Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Alte und Moderne Kunst XVI (1971 / Heft 119)

eines kleinen Segments am untersten Rande fast

vollständig auf dem oberen Blatt liegt, ist sein

Maßwerkmotiv - ein von sechs Dreipässen gerahmter

 Vierpaß - für den Zeichner des ersten

 Blattes nicht mehr gesichert. Dasselbe gilt

von dem Maßwerk der beiden Blendfenster unmittelbar

 neben dem Turmfenster und den

Maßwerkblenden der Strebepfeiler.

Das Oktogon ist nur skizzenhaft konzipiert.

Die Fenster zeigen weder Maßwerk noch Gewändeprofile,

 wogegen die oberen Wimperge

zwar auda ohne Maßwerk im Giebelfeld, aber

mit Krabben und stark betonten Kreuzblumen

gezeidmet sind. Zwischen den Wimpetgen steigen

 Fialen auf, von denen die äußeren korrekt

in Überedtstellung gezeichnet sind. Strenggenommen

 müßten natürlidi auda die inneren

Fialen bei einer radialen Grundrißdisposition

eine leichte Überedtstellung zeigen, doch glaubte

der Zeichner dies unterdrücken zu können.

Noda kurioser sind die Eckbaldachine über den

Strebepfeilern ausgefallen. Über vier Wimperggekrönten

 Maßwerkblenden erheben sich drei

kleine und in der Mitte eine große Fiale. Die

Gruppe über dem vorspringenden Strebepfeiler,

die in Vorderansicht gezeichnet ist, deckt sich

also in der Ausführung genau mit der in Seitenansicht

 wiedergegebenen Krönung über den

nach Nord bzw. Süd vorspringenden Seitenstreben.



Dies ist theoretisch natürlich dann möglich,

wenn die Streben im Grundriß quadratisch

sind, was in Straßburg nicht der Fall ist. Aber

auch sonst ist diese Lösung utopisch. Sie wäre

nur dann realisierbar, wenn sich die beiden Fialenaufsätze

 Winkel an Winkel in einem Punkt

tangieren. In Wirklichkeit kann aber hier nur

eine Winkelfialengruppe mit einer dritten Eckfiale

 angenommen werden, die zwar hinter der

Fiale des vorspringenden Strebepfeilers liegt,

aber nach den Gesetzen der gotischen Tektonik

noch ein Geschoß höher aufsteigen müßte.

Über den Oktogonfenstern erhebt sich ein Pyramidenstumpf,

 der konstruktiv völlig ungesidnert

 ist und bei der vorgesehenen schwachen

 Ausführung der Oktogonpfeiler sofort

eingestürzt wäre. Nicht einmal eine konstruktive

 Sicherung durdn eine eiserne Ringverankerung

 wie beim Freiburger Turm wäre hier

möglich gewesen, weil die Spitzbogen der Fensteröffnungen

 weit über den Pyramidenfuß hinaufreichen.

 Dasselbe Problem existiert natürlich

auch beim oberen kleineren Oktogon mit der

Abschlußpyramide, auch wenn hier die Spitzbogenöffnungen

 unter den Wimpergen nicht eingetragen

 sind. Diese obere Pyramide ist übrigens

 nur zu zwei Dritteln gezeichnet, da die

Spitze nicht mehr auf das Blatt ging.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß

das Oktogon des Risses B nid1t nur in vielen

Details skizzenhaft, ja fast stümperhaft gezeichnet

 ist, sondern auch zeichentechnisdue und

vor allem konstruktive Mängel und Fehler aufweist,

 die einem so berühmten Zeidmer wie

dem „Bischofsmeister" („Lichtenberg-Meister")

nidit hätten unterlaufen dürfen.

Wenn audn schon manche Details des Unterbaus

 konstruktiv problematisch sind, so ist doch

die untere Blatthälfte zeidientechnisdm so virtuos,

 daß man kaum annehmen kann, daß

demselben Zeichner bei der Konzipierung der

oberen Teile solche Fehler unterlaufen wären.

16

DIE BESONDERE STELLUNG DES

WIENER PLANRISSES 289

IM OKTOGONGESCHOSS

Die Ausbildung des Oktogons unterscheidet sich

bei dem Wiener Riß 289 von dem Riß B grundsätzlich

 dadurch, daß der Zeichner des Wiener

Risses gerade sein Hauptaugenmerk auf das

Oktogon richtete, wo der Zeichner der oberen

Teile des Risses B versagt hat. Dieses Versagen

muß dem späteren Planbearbeiter des Risses B

in voller Deutlichkeit bewußt geworden sein,

weshalb er mit rührender Akribie und erstaunlicher

 Phantasie diesen Mangel auszugleichen

versuchte. Bei diesem Versuch scheiterte aber

der Zeichner des Wiener Risses formal und

konstruktiv noch mehr als sein Vorgänger.

Der wid1tigste Unterschied zwisdaen Riß B

und dem Wiener Riß 289 ist die Betonung der

Eckstreben im Oktogongesdioß, die nur darauf

angelegt ist, den Kern für eine Wendelstiege zu

bilden. Wie der zentrale Kern dieser Wendelstiege

 allerdings auf dem Eckwinkel der beiden

Streben aufruht, bleibt ungeklärt.

Ein zeichented-inisch hochinteressantes Dilemma

ist die Darstellung der übereckstehenden Fenster

 des Oktogons: Diese Fenster sind in Wirklichkeit

 gleichgroß wie die orthogonal gezeichneten

 Fenster, ersdieinen aber natürlich in der

Projektion verkürzt. Doch bereitete es auch anderen

 Zeichnern gotischer Risse anscheinend

größte Schwierigkeiten, die Maßwerkunterteilung

 der orthogonal gezeidineten Fenster in der

Übereckstellung analog zu verkürzen - ein

relativ einfaches Problem der darstellenden

Geometrie! Während spätere Zeichner sich nicht

ganz ungeschickt so behalfen, daß sie außen

mit derselben Maßwerkteilung in wahrer Größe

begannen und diese nach innen unterbradien,

da die Darstellung der wahren Größe in der

verkürzten Projektion nicht voll aufging -

ein sophistisch kluges geometrisches Verfahren

-, behalf sich der Zeichner des Wiener Risses

289 mit der geometrisdi absolut falschen Methode,

 eine Vierteilung des Stabwerkes der orthogonalen

 Ansicht in der Übereckansidit als

Dreiteilung mit mittig sitzendem kleinerem

Fenster- und Wimpergmaßwerk aufscheinen zu

lassen.

Über diesem problematisdnen unteren Oktogon

folgt ein noch problematischeres Aditedtgeschoß.

 Seine Verbindung mit dem darunterliegenden

 Oktogongeschoß - beim Straßburger

Riß B immerhin noch durch einen Pyramidenstumpf

 angedeutet - fehlt. Audi dieses obere

Oktogon wird von Eckwendelstiegen flankiert,

die aber unten konstruktiv kein Auflager haben.

 Sie ruhen auf dem konstruktiv völlig ungesicherten

 breiteren unteren Oktogon auf.

Besonders problematisch und konstruktiv völlig

unüberlegt erscheint auch die Überleitung der

unteren Oktogonspindeln in die nad1 innen zurüdtgesetzten

 oberen Wendeltreppen. Diese erfolgt

 auf der Zeichnung durch eine ansteigende

Brüdte, die konstruktiv und geometrisch mitten

durch den Wimperg des überedtstehenden unteren

 Oktogonfensters hätte führen müssen. Zeichentechnisch

 ist dies auf dem Wiener Riß nidit

voll präzisiert, konstruktiv und formal aber

absolut unmöglich realisierbar - ein Beweis,

daß der Zeichner des Wiener Risses ein großer

Anreger war, der sich aber über die ganze Tragweite

 seiner Ideen zeichentechnisch und konstruktiv

 nicht Klarheit zu schaffen vermochte.

Die Wendelstiegen des oberen Oktogons, dessen

 Fensterwerk diesmal richtig verkürzt wiedergegeben,

 während das Maßwerk nur noch

skizzenhaft angedeutet ist, enden oberhalb des

Helmansatzes in polygonalen Türmchen mit

eigenem Helmabschluß. Am Ende des oberen

Oktogons ist wieder eine die Wimperge überschneidende

 Brüstungsgalerie gezeichnet, die

auch auf die Wendeltreppentürme übergreift.

Den Absd1luß bildet eine ziemlich schwächlidi

aussehende Helmpyramide mit viel zu klein

gezeichneten Krabben und einer kuriosen

Kreuzblume, die - obwohl horizontal liegend

- einfach in die Bildebene hereingeklappt ersdieint

 und die konstruktiv niemals in Stein

hätte ausgeführt werden können.

Nach dieser Analyse besteht die besondere Stellung

 des Wiener Risses 289 in der betonten

Ausbildung der vier Edtwendeltreppen vor den

überedt stehenden Seiten des Oktogons, deren

Grundrißprojektion der Zeichner sowohl beim

unteren wie beim oberen Treppenpaar in die

Ansicht hineinprojiziert hat. Hierin sprengt dieser

 sonst so hilflose Zeichner allerdings die damals

 üblichen Darstellungsmethoden auch berühmterer

 Zeichner der Epoche - vielleicht aus

Ängstlichkeit, man könne sonst vielleicht nicht

erkennen, daß hier Wendeltreppen vorliegen,

was beim unteren Treppenpaar auch gut möglich

 wäre. Die ansteigenden Fenster der unteren

 Spindel hat der Zeidiner nunmehr am oberen

 Ende anzudeuten vermocht, wobei er noch

den Fehler machte, daß er diese Fensterabschlüsse

 nicht spiegelbildlich anordnete.

Der Zeichner des Wiener Risses 289 machte

übrigens einen noch viel schwerwiegenderen

Zeichenfehler, der beweist, daß er kein guter

Praktiker war und sich durch mangelndes Vorstellungsvermögen

 seine an sich interessante

Idee in der technischen Darstellung so erschwert

hat, daß sie irreale Züge annahm. Die Spindeln

an den vier Ecken des Oktogons sitzen nämlich

nidit auf den winkelförmig vor dem dritten

quadratischen Turmgeschoß gesetzten Streben

auf, sondern müßten auf den Dreieckszwickeln

stehen, die zwischen Viereck und Achteck an

den vier Ecken überbleiben. So eingerückt, hätten

 die Wendelstiegen fast die beiden übereck

stehenden Oktogonfenster überdeckt, und der

Zeidaner hätte dann durch eine horizontale

Brücke oberhalb der Wimperge über den Oktogonfenstern

 in den oberen Oktogonkranz überwechseln

 können, womit er sich die völlig utopischen

 steigenden Brücken hätte ersparen können.

 Bei den Spindeln des Oktogons liegt übrigens

 derselbe Zeichenfehler vor. Der Übergang

von den unteren zu den oberen Spindeln neben

dem eingerückten kleineren Oktogon wäre aber

auch bei richtiger Darstellungsweise konstruktiv

 sdiwierig - wenn nidit unmöglich - ge-Der

 überleitende Pyramidenstumpl

(konstruktiv selbst ein Problem) eignet sich

keineswegs noch als Auflagefläche für hohe

Wendeltreppen.

Organisatorisch hätte man die beiden Spindeln

nur durch gerade ansteigende Treppen verbinden

 können. Da aber der Zeidmer des Wiener

Risses keine große Turmpyramide über dem

unteren Oktogon wagte, sondern sklavisch an

der Idee des Straßburger Risses B mit dem eingerückten

 („laternenartigen") oberen Oktogon

WCSCH.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.