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Full text: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Heft 139)

 
Der Maler 
des Meeres 
1 Unterwassersteine, Insel Santorin, 
Kykladen, 1974, Tusche, 36 x 48 cm 
2 Leas Robinson malt an den Küsten 
der Meere 
3 Meereswelt, Insel Santorin, Ky- 
kladen, 1974, Tusche, 36x48 cm 
4 Schnecken ehäuse, Istrien, 1974, 
Ul, 70 x1 0 cm 
5 Gehäuse Meeresschnecke, 
lnsel los, Kyklclden, 1974, U1, 
100 x 115 cm 
einer 
Leos Robinson 
 
ln Santorin klettern wir über Steine, erreichen 
Klippen aus schwarzem Basalt, wo Leos Robinson, 
der Unbeirrbare, das Meer malt. Das Meer, 
dessen Verbündeter er geworden ist. 
Ganz früh begann der Knabe zu zeichnen und mit 
Wasserfarben zu malen. lhn fesselten nur die 
Fische und die Steine in den Gebirgsbächen, in den 
Flüssen. Er träumte vom Meer. 
Geboren ist er 1939 in einem Steinhaus nicht weit 
von Frauenstein. Später kommt er nach Steyr an 
die Kunstschule. Sein Lehrer ist Prof. Krepcik, 
dem die eigenartige Naturbeziehung des Schülers 
auffällt. An der Wiener Akademie für angewandte 
Kunst bei Prof. Bäumer malt er Meeresbilder. 
1963 erhält er den Preis der Akademie für Malerei. 
Er schreibt 1964: Mein imaginärer Geburtsort liegt 
im Hafen Ertsian-Gaber des Salomon, in mir ist 
die Liebe ungeteilt für alle sieben Meere. 
Kein Einspruch, keine Ungläubigkeit von seiten 
seiner Freunde, niemand ist imstande gewesen, 
seine Wegrichtung zu stören. Hier handelt es sich 
um den Auftrag eines Lebens, dessen Keim sein 
ganzes Sein bis zur Besessenheit erfüllt. 
Hat er nicht den Sirenensang vernommen, als er auf 
Pantelleria malte, als er auf den Liparischen Inseln 
sich mühte, das Geheimnis der Tiefe, KAN, das 
Abgründige, Stets-Wechselnde zu malen? 
Das Meer, sanfte Schwester und dunkle Ver- 
schlingerin, das Wellenmeer des Odvsseus ist sein 
Lehrmeister geworden, und er sein Schüler. 
Er erlebte die Bilder von Skylla und Charybdis in 
der Straße von Messina im Sturm - in einem 
Sarazenenturm hat er seinen Unterschlupf -, und 
vertraut ist ihm das glühende Auge des Stromboli, 
des Wächters dieser Meere, wenn Robinson mit 
den Fischern den Sögefisch unter dem Boot dahin- 
ziehen sieht, den Barrakuda, sein offenes iagendes 
Gebiß, und die Segel der Marita. Er fährt mit den 
Schwammtauchern hinaus und erlebt den Zauber 
der Unterwasserwelt. Er malt Korallen, Schwämme, 
Anemonen, Medusen. Er entdeckt die Zeichnung 
des Sandes und das Strandgut unendlichen Lebens: 
Geborstene Muscheln, Fischgräten, Panzerteile von 
Krebsen, Seeigelschalen, Algen, den phantastischen 
Formenreichtum setzt er in Bilder um. 
Er lebt völlig anspruchslos. Gelegentlich verkauft er 
ein Bild an Ort und Stelle oder tauscht es gegen 
Früchte, Brat und Wein. Er lernt Fischernetze flicken 
und findet Freunde. 
Vor dem getürmten roten Granit van lsola Rossa 
auf Sardinien zeichnet er den sagenhaften Oktopus, 
den achtarmigen Polypen. 
Hat er nicht alles andere vergessen vor der 
Entdeckung des Meeres? Das Meer wird für ihn 
das irdische Paradies, die Auffindung des Heils. 
Er ist überzeugt, daß das Hin-Finden zur Natur dem 
Menschen die verlorene Hoffnung wiedergibt. 
Der Meltemi treibt Bimsstein über das Kratermeer 
van Neokamene, Schwefel aus dem Vulkan 
vermischt sich mit dem Blau der Fluten. Hier taucht 
und malt Leos Robinson. Für ihn hat der Abgrund 
die Gefahr der Tiefe verloren. Der schöpferische 
Vorgang läßt ihn einswerden mit der Natur. 
Er steigt in sie hinab, vom Bekannten zum Unbe- 
kannten, doch Existenten geht die schöpferische 
Expedition. Von der Küste des Hacho dringt er 
langsam über Tanger in südliche Richtung, nach 
EI Jadidda und nach Safi. 
Das Safi der Ra des Thor Heyerdal wird das Safi 
des Hammerhais für Leos Robinson. 1971 erlebt er 
das Ungeheuer, das fabelhafte Tier und seinen 
Kampf mit den Fischern. Es wird ihm Symbol für die 
Aggression unserer Gesellschaft. 
Diese Bilder und ihr lnhalt sind neu, weil sie der 
gewohnten Gewordenheit fremd sind, sie liegen 
gewissermaßen in der Zukunft, sind entsprungen 
aus der schöpferischen Kraft zum Unbetretenen. 
Robinsons Hineinhorchen an die Geheimnisse dieser 
magischen Welt, in der alles ohne Stillstand sich 
erneuert oder abstirbt, lassen ihn das Sein aus der 
Meerestiefe erfahren: Ob er den Seeigel malt und 
seine zerborstenen Stacheln oder das von der Welle 
zerschlagene Schneckenhaus - es ist das Universum, 
das er malt. E. C. Wong 
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