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Volltext: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Heft 139)

I Aktuelles Kunstgeschehen I Österreich 
 
Wien 
Graphische Sammlung Albertina 
Brasilianische Graphik der Gegenwart 
Im Anschluß an die Würdigungsausstellung der 
kunsthistorischen Verdienste des vormaligen 
Albertina-Direktors Heinrich Benesch zeigte die 
Albertina eine breit angelegte Gruppenausstellung 
unter dem Motto „Brasilianische Graphik der 
Gegenwart". Wie zumeist bei derartigen Unter- 
nehmen, die von varneherein ein zu breites Spektrum 
ansteuern, hätte auch in diesem Fall eine 
straffere Auswahl Qualitätssteigerungen und ein 
Mehr an Übersichtlichkeit zur Folge haben können. 
Trotzdem war der gebotene Einblick in die Kunst 
dieses so vitalen und aufstrebenden Landes inter- 
essant und für Vergleiche mit der Situation 
der Graphik in unseren Breiten aufschlußreich. 
Der künstlerische Pluralismus der Moderne 
kennzeichnet freilich auch die brasilianische Kunst- 
szene. Relativ eigenständig wirken demgegenüber 
die Holzschnitte von Volkskünstlern aus dem 
Nordosten Brasiliens. Die von offiziellen brasiliani- 
schen Stellen organisierte Schau umfaßte insgesamt 
136 Arbeiten von mehr als vierzig Künstlern, 
darunter den auch in Europa gut bekannten 
Radierern Arthur Luiz Piza und Isabel Pons. 
Der lange Zeit hindurch in Brasilien beheimatete 
Österreicher Axel Leskaschek war erfreulicherweise 
mit einer Auswahl seiner markanten Holzschnitte 
gleichfalls vertreten. 
(30. 1.-2. 3. 1975) - (Abb. 1, 2) 
Museum des 20. Jahrhunderts 
Gerhardt Maswitzer 
Böse schöne Welt 
Gerhardt Maswitzer, der nunmehr in einem Wiener 
Atelier arbeitende steirische Plastiker, macht 
aus seiner Kunst nicht viel Aufhebens. Er betreibt 
sie allerdings mit Zähigkeit und Bestemm, 
unbekümmert um Betriebsamkeit und wissend um 
die Relativitäten sogenannter Erfolge. Maswitzer 
zählt seit Jahren zu den Stillsten unter Österreichs 
führenden Künstlern der Generation zwischen 
dreißig und vierzig, verstand es iedoch immer 
wieder, durch gleichermaßen eigenständige wie 
konsequente Leistungen zu überzeugen. Gleiches 
kann auch von seiner - eher kleingeratenen und 
bloß in den Nebenraum gedrängten - Personale 
behauptet werden, die Zeichnungen und Skulpturen 
der letzten zehn Jahre umfaßte. Der gebotene 
Überblick war instruktiv, klar gegliedert und 
insbesondere im Bereich der dominierenden 
kleineren Arbeiten van sehr beachtlicher Qualität. 
Otto Breicha, dem der informative Katalog über 
den Künstler zu danken ist, brachte in einem 
ausführlichen Vorwort Moswitzers Werk auf den 
treffenden Kurznenner: „Seine Plastik, durch so 
viele höchst persönliche Überlegungen bestimmt, 
riskiert es, als Sonderfall einer Sanderentwirklung 
mißverstanden zu werden." Die leise Warnung, 
die diesem Satz zu entnehmen ist, bleibt 
weiterhin aufrecht. 
Als nur selten qualitätsvoll erwies sich hingegen 
die im umfassenden Katalog als „die größte und 
vollständigste Kunstsammlung der Naiven 
Jugoslawiens" bezeichnete Sammlung des Journa- 
listen Gerhard Ledic. lhre parallel zu Maswitzer 
vorgenommene Präsentation stellte in aller 
Deutlichkeit die Macht und Ohnmacht heutiger 
naiver Kunst unter Beweis. Auch hier hätte man 
durch entsprechende Reduktion ein ungleich 
schwerer wiegendes Mehr erreicht. Diese Überlegung 
drängt sich um so mehr auf, denkt man etwa 
an die in anderen Sammlungen und Museen 
befindlichen frühen und wichtigen Werke der 
iugoslowisdien Väter dieser inzwischen zu einer 
regelrechten Kommerzmode umfunktionierten 
Bauernmalerei. Trotz dieses generellen Einwandes 
gab es Lohnendes, Markantes und Echtes zu sehen. 
Es war nur schwierig, derartiges herauszufinden. 
(12. 3-20. 4. 1975 und Februar-April 1975) - 
(Abb. 3, 4, 5) 
38 
Secession 
Armin Holzner 
Während im Hauptraum die später noch in 
unserer Zeitschrift näher behandelte Ausstellung 
„Aspekte der Düsseldorfer Kunstszene" zu sehen 
war, präsentierte die Secessionsgalerie den 1942 
in Innsbruck geborenen Tiroler Armin Holzner. 
Holzners Bildobiekte, die schon seit längerem 
die reine Tafelbildmalerei verlassen und ins 
Räumliche verstoßen, vereinen Elemente eines 
peniblen, oftmals geradezu augentöuschenden 
Realismus mit gewissen Momenten barocker 
Freskokunst. Holzner entwickelt in seinen gekonnten 
Bildern eine anregende Doppelbödigkeit, die zwar 
den Einfall, die Bildidee, nicht außer acht läßt, 
allerdings primär aus der Malerei und ihren gut 
aufeinander bezogenen Qualitäten formaler und 
farbiger Art lebt. Eine erfreuliche Entwicklung! 
(25. 1.-15. 2. 1975) - (Abb. 6) 
Galerie Ariadne 
Allen Jones 
Allen Jones, 1937 in Southampton geboren, zählt 
seit Jahren zu den führenden Künstlern der 
internationalen Pop-art. Er empfing richtung- 
weisende Impulse durch langiährige Aufenthalte 
in den USA. Sein bevorzugtes Thema ist die Frau, 
die von Jones als Sexsymbol und Fetisch einer 
überkommerzialisierten Industriegesellschaft inter- 
pretiert wird. Die im Anschluß an Wien auch von 
der Linzer Neuen Galerie präsentierte, von 
George McGuire nach Usterreich gebrachte 
Ausstellung enthielt 37 Exponate, darunter eine 
Reihe äußerst großer neuer Ulbilder, die in 
überzeugender Weise die malerischen Fähigkeiten 
des Engländers im Sinne einer sehr symptomatischen 
Zeitbezogenheit und Zustandsschilderung unter- 
strichen. 
(Dezember 1974-Jänner 1975) - (Abb. 7, B) 
PeDeGalerie 
Elisabeth Schwarzmüller 
Die Ausstellung muß als echte Entdeckung einer 
auf bestem Wege befindlichen malerischen 
Begabung gewertet werden. Die iunge Künstlerin, 
Jahrgang 1950, absolvierte 1973 die Akademie der 
bildenden Künste in Wien. Sie studierte dort bei 
Hollegha und Mikl, verrät allerdings in ihren 
kraftvollen, großen Bildern eher eine gewisse 
Verwandschaft mit Francis Bacon. Mit Vorliebe 
greift sie Szenen des Alltags heraus, Streiflichter 
von Parties, einen Boxkampf, Kinderköpfe. 
In durchaus eigenständiger Fortführung des 
Expressionismus, doch mit Blickrichtung auf eine 
sehr malerische neue Gegenständlichkeit, charak- 
terisiert sie so ihre Umwelt mit gelassener Direktheit. 
Erstaunlich, wie ihr derartiges von der Hand geht. 
Erstaunlich auch, welch große Formate Elisabeth 
Schwarzmüller bewältigt und mit welchem Einsatz 
sie am Werk ist. 
(7.-29. 3. 1975) - (Abb. 9) 
Galerie Würthle 
Linde Waber - Zeichnungen 
Die Künstlerin, die erst voriges Jahr im Öster- 
reichischen Museum für angewandte Kunst in einer 
Ausstellung ihre Holzschnitte zeigte, präsentierte 
hier erstmals nur Handzeichnungen. Es waren 
Rahrfeder- und Pinselarbeiten, die ab und zu mit 
Sepia ergänzt wurden. Von den rund 40 Graphiken 
waren die meisten Landschaften, im besonderen 
Stadtlandschaften. Bestechend: die Aufteilung der 
Dunkel-Hell-Werte und die eindeutige Beherrschung 
der Fläche. Die Liniengefüge saßen so fest 
verspannt im Blatt, daß sie auch dort, wo sie sich 
imaginär über den Blattrand fortsetzten, ein 
dichtgeordnetes Gefüge festhielten. 
(15. 1.4. 2. 1975) - (Abb. 10) 
Galerie Schwarzer 
Franz Traunfellner 
Mit über 70 Blättern wurde der Waldviertler 
Künstler ganz groß in Wien vorgestellt. Für den 
Kenner waren die meisten Holzschnitte nicht neu, 
die Radierungen und Lithographien werden aber 
auch iene, die Traunfellners Werk aufmerksam 
Peter Baum 
verfolgen, überrascht haben. Da gibt es Winter- 
landschaften mit hohen Horizonten, die an gewisse 
Rembrandt-Radierungen erinnern. Weiche Töne 
beim Lithographieren zeigen uns einen anderen, 
malerischen Traunfellner. Es sieht aus, als würde 
sich hier ein neuer Weg in der langsamen 
und stetigen Entwicklung des Künstlers anbahnen. 
(7- 1-4-2- 1975i Alois Vogel 
Salzburg 
Galerie Academia 
Wolfgang Hutter 
Aus Anlaß dieser Ausstellung eines Portfolios 
„Die Zauberflöte" mit sieben Radierungen und 
zehn Farblithographien von Wolfgang Hutter 
erschien nun auch ein kleines Büchlein mit 
Abbildungen aller Graphiken und mit einem 
Begleittext des Künstlers [Preis S 70.-). Die Originale 
der Mappe selbst entstanden 1973l74, ediert als 
Koproduktion verschiedener Verlage in aller Welt 
(S 22.800,-). Die Blätter sind hervorragend gedruckt, 
Vogelmenschen, Tempelbezirke und Wälder 
des Märchens, ein geradezu „klassischer" Vorwand 
für Hutters reizvolle Fabulierkunst. 
(14.-19. 2. 1975) 
Hans Krenn 
Der 43iährige Architekt lebt in Wien und im Wald- 
viertel; 1970171 unterrichtete er an der Florida 
Technological University Malerei und Druckgraphik. 
Krenns phantastische Malerei hat kaum etwas 
mit der der sogenannten „Wiener Schule" 
gemeinsam. Inwieweit aber trotzdem ein eigen- 
ständiger Weg in einer Malerei eines „Phantasti- 
schen Realismus" beschritten werden könnte, 
läßt sich am Beispiel dieser Ausstellung schwer 
sagen, da diese Bilder viel zu sehr auf geistigen 
wie formalen Wiederholungen einer bestimmten 
künstlerischen ldee beruhen. 
(20. 2.-15. 3. 1975) 
Galerie Achleitner 
Wilhelm Kaufmann und Roland von Bohr 
Der Salzburger Maler Wilhelm Kaufmann hat eine 
Mappe mit 15 Lithographien „Zwischen Wasser 
und Urwald" zum 100. Geburtstag von Albert 
Schweitzer geschaffen. Kaufmann hatte während 
mehrerer Aufenthalte in Lamborene dort freiwillig 
als Bauarbeiter gearbeitet. Seine Bilder - völlig 
frei von ieder Sozialtourismusexatik - setzen der 
Tat Schweitzers ein würdiges Denkmal. 
Der Bildhauer Roland von Bohr, der wie Kaufmann 
ein Atelier im Salzburger Künstlerhaus besitzt, 
hat seinerzeit schon bei der Ausstattung von 
Clemens Holzmeisters erstem Salzburger Festspiel- 
haus Entscheidendes geleistet. Bohrs Werk trägt 
das Zeichen hohen handwerklichen Könnens in sich, 
sein „Naturalismus" ist ebenso humorvoll wie streng. 
(25. 2-26. 3. 1975) 
Galerie in der Goldgasse 
Rolf Märkl 
Der 43iährige Bildhauer, der in Rasenheim lebt und 
arbeitet, verleiht seinen „stämmigen" Eichenholz- 
Skulpturen einen eher elementaren als 
archaisierenden Ausdruck. Eine echte Überraschung 
im Salzburger Ausstellungsleben bilden Märkls 
ganz hervorragende Holzschnitte, in denen, 
erotisch und expressiv, das Thema der menschlichen 
Gestalt überzeugende Variationen findet. 
(2-29. 3. 1975) - (Abb. 11) 
Galerie Welz 
Marc Chagall 
Den 105 Radierungen der von Ambroise Vollard in 
Auftrag gegebenen und nach dessen Tod vom 
Verleger Teriade edierten „Chagall-Bibel" gesellten 
sich in dieser vorzüglich gehängten Ausstellung 
40 Farblithographien Chagalls zum Thema der Bibel 
zu und bildeten so ein sehr eindrucksvolles 
künstlerisches Ereignis. Der Zyklus hatte immer 
schon viel Aufsehen erregt, iedesmal aber „ist man 
besiegt; da bleibt nichts mehr zu sagen", 
wie Chagall selbst einmal van der Graphik 
Rembrandts gesagt hat, denn „er hat ganz 
einfach seine Bilder gelebt wie ein biblischer Ahne".
	        

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