Wiener Mentalität zusammenhängen",

 einige Exponate der ursprünglichen

 Aachener Schau seinen

Landsleuten vorenthielt. Hauptbetroffener:

 Otto Dressler, selbsternannter

 „Verfremder" aus Moosach,

 dessen Beethoven-Sitzbilder und

-Stühle im Zwanzigerhaus fehlten.

Eine vertragliche oder mündliche

Verpflichtung, das gesamte ursprüngliche

 Kontingent auch in Wien zu

zeigen, bestand für Schmeller nicht.

Inwieweit freilich Schmellers zweites

Argument taktisch klug formuliert

wurde, sei dahingestellt. Eine derartie

Antwort fordert naturgemäß zur

Polemik heraus. Grundsätzlich außer

Streit müßte allerdings das Recht eines

Museumsdirektors gestellt werden,

nach eigenem Gutdünken darüber zu

entscheiden, inwieweit ihm etwas

zeigenswert erscheint oder nicht. Es

ist dies nichts anderes als eine

Anwendung des Prinzips der Freiheit

für die Kunst selbst einschließlich

sämtlicher daraus resultierender

Folgen. Jedes Pro oder Kontra

erfordert Begründung, die ohnedies im

Falle fehlender Stichhältigkeit oder

mangelnder Glaubwürdigkeit auf

denienigen, der entschieden hat,

zurückfällt.

Nicht anders verhält es sich im

konkreten Fall. Und nicht anders war

es auch - will man da wie dort dem

Gesagten Glauben schenken - voriges

Jahr in Linz, als Walter Kasten aus

ebenfalls sehr konkreten Gründen

zwei Bilder des Wiener Malers Franz

Ringel aus einer Ausstellung der

Neuen Galerie entfernte und deshalb

gerade aus Wien herbe Kritik und

den Vorwurf, reaktionär zu sein, einstecken

 mußte.

Daß im vorliegenden Streitfall auch die

Legitimität der sich zum Anwalt

verschiedener Obiekthersteller

machenden Galerie nur zum Teil

gegeben war, sei nur am Rande

vermerkt. Sie fehlte z. B. hinsichtlich

des solidarischen Zurückziehens der

Arbeit von Stefan Wewerka völlig,

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befindet sich doch dessen zum Interessantesten

 der Schau zählendes

„Kinderzimmer Ludwig van" schon

seit längerem im Eigentum der

renommierten Kölner Sammlung

Ludwig.

Die durch ein abwechslungsreiches

Rahmenprogramm ergänzte Schau

bestand größtenteils aus Requisiten

und Kulissen für den vielumstrittenen

Film „Ludwig van" des Avantgardekomponisten

 Mauricio Kagel. Zu

ihnen zählten die verfremdeten

Beethoven-Zimmer von Ursula Burghardt,

 Stefan Wewerka, Dieter Rot,

Robert Filliou und Kagel selbst, der

das nachgebildete Musikzimmer des

Meisters mit Beethoven-Partituren

überklebte. Ergänzend dazu wurden in

die parallel zur Brauer-Ausstellung

laufende Schau auch noch plastische

Obiekte, Grafiken und konzeptähnliche

 Fotografien vorwiegend

bundesdeutscher Künstler

aufgenommen. Sie trafen sich trotz

unterschiedlichster Qualität und

Witzigkeit im Wunsch nach

Enttabuisierung bestehender

Beethoven-Klischees und einer - mit

den Mitteln bildnerischer Ironie und

Verfremdung vorgenommenen -

Kampfansage an die Auswüchse eines

Kultes, der zu den untersuchenswertesten

 kultursoziologischen

Phänomenen der Neuzeit zählt (Abbildung

 l, 2).

Secession - Zeichnen heute;

Linda Christanell, Hans Escher,

Schrott-Presse

Mit einer überaus interessanten, doch

was die Durchführung betrifft eher

problematischen, unbefriedigenden

und zu sehr unter Zeitdruck stehenden

Ausstellung machte über das Festwochengedränge

 hinaus die Wiener

Secession bekannt. „Zeichnen heute"

lautete der Titel der didaktischen

Schau, deren Idee und hauptsächliche

Durchführung dem Bildhauer, Zeichner

und Radierer Alfred Hrdlicka zu

danken war.

„Zeichnen heute" wollte unter Verzicht

 auf ästhetische Wertung und

ohne „Protektionskinder einer

ideologischen oder ästhetischen

Masche" die wohl wichtigste, rein

lineare, grafische Ausdrucksmöglichkeit

 des Menschen massiv und in

aller Vielfalt im Bewußtsein der

Öffentlichkeit verankern. Die Gründe

dafür kann man einerseits in der

heute oft zu vernehmenden Infragestellun

 des konventionellen Tafelbildes

 (und damit auch der der

Zeichnung) sehen, andererseits aber

auch in der demgegenüber eher

positiven Tatsache, daß noch nie so

viel und so verschiedenartig

gezeichnet wurde wie eben in unserer

Zeit.

Begleitet von einem lesenswerten,

reich illustrierten Katalog, konfrontierte

 die Exposition mit technischen

Zeichnungen und Plänen, mit Toilettekritzeleien

 und Pornographien, Wetterkarten,

 Unfallskizzen, mit Arbeiten

von Geisteskranken, Häftlingen und

Kindern, anatomischen Zeichnungen

und bekritzelten Drudrerzeugnissen,

nicht zuletzt aber auch mit zahlreichen

Zeugnissen freier Kunst zumeist aus

dem Kreis der Secessionsmitglieder.

Die thematische Spannweite, die somit

erzielt wurde, war natürlich enorm.

Sie reichte bis zu dem von Hrdlicka

aufgegriffenen eigentlichen Anlaß der

gesamten Schau: iener Skizze, die

der im Frühiahr in Düsseldorf

erschossene Wiener Ausbrecherkänig

Heinz Karrer im Voriahr an die

Redaktion eines bundeshauptstädtischen

 Boulevardblattes schickte. Sie

enthielt die genaue Verstecksangabe

der Pistolen, die Karrer Exekutivbeamten

 bei seiner spektakulären

Flucht abgenommen hatte und in der

Absicht zurückstellte, nicht auch noch

wegen Raubes angeklagt werden zu

können.

In seiner Mannigfaltigkeit war das

höchst unterschiedliche Material für

den Besucher iedoch schon deshalb

schwer zu bewältigen, weil auch die

Präsentation selbst zuwenig anschaulich

 ausfiel und damit eine klare

Uberschaubarkeit und Vergleichsbasis

verhinderte. Dennoch muß man der

Secession zu dem schwierigen und

ausgefallenen Versuche gratulieren.

Das Bemühen, die gesamte soziologische

 Bezugsvielfalt zeichnerischer

Dokumentationen aufzuzeigen, sie als

gesellschaftliche Realität zu unterstreichen

 und damit vielleicht anzuregen,

 sich mit einzelnen derartigen

Phänomenen gezielter auseinanderzusetzen,

 verdient zweifellos über-Iokale

 Beachtung (Abb. 3-7).

Unter den zahlreichen verdienstvollen

kleineren Ausstellungen in der Club-Galerie

 der Secession sei diesmal

stellvertretend auf iene der Wiener

Bildnerin Linda Christanell hingewiesen.

 Christanells Obiekte bringen

Positionen des Ästhetisch-Formaten

und, bedingt durch den weiten

Assoziationsspielraum, auch solche

inhaltlicher Bezug- und Stellungnahme.

Kunst verweist damit einmal mehr auf

die Relativität ieder Bewertung und

stellt im notwendigen Wechselspiel

von Pro und Kontra alten Kriterien

neue zur Seite. Auch das ist die

Absicht der farbigen Schaumstott- und

Plexiglasobiekte von Linda Christanell,

denen bei ihrer iüngsten Präsentation

der hierzulande sonst ausgiebig

geübte Vorwurf des Kunstgewerblichen

 als einer Vorschubleistung

beabsichtigter Nichtstellungnahme und

Fehleinschätzung erfreulicherweise

erspart blieb. Als voneinander abhängige

 und einander ergänzende

Experimente verbinden die Arbeiten

von Linda Christanell klare bildnerische

 Absichten und Folgerungen.

Historische Rückgriffe iüngeren Datums

finden dabei ihre schöpferische

Ergänzung in den Ansprüchen und

Folgerungen, die auf Grund neuer

und ausgesprochen eigenständiger

bildnerischer Zusammenhänge und

Umsetzungen zu Aussagen werden.

Die Absicht einer sinnlichen Zurkenntnisnahme

 der vielfältig stell-,

leg- und hängbaren Objekte, dieser

nicht selten unangenehm berührenden

..plastischen Zeichen im Raum",

könnte vor allem durch das Ausschalten

von Lethargie und intellektuellem

Hochmut als den wohl sdiädlichsten

Extremen ieder Art von geistiger Auseinandersetzung

 begünstigt werden.

Eine interessante, dem Experimi

zugetane Ausstellung, die iedoc

wie fast alle kleineren Expositic

der Wiener Künstlervereinigung

Nachteile einer zu kurzen Laufz

spüren bekam (Abb. 8).

Hans Escher, neben Hrdlicka, h

Eisler, Schönwald und Schwaige

entfernt dem Kreis der Wiener

Naturalisten zuzurechnen, zeigt

längerer Pause eine Einzelaus:

mit 55 Zeichnungen und Radieru

in den oberen Räumlichkeiten d

Secession. Escher, dessen harter

prägnanter Strich selbst unter d

Nur-Zeichnern eine Besonderhe

stellt, kommt zweifellos entsche

vom Expressionismus her, hat si

iedoch vor allem in den letzten

zu einer durchaus eigenständig

empfundenen Haltung durchgeri

die man als distanzierten, nücht

Realismus umschreiben konnte (

auch unsere Abbildung). Sein

Engagement für den Menschen l

seine sozialen Probleme ist glai

würdig und gelangt dort zu den

stärksten umgesetzten Ergebniss

wo Escher Bildkonzeption und

thematische Deutungsmöglichke

reduziert und auf jedes Iiteraris

Ausholen verzichtet. Dies geling

am besten in den stärker abstra

Blättern des reinen Schwarz-We

die in ihrer Summe - zumindest

diese Ausstellung betraf - den I

stiftzeichnungen vorzuziehen w:

Um das Gesagte zu konkretisie

auf zwei die Isolation des heuti

Menschen treffend charakterisi

Blätter hingewiesen, die nach A

des Rezensenten zum Besten dei

Exposition zählten: Eschers Fedi

zeichnung mit dem Titel „Straße

übergang" aus 1968 und die au

selben Jahr datierte „Stehweinh

ein Blatt, dessen grafisch spar

reiche Anlage der beabsichtigte

inhaltlichen Aussage durchaus a

erscheint (Abb. 9).

Ihr zehniähriges Bestandsiubiläl

feierte im Anschluß an die Aus:

Eschers die Schroll-Presse. Aus i

Anlaß ließ die von Kristian Sotr

geleitete Edition Revue passiere

in zäher Aufbauarbeit und mit

lohnenswertem Durchhaltevermi

mit im allgemeinen qualitätvoll

gewählten Arbeiten für Üsterrei

Druckgrafik insgesamt geleistet

In der Sdiroll-Presse erschienen

beinahe allen wichtigeren Grafi

unseres Landes originalgrafischi

Werke in zumeist mit 80 handsig

und numerierten Exemplaren be

schränkten Auflagen. Dank der

Schroll-Presse fanden vor allem

iunge Sammler einen intensiver:

Zugang zur Kunst unserer Zeit, '

neben der strukturellen Richtigk

Unternehmens vor allem die

vernünftige Preisbildung der vor

Schroll angebotenen, inzwischer

im Ausland geschätzten Blätter

wesentlich beitrug (Abb. lO, ll).

Galerie Ariadne -

Jürgen Messensee

Zu den wichtigsten und beachtei

wertesten Ausstellungen der Wi

Festwochen zählte auch die Per:

neuer Ulbilder, Zeichnungen un-
            
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