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Volltext: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Heft 139)

 
Marga Persson-Petraschek, Nacht, 1974. Wand- 
behang, 200 x 140 cm 
Beatrix Kaser, Phönix, 1971. Sisal 
Sepp Moosmann, Bewegung ll, Wolle auf Lei- 
nen, 114x180 cm 
Helen Knapp, Zwillinge (Teil eines Paares], 1973. 
Rot-Braun-Gewebe, 45 x 60 cm 
wir einer Rezension der „Washington Post" entnehmen, wurde diese österreichische Wander- 
tellung von den Kritikern und dem Publikum in den USA gut aufgenommen. Alle vertretenen Künstler 
len darin eingehend gewürdigt und hervorgehoben, daß die Ausstellung, obwohl in bester 
1er Tradition, doch neue Wege in kreativer und handwerklicher Hinsicht auf dem textilen Sektor 
eigt. 
 
und kaum hinterfragt worden. Heutige gesell- 
schaftliche Bedingungen lassen solche Rollen- 
unterscheidungen zwischen Mann und Frau als 
gefährlich erscheinen, weil sie oft den Weg der 
Frau in die ihr gemäße Zukunft verhindern. Hier 
gibt es Aufgaben der Kunst, die politisch rele- 
vant werden könnten. Nämlich: Kunst soll auch 
Utopien einer Welt von Morgen vorwegneh- 
men, indem sie dafür Symbole schafft. Die Zu- 
kunft der Welt ist ahne Zweifel von der mann- 
weiblichen Gleichberechtigung und Partnerschaft 
bestimmt. Kunst sollte dafür schon heute andro- 
gyne Symbole schaffen. Ich meine; textile Kunst, 
deren Basis Kindheitserfahrungen und Erfahrun- 
gen des Alltags sind, vermag die Spannung 
zwischen dem archaisch Ursprünglichen und dem 
Heute und den Zukunftsutapien im Abenteuer 
von Stoff- und Moterialprozessen zu bewältigen. 
Und sie hat damit auch für die Gestaltung einer 
neuen mann-weiblichen Symbolik eine große 
Chance. Wenn einst Stoffliches als weiblich und 
Gestaltung als männlich gegeneinander abge- 
grenzt wurden, könnten heute Gestaltungsvor- 
gänge mit Stoffen eine mann-weibliche Syn- 
these signalisieren. Es könnte zukunftsweisend 
sein, daß Frauen kreativ gestalten und daß 
Männer eine Sensibilität für Stoffe und Mate- 
rialien entwickeln. Im Rahmen der komplexen 
Psychologie von C. G. Jung wurde das Postulat 
erhoben, es müsse zur Reaktivierung des weibli- 
chen Seelenteils im Manne und des männlichen 
Seelenteils in der Frau kommen, und diese Be- 
wegung müßte sich im gesellschaftlichen Bereich 
fortsetzen, um die Herrschaft des Patriarchalis- 
mus zu überwinden, ohne aber damit neu das 
Matriarchat zu installieren (vgLdazu E.Neumonn: 
Zur Psychologie des Weiblichen, 1953). 
Zuletzt sei an marxistische Fragestellungen er- 
innert. Wenn der Marxismus mit seinen Analy- 
sen auch die immanenten Probleme der Kunst 
nicht zu lösen vermag, weil er als „ldeolagie" 
die kunstimmanenten Gesetze nicht beachtet, so 
vermitteln diese Analysen trotzdem eine kritische 
Zurüstung für den Bezug von Kunst und Gesell- 
schaft. So wird einem beispielsweise klar, doß 
die Bildweberei des Mittelalters, die wir so sehr 
bewundern, Produkt einer feudalen Gesellschaft 
ist. Um diese kulturelle Blüte zu schaffen, waren 
Entfremdungsprazesse der unteren Gesellschafts- 
schichten nötig. Damit ist die Frage gestellt, wie 
sich textile Kunst von heute zu Problemen der 
ökonomischen und gesellschaftlichen Basis ver- 
hält. Entsteht hier Kunst, die diese Basisprobleme 
mit einem idealen Überbau ideologisch ver- 
schleiert? Lassen es sich die Künstler gefallen, 
in einem Reich der Innerlichkeit völlig privati- 
siert zu werden? Oder aber: gibt es hier Kunst, 
die in sich ein gesellschaftskritisches Potential 
enthält und utopisch Symbole einer humaneren 
Welt gestaltet? Wenn textile Kunst alltägliches 
Material, einfache und elementare Hantierun- 
gen als Basis hat, dann kann sie Erfahrungen 
vermitteln, die gesellschaftlich relevant werden. 
Sie kann ein neues Gefühl für einfache Stoffe, 
für strapazierte Materialien wecken - sie kann 
eine Unmittelbarkeit zur Welt der Sinne und der 
Sinnlichkeit eröffnen -, sie kann - wie oben 
dargelegt - als Strukturkunst an verantwortli- 
chem Weltgestalten mitbeteiligt sein -, sie kann 
der Vermenschlichung der Raum- und Umraum- 
bezüge dienen. In dem allem wird sie sich kri- 
tisch und provokatorisch falschen gesellschaftli- 
chen Ideologien entziehen und verweigern, und 
.2. ..,:„4 -,..,.l..;,i. Quvvnlnruia Aiflß! m"-.. um. 
 
Marge Persson-Petraschek, Nacht, 1974. Wund- 
behang, 200 x 140 cm 
Beatrix Kuser, Phönix, 1971. Sisul 
Sepp Moosmunn, Bewegung ll, Wolle auf Lei- 
nen, 114 x 180 cm 
Helen Knapp, Zwillinge [Teil eines Paares), 1973. 
Rol-Braun-Gewebe, 45 x 60 cm
	        
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