Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Alte und Moderne Kunst XIX (1974 / Heft 132)

I Aktuelles Kunstgeschehen [Wien



Museum des 20. Jahrhunderts

Kurt Schwitters

Großausstellungen van Klassikern der Moderne

sind leider auch in Usterreich während der letzten

Jahre immer seltener geworden. Die Budgets

unserer Museen und Kunstinstitute reichen weder

für die Kosten der zumeist gegebenen komplizierten

technischen Abwidrlung noch auch für die notgedrungen

 hohen Versicherungsprämien. Will man

dennach Ausstellungen dieser Gräßen- und Rangordnung

 nach Usterreich holen, so geht dies fast

nur noch in Zusammenarbeit und entsprechender

Kastenteilung mit ausländischen Partnern. Die über

Neuiahr vom Museum des 20. Jahrhunderts

gezeigte Retrospektive von Werken des Merz-Künstlers

 und Dadaisten Kurt Schwitters (1887-1948)

kann als Beweis dafür angesehen werden. Sie kam

in Kooperation mit Marlborough Fine Art, London,

zustande. Von dieser international angesehenen

und einflußreichen Galerie stammte auch das

Gras der knapp über hundert Leihgaben. Der

aufwendige Katalog wurde bei DuMont Schauberg

in Köln gedruckt und für sämtliche Stationen der

von London über Zürich und New York nach Wien

gelangten Exposition verwendet. In klarer Hängung

ergab die Retrospektive ein beeindruckendes Gesamtbild,

 das über die Veranschaulichung der

künstlerischen Entwicklung und stilbildnerisctie

Zusammenhänge hinaus als historische Plattform

zahlreicher Aspekte heutigen bildnerischen Schaffens

und Experimentierens angesehen werden kann.

Völlig zu Recht konzentrierte sich die Auswahl in

ihrem Schwerpunkt auf die Merz-Bilder in Collage

und Mantagemanier, denen Schwitters in der Zeit

von 1919 bis zu seinem Tode treu blieb. Mittlere und

kleinere, ia intime, kammermusikalisdie Formate

überwagen. In signifikanten Beispielen stehen sie

für eine neue Ästhetik, die dem Abfall zu seinem

Recht verhilft, die das Wertlose als Material in

neuer, von Schwitters gleidisam „erfundener"

Kombinatorik wert- und sinnvoll macht und dadurch

 zu einer beträchtlichen Ausweitung bildnerischer

 Denk- und Handlungsweisen führte. Die

Sensibilität und der Einfallsreichtum, über die der

Künstler verfügte, waren dabei der Garant für das

spürbare Eigenleben und Fluidum, für die oft und

oft gegebene Poesie seiner den räumlichen Aspekt

wiederholt unterstreichenden und damit die Papiercollagen

 der Kubisten fortentwickelnden Bilder.

Schwitters erweist sich darin nicht zuletzt als

Anreger für die von Pierre Restany gekürten

„Neuen Realisten" (Arman, Spaerri). Eine verdienstvolle,

 informative und wichtige Ausstellung,

der von der Rangordnung her vergleichbare folgen

sollten.

(12. 12. 1972-28. 2. 1974) - (Abb. 1, 2)

Galerie Schoftenring

Richard Smith

Die erste Einzelausstellung des renommierten Engländers

 in Üsterreich. Smith erhielt 1967 den

Großen Preis der Biennale van Säa Foulo. Für

1974 plant die Londoner Tate Gallery eine umfassende

 Retrospektive. Die Wiener Auswahl beinhaltete

 ausschließlich grafische Blätter des Zeitraumes

 von 1968 bis heute. Unter den insgesamt

vierzig Arbeiten befand sich auch der Radier-Zyklus

 „Butterfly" und die pradttvoll gelungene

Lithaserie mit dem Titel „Horizons". Richard Smith

ist ein Maler der reinen Abstraktion. Seine

Konzeptionen sind in ihrer Grundtendenz einfach,

klar und folgerichtig aufgebaut, ausgewogen im

Wechselspiel, das sich überaus sensibel, zugleich

iedoch kraftvoll und bestimmt aus der

Korrespondenz zwischen Farbe und Form, zwischen

Fläche und Forbintensität ergibt. Obwohl die

Wiener Ausstellung auf die großen dreidimensionalen

 Werke verzichten mußte, gelang ihr -

wie die österreichische Kritik fast einhellig feststellte

 - die gewünschte informative Absicht.

Stilistisch basieren die Arbeiten des 1931 Geborenen

auf Grunderkenntnissen der Geometrischen

Abstraktion und hier näher in der Minimal-Art. Die

gestalterische Ökonomie, über die der Künstler

verfügt, gewährleistete die optimale Verarbeitung

38

und eigenständige Weiterentwidrlung anfänglidter

Einflüsse durch die Malerei eines Mark Rothko und

Sam Francis. Während Smith in den Farblithographien

 primär malerische Wirkungen und

Nuoncierungen ausspielt, tritt in den härteren

Radierungen naturgemäß die Zeichnung und damit

das graphische Element stärker in den Vordergrund.

Daß die größtenteils von der Edition Jacobson,

London, verlegten Blätter von hoher tedmischer

Perfektion sind, gilt bei einem Künstler seiner Rangordnung

 als selbstverständlich.

(24. l0.-7. 12. 1973) - (Abb. 3)

Galerie nächst St. Stephan

Urs Lüthi

Der iunge Schweizer Avantgardekünstler markiert in

seinen zumeist als „narzistisch" bezeichneten

Selbstporträts eine ausgesprochene Außenseiterposition

 innerhalb der iungen europäischen Kunst.

Lüthi ist ein poetischer lnfrogesteller seiner selbst.

In seinen Bildern, Montagen und Siebdrudren geht

es ihm um menschliche Verhaltensweisen, um

Markierungen seelischer Zustände in der scheinbar

vertrauten und doch zugleidt verschlüsselten

Realistik effektvaller, nicht selten einen Anflug von

Wehmut und nostalgischer Traurigkeit aufweisender

Porträtfatografie. Eine bemerkenswerte Ausstellung

für insider der Kunstszene.

(16. 11.-15. 12. im) - (Abb. 4)

Pareidolien

Nach vorangegangenen Ausstellungen von Unikaten

folgte die Präsentation des wiederholt angekündigten

 Mappenwerkes der Drudrgraphiken von

Patienten des von DDr. Leo Navratil geleiteten

Landeskrankenhauses für Psychiatrie und Neurologie,

 Klosterneuburg. Die in Hunderterauflage

erschienene Mappe enthält dreizehn Radierungen,

darunter Blätter so bekannter und wiederholt

publizierter Künstler wie Johann Hauser und Josef

Bachler. Wenn es auch den Radierungen gegenüber

den Zeichnungen, Fettkreidearbeiten und Gouachen

der durch Navratil in ihrem Schaffen bestärkten

und geförderten Patienten vielfach an Spontaneität

und Vehemenz mangelt, so markiert die Summe des

Geschaffenen trotzdem eine durchaus interessante

Leistung im Sinne entsprechender Vergleiche. Der

mit 2000 Schilling festgesetzte Preis unterstreicht die

Absicht der Initiatoren, entsprechende Publizität auf

der Basis vorurteilsloser Auseinandersetzung und

künstlerischer Anerkennung zu erreichen.

(Dezember 1973) - (Abb. 5, 6)

Galerie in der Passage

Herbert Pasiecznyk

Bilder und Grafik des 1942 in Wien geborenen

ehemaligen Hausner-Schülers. Pasiecznyk wurde

durch seine Zeichnungen von Autofriedhöfen

bekannt, weitete allerdings in letzter Zeit seine

Thematik im Sinne einer durch surreale Komponenten

 angereicherten Gegenständlichkeit aus. Er

entwickelte dabei ein stillebenartiges Vokabular

stellvertretender Symbolik, vergleichbar der Malweise

 innerhalb der Neuen Sachlichkeit. Nähmaschinen,

 ein Schuhspanner, Behälter, Flaschen

und ähnliches werden mit Genauigkeit wiedergegeben,

 erschöpfen sich iedoch nicht in artistischem

 Selbstzweck, sondern beziehen einen

Großteil ihrer Wirkung aus dem Nebeneinander

der beabsichtigten Beispielhaftigkeit, welche den

Betradwter mit gezielt assoziierbaren Inhalten

konfrontiert. Seine keineswegs unkritischen

Zustandsschilderungen von Teilbereichen des Heute

sind auf gutem Weg eigenständiger Fartentwicklung.

(10. 10.-1B. 11. 1973) - (Abb. 7)

Galerie auf der Stubenbastei

Karl Anton Fleck

„Landschaften und Selbstbefleckungen" nannte der

1928 geborene Wiener Graphiker seinen iüngsten

zur Diskussion gestellten Werksquerschnitt. Die

Ausstellung unterstrich das expressiv-vehemente

zeidmerisrhe Können des zuletzt stärker in den

Vordergrund der Wiener Kunstszene getretenen,

in seinen Porträts besonders begabten, zeitn

Künstlers.

(9. 10.-S. 11. 1973) - (Abb. B)

Modern-Art-Galerie

Paul Meissner

Prof. Paul Meissner, wiedergewählter Präsid

einer echten Konsolidierung horrenden Sece

zeigte Bilder und Zeichnungen im Stil der

seit einigen Jahren wieder stärker forcierte)

tiven Expressivität. Eine Ausstellung, die gle

maßen Absicht wie Umsetzungsvermögen de

geborenen Künstlers unterstrich.

(1. 11.-St. 12. 1973) - (Abb. 9)

Galerie in der Blutgasse

Peter Dworak

Arbeiten des iungen Wieners mit klarer Tel

einer stark subiektiv geprägten, die Abfolge

Porträts in Comic-Manier wiederholt einsdili

den neuen Gegenständlichkeit. Dworak zeigt

Olbilder, Pastelle und eine Radiermappe mit

Titel „Autos und Frauen".

(1. 10.-20. 10. 1973) - (Abb. 10)

A. R. Hafer

Albert Reinhard Hafer, geboren 1945, Absol

Kunstgewerbeschule in lnnsbrudc und Studen

Wiener Akademien, präsentierte „Bilder" im

schluß an seine bereits im April 1973 von de)

Ganggalerie im Grazer Rathaus gezeigte Pe

Seine Variante einer neuen Gegenständlichk)

tendiert zu klarer expressiver Umsetzung vor

zurückhaltender Symbolik, in manchem an Fr

Bacon erinnernd.

(22. 10.-15. 11. 1973) - (Abb. 11)

Galerie Tao

Hanna Lipschiz

Hanna Lipschiz, Gattin Andre Verlons und in

Eigenschaft vielen Wiener Kunstfreunden au:

ihrer Tätigkeit in der ehemaligen Galerie V:

Erinnerung, wurde 1917 in Litauen geboren. f

lebte zuletzt in Wien, Paris und der Schweiz

ibegonn 1964 mit Wandteppichen nach eigene

Entwürfen. Die von Elizabeth Wong organisi

Gedächtnisausstellung für die im Februar de)

iahres verstorbene Künstlerin soll 1975 mit ei

umfassenderen Retrospektive des Museums f)

angewandte Kunst entsprechende Fortsetzung

fahren.

(20. 11.-19. 12. 1973) - (Abb. 12)

Pet

Franz Herberth 1'

Künstler, Lehrer, Mensch von hohen Grad:

war o. Professor Franz Herberth, eine der

profiliertesten Persönlichkeiten der Wiener H

schule für angewandte Kunst. Par distance s

ihn meist auf dem Weg von der Schule zum

immer ins "iespräch vertieft. Er war einer de

unentwegt anbot, der stets und iedem helfen

Vorn Geist des ehrlichen Humanismus beseelt

stand er permanent auf der Plattform zum N1

Seine Schüler verehrten, ia liebten ihn. Und

ihnen alles weiter, was er nur besaß an

Können, Meisterschaft. Franz Herberth, der

fer subtilster Graphik, ist heimgegangen, a)

den ihn wirklich vermissen.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.