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MAK

Full text : Alte und Moderne Kunst XVII (1972 / Heft 120)

Linda Christanell











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hnürles Mlniobiek!

urzer Schrein, ousveibend

miteinander verbundene und

hnürie Körper

chies Quadra!

Lmda Chrisßunell



Schwarze Kunst - Deutung ihrer Objekte

Es ist eine fremde, unheimliche, seelisch zugreifende

und vielleicht verletzende Welt, die der betritt,

der mit den Obiekten von Linda Christanell

konfrontiert wird. Der Deutung drä sich sofort

eine grundlegende Definition des religiösen

Phänomens auf: es geht um das „mysterium

tremendum et fascinosum", also um Erscheinungen,

die zugleich erschrecken und faszinieren.

Sotriffer hat das Deutewort „Fetisch" gegeben.

Fetische, das sind Kultgegenstände und Verehrungsobiekte

 einer alten, primitiven und

magischen Stufe der Religiosität. Die sprachliche

Herkunft weist auf das „künstlich Gemachte" hin,

weil Fetische nur selten Naturgegenstände sind.

Fetische, das sind dann „manageladene" Gebilde,

wobei „mana" die Kraft ist, die den, der dem

Gebilde zu nahe tritt, tötet, die aber auch - wenn

richtige Haltungen eingenommen werden -,

Vitalkräfte vermitteln. Fetische haben ihre ganz

bestimmten Formen; sie sollen das Mana

einschließen und aufbewahren. Darum wurden

Fetische verschnürt, vernagelt und mit Blut und

wundertötigen Salben verschmiert. Und nun schafft

Kunst, ohne sich dieser religionsgeschichtlichen

Phänomene bewußt zu sein, hier verschniirte, vernagelte,

 verschmierte Gebilde, Fetischkunst. Magische

Kunst. Schwarze Kunst. Urzeit, Religion der

Primitiven bricht mitten im 20. Jahrhundert wieder

auf. Sie erschreckt in ihrer Verbindung mit dem

menschlichen Todestrieb und sie fasziniert mit einem

seltsamen Schönheitserlebnis, Man denkt an

schwarze Messen, an Hippiekulte. Nicht zufällig

kombiniert ein Ausstellungsplakat ein Obiekt mit

einem nackten Frauenkörper. Gegen die Entmythologisierungsprogramme

 moderner Theologie,

gegen die genormte, kühle Welt der Gegenwart

stehen da Reste des Heidentums, der Spätantike, und

man vernimmt die Aussage, daß der Mensch ein

Heide geblieben ist und daß Heidentum schön ist.

Eine Herausforderung! Aber man stutzt. Ist hier

wirklich primitive Religiosität gemeint? Nehmen sich

in diesen Obiekten Magie, Religion, Heidentum

ernst? Ist da nicht eher eine Kunst entstanden, die

Humor hat, natürlichen schwarzen Humor, aber auch

rosaroten und glitzernden? Kindheitserinnerungen

vom Weihnachtsmann und Weihnachtsbaum? Statt

um Religion ginge es um Anspielungen auf skurrile

und makabre Begräbnisdekarationen. Und die entstandenen

 farblidi intensiven und hübschen „Packerl"

versetzen bloß den Schock der Spannung zwischen

dem erwarteten Inhalt und ihrem faktischen Leersein.

Sollte der Theologe hier mit tierisahem Ernst die

Wiederauferstehung des Heidentums mitten im

20. Jahrhundert sehen, wird er vielleicht vom Kunstwerk

 verspottet, ad absurdum geführt und genarrt.

So wird einmal mehr Deutung besser ausgehen

von Form und Material. Die Obiekte überzeugen

in ihrer Gestaltung von einfachen Grundformen

her. Die Obiekte sind Spiel mit den Materialien

und haben darin serielle Aspekte. Dabei strahlen

die Materialien Schaumgummi, Watte, Fell eine

bestimmte Sinnlichkeit aus; man möchte zugreifen

und angreifen, man möchte spielen, fühlen

und streicheln. Die Sinnlichkeit ist aber gehalten

und kontrastiert von den strengen Grundformen

und von der Kühnheit des Plexiglases. ldw möchte

diese Obiektkunst als „formalisierten Surrealismus"

bezeichnen. Wenn diese Definition berechtigt ist,

kann man verstehen, daß Formen hier zugleich

verschlüsseln und öffnen, daß sie abweisen und

stören und zugleich einladen und faszinieren. Es sind

geistige Gegenstände gestaltet, die Assoziatiansketten

 im Betrachter auslösen; man assoziiert, daß

der Mensch seelisch viele Schichten hat und daß es

Grundantagonismen wie Lebenstrieb und Todestrieb

 gibt. Kunst fordert hier die Anstrengung des

Eindringens, Deutens und Assoziierens und sie

hebt sich ab von einem neuen surrealistischen Seelengetratsche,

 das sich damit verrät, doß es zu guten

Gesdiöften taugt. Die Künstlerin hatte den Mut,

Obiekte zu schaffen, die die Faszination des Unverständlidwen

 ausstrahlen. Kurt Lüthi

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