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Volltext: Anlage, Einrichtung und Lehrmittel der Volks- und Mittelschule (Gruppe XXVI, Section 2 und 3), officieller Ausstellungs-Bericht

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Dr. R. Perkmann. 
Lehrorgane, in entfprechender Zubereitung durch die verfchiedenen Abftufungen 
der Schule, durch diefe aber auch allmälig in alle Schichten der Bevölkerung 
hinausflrömt. s 
Allerdings follte auch der geographifche Unterricht an den öfterreichifchen 
Lehranftalten, namentlich auf den niederen Stufen, fich nicht fo ganz frei und 
ungeftört entfalten können. Es gibt Staaten, wo das rein intellektuelle Leben in 
der Schule, wie in einem Heiligthume, unabhängig und ungehindert von den 
jeweiligen ftaatlichen und kirchlichen Richtungen, wenn auch langfamen Ganges, 
dafür aber harmonifch fortfehreiten und fich immer reicher geftalten kann. In 
Oefterreich aber zeigt fich die eigenthümliche, aber aus den Verhältniffen leicht 
erklärliche Erfcheinung, dafs fich die verfchiedenen nationalen, politifchen und 
kirchlichen Parteien, die fortfchrittlichen, wie die rückfchrittlichen, immer mit 
Eifer, ja vielfach mit Leidenfchaft und Fanatismus auf das Schulwefen, gleichfam 
die wichtigfte ftrategifche Pofition im Kampfe um ihr ganzes Sein und Nichtfein 
werfen und fich des entfeheidenden Einfluffes auf dasfelbe zu bemächtigen fuchen’ 
Um diefen Punkt tobt der Kampf am heftigften. Rückfchritt und Fortfehritt 
gefchehen nicht rhythmifch, fondern immer ftofsweife. Doch fehltauch hier nicht 
jener univerfelle Regulator, den jedes „Zuviel“ im natürlichen, wie im gefell- 
fchaftlichen und geiftigen Leben in fich felbft trägt, und fchützt jedesmal gegen 
vollftändige Vernichtung wie gegen fchädliche Ueberftürzung, bis der Sturm 
fich endlich zu legen beginnt und das wiffenfchaftliche und culturelle Element, 
dem fchliefslich allerwärts der Sieg zufallen mufs, einer ruhigeren Entwicklung 
fich hingeben kann. fa 
Die Angriffe welche zu Anfang der Fünfziger-Jahre gegen die neuen Ein 
richtungen im öfterreichifchen Schulwefen unternommen worden find waren 
vorzugsweife gegen die „Realien“, fomit direkt und indirekt auch gegen die 
Geographie gerichtet. Hinfichtlich der Volksfchule fehen wir einen Erlafs des 
Mmifteriums für Cultus und Unterricht, der nahezu gleichzeitig mit den Artikeln 
des Concordates veröffentlicht worden ift, um ein volles halbes Jahrhundert 
zurückgreifen und felbft dasjenige aus der Schule hinausweifen, was fogar die 
alte „pohtifche Schulordnung“ vom Jahre 1805 noch geduldet hatte. Do^ch auf 
dauernde Erfolge konnte eine folche Richtung im Staatsleben unmöglich mehr 
rechnen. Innere und äufsere Urfachen, wiffenfchaftliche und politifche Faktoren 
wirkten zufammen, um endlich das gefammte Schulwefen auf den Principien auf- 
zuoauen, welche die heutige Wiffenfchaft und das moderne Leben fordern und 
alle Elemente ferne zu halten, welche dem Gedeihen der neuen Schöpfung hinder 
lich fein könnten. In den Lehrerkreifen aller Grade entfaltete fich ein reger Eifer 
für Wiffenfchaft und Lehramt, und was hier gleichfam im Stillen vorbereitet wird, 
das fehen wir bald, zuvörderft unter dem Schutze einzelner Gemeinden, in die 
Oeffentlichkeit hinaustreten und die Sanktion der Staatsregierung erlangen. 
Die erfte Gemeinde des Reiches, die Grofscommune Wien, darf mit Recht ftolz 
fein auf den Antheil, welchen fie an der Um- und Neugeftaltung des Unterrichts- 
wefens in Oefterreich genommen hat 
Nach der neueren Organifation der Wiener Communalfchulen findet auch 
die Geographie wieder in der Volksfchule ihre Stelle, und zwar auf Grund 
lage der phyfikalifchen Seite. Halten wir den Lehrplan für die f e c h s c 1 aff i g e 
Schule im Auge, fo wird in der erden und zweiten Claffe dem geographifchen 
Unterrichte durch den Anfchauungsunterricht vorgearbeitet. In der 
d r > 11 e n Claffe foll er an der Hand des Lefebuches „die Kinder mit den wichtigften 
heimatlichen Produkten aller drei Naturreiche bekannt machen, die am häufigften 
wiederkehrenden Naturerfcheinungen, namentlich die klimatifchen und Witterungs- 
verhältniffe des Ortes, die Tages und Jahreszeiten, den Kreislauf des Waffers 
u. dgl. befprechen , zum Lefen eines Planes der Schule und ihrer Umgebung, 
des Gemeindebezirkes u. f. w. anleiten und aus der Kenntnifs der engften 
Heimat die einfachften erdkundlichen Grundbegriffe entwickeln“. In der vierten
	            		
Geographifche Lehrmittel. 9 Claffe wird „überfichtlich das Gefammtvaterland befprochen und mit einer Be- fchreibung der Erdtheile mit Rücklicht auf Grundgeftalt, Hauptgebirge, Ströme und Bevölkerung gefchloffen“. Für die fünfte und fechste Claffe wird als Lehrziel aufgeftellt: „Die überfichtliche Bekanntfchaft mit dem Erdkörper nach Geftalt, Gröfse und Bewegung, nach der Vertheilung der grofsen Land und Waffer- maffen, dem Klima und der Lagerung der Thier- und Pflanzenwelt; die genauere Kenntnifs Europas, insbefondere Mitteleuropas und fpeciell Oefterreichs. Aus der politifchen Geographie ift nur das Wichtigfte mitzutheilen fchliefslich jedoch eine Ueberficht der Grundzüge der öfterreichifchen Verfaffung zu geben.“ Nach der „Schul- und Unterrichtsordnung für die allge meinen Volksfchulen“ vom 20. Auguft 1870 hat der Unterricht in den Realien das Wiffenswürdigfte aus der Naturkunde, der Geographie und Gefchichte ins Auge zu fallen. Hiebei ift der Grundfatz feftzuhalten, dafs fleh diefer Unter richt auf den unteren und mittleren Stufe zunächft an die Fibel und die Schul- Lefebücher anfchliefst, und dafs er erft auf den oberen Stufen felbftftändig auf- tritt.“ Was fpeciell den geographifchen Unterricht betrifft, fo wird das Lehrziel desfelben in Paragraph 58 folgendermafsen definirt: „Ueberfichtliche Kenntnifs der Heimat und des Vaterlandes nach phyflfehen und topifchen, ethnographifchen und politifclÄn Verhältniffen; Kenntnifs des Wichtigften über Europa und die übrigen Erdtheile mit Hervorhebung der Bodenverhältniffe; Verftändnifs der naheliegenden Erfcheinungen, die aus der Geftalt, Stellung und Bewegung der Erde hervorgehen. Den Ausgangspunkt des Unterrichtes bildet der allmälig unter den Augen der Schüler fleh entwickelnde Plan des Wohnortes und feiner Umge bung; daran fchliefst fleh die allmälige Einführung in das vollftändige Verftänd nifs der Karte.“ Zu gleicher Zeit hat das Minifterium für Cultus und Unterricht den Lehr plan für die neu errichteten d re i c 1 affi g e n B ü r g e r f c h u 1 e n veröffentlicht. Derfelbe ftellt als Ziel des geographifchen Unterrichtes auf: „Kenntnifs djs Wichtigften aus der mathematifchen und phyfikalifchen Geographie. Ueberficht liche Kenntnifs Europas und der übrigen Erdtheile. Genauere Kenntnifs der öfterreichifch-ungarifchen Monarchie und des Heimatlandes. Kenntnifs der Reichs und Landesverfaffung.“ Hinzugefügt wird die Bemerkung, dafs „der Unterricht fo viel als möglich vergleichend vorzugehen“ habe. Für die einzelnen Claffen ift der Lehrftoff vertheilt, wie folgt: I. Claffe. Verftändnifs des Globus und der Karte. Ueberficht der Erdtheile nach horizontaler und verticaler Gliederung, nach ethnographifchen und politi fchen Verhältniffen. II. Claffe. Geographie Europas nach Naturverhältniffen und Bewohnern und mit Bezug auf materielle und geiftige Cultur. III. Claffe. Eingehende Betrachtung der öfterreichifch-ungarifchen Monarchie; Kenntnifs der Verfaffung derfelben. Reiche Nahrung findet die Geographie und die Erdkunde in der modernen Volks- und Bürgerfchule auch durch den Unterricht in der Naturgefchichte und Thyfik. An den Gymnafien hätte der Unterricht in der Geographie nach den Grundfätzen des Organifationsentwurfes vom Jahre 1849 ertheilt werden follen. Wo diefelben befolgt wurden, war an einen Auffchwung diefes Unterrichtszweiges nicht zu denken ; im Gegentheile wäre, wenn ein folcher gegen die vormärzliche Zeit überhaupt noch möglich war, ein weiterer Verfall unvermeidlich gewefen. Die Klagen über die Mangelhaftigkeit des geographifchen Wiffens der abiolviren- den Gymnafiaften wurden von Jahr zu Jahr lauter, der Ruf nach Reoiganifation und Verbefferung des geographifchen Unterrichtes immer ftärker. ln dem Beftre- ben, den Anforderungen der Zeit nach und nach gerecht zu werden, fehen wir wieder die Grofscommune Wien vorangehen, und zwar an den von ihr (1864) 3
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