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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVIII (1973 / Heft 127)

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Michio Yoshihara, Malen mit einem Fahrrad, 1956 
krieg.«3 In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg ent 
brannte in Tokio, wo sich ständig neue Künstiergruppen 
formierten und wieder aufiösten, eine heiße Diskussion 
über die Rolle, die die Künstler im Krieg gespielt hatten. 
Der soziale Realismus, dem es trotz seiner Popularität an 
innovativen, ausdrucksstarken Ideen fehlte, galt damals 
als Hauptströmung der Kunst. In der Kunstszene der 
Kansai-Region (einschließlich den drei größten Städten 
Osaka, Kyoto und Kobe) hingegen war von dieser chao 
tischen Situation nicht viel zu spüren. Die Künstler der 
Gutai-Gruppe fanden hier somit die idealen Vorausset 
zungen für die Verwirklichung ihrer »epochemachenden 
Idee in der Malerei«. 
In Kansai experimentierte zu dieser Zeit eine Reihe von 
Künstlergruppen und Formierungen auf ihrer Suche 
nach neuen Ausdrucksformen mit diversen Medien. So 
wurde z. B. 1952 das Genbi Contemporary Art Council 
{Gendai Bijutsu Kondankai) gegründet. Junge und eta 
blierte Avantgarde-Künstler aus der Kansai-Region tra 
fen sich einmal im Monat zu einer Diskussionsrunde und 
organisierten insgesamt drei Ausstellungen, an denen 
sehr unterschiedliche Künstler teilnahmen: Yoshihara 
und Waichi Tsutaka, die damals zu den bedeutendsten 
abstrakten Malern der Kansai-Region zählten; junge 
Künstler, die später den Kern der Gutai-Gruppe bilden 
sollten; Shiryu Morita, der nicht nur auf japanische, son 
dern auch auf amerikanische Maler großen Einfluß aus 
übte; eine Gruppe innovativer Kalligraphen wie Yuichi 
Inoue und Sogen Eguchi, die mit Morita die treibende 
Kraft hinter einer Avantgarde-Bewegung in der Kalligra 
phie darstellten, und schließlich Vertreter neuer Formen 
in der Plastik und Architektur. Des weiteren traf sich 
noch eine ganze Reihe von anderen Künstlern aus den 
verschiedensten Bereichen - Design, Keramik und Ike 
bana -, wobei der Ideenaustausch und die gemeinsame 
Genbi-Ausstellung im Vordergrund standen. Morita und 
Inoue gründeten 1952 Bokujinkai, eine avantgardistische 
Kalligraphengruppe, die die Zeitschrift Bokubi heraus 
gab. Diese enthielt eine Leserrubrik namens »alpha«, in 
der kalligraphische Werke veröffentlicht wurden, die 
Kreativität vor Konvention stellten. Dort gingen auch 
Werke von mehreren jungen Künstlern, die sich später 
der Gutai-Gruppe anschlossen, ein, und Yoshihara und 
andere entschieden, welche Beiträge veröffentlicht wur 
den. Dieses anregende kulturelle Umfeld der Kansai- 
Region in den fünfziger Jahren bildete den Nährboden 
für die unkonventionellen, innovativen Ideen der Gutai- 
Gruppe. 
Jirö Yoshihara wurde 1905 in Osaka als Sohn eines 
führenden Speiseölfabrikanten geboren. Er zählte zur 
ersten Generation abstrakter Maler in Japan und gehör 
te zu den prägenden Persönlichkeiten der Kunstszene in 
Kansai nach dem Zweiten Weltkrieg. Junge Künstler wie 
Shözö Shimamoto und Tsuruko Yamazaki scharten sich 
damals um Yoshihara. In der Folge kamen sich die 
Künstler durch verschiedene Ausstellungen wie die 
»Genbi-Exhibition«, die »Avant-Garde Exhibition by 
Young Artists« im Jahre 1954 und die »Ashiya City Exhi 
bition«, eine radikale, öffentlich zugängliche Ausstellung, 
die Yoshihara ausgewählt hatte, näher. Daraus entstand 
die Gruppe, die als »Gutai« bekannt werden sollte. Da 
die Gründung weder auf ein Manifest noch auf eine ein 
zelne Ausstellung zurückgeht, ist das genaue Grün 
dungsdatum unklar, es scheint aber, daß die Künstler 
sich ab etwa Mitte 1954 als Gruppe begriffen und sich 
den Namen Gutai Bijutsu Kyokai gaben. Ihr erstes Pro 
jekt war eine Zeitschrift, die den Namen der Gruppe trug. 
Zwischen 1955 und 1965 erschienen vierzehn Ausgaben 
von Gutai mit Berichten über Aktivitäten und Ausstellun 
gen der Gruppe. In den ersten drei Ausgaben waren 
3 Jirö Yoshihara, »Waga kokoro no jijo-den« (Autobiographie meines 
Herzens), in: Kobe Tageszeitung, 9. Juii 1967.
	        
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