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Full text: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Heft 140)

I Aktuelles Kunstgeschehen l Österreich 
Wien 
Secession 
ll. Internationale Graphikbiennale 
Hermann J. Painitz 
Josef Hegenbarth 
Mitten im Festwochenrummel gelang es der Wiener 
Secession, einen Ausstellungsakzent zu setzen, 
der in künstlerischer Hinsicht nicht weniger zu über- 
zeugen vermochte als von seinem Informationsgehalt 
her. Freilich, das Verdienst am Zustandekommen 
dieser ll. Internationalen Graphikbiennale Wien 
kommt in erster Linie Mario Decleva zu, dem 
Organisator der Ausstellung, zu der 130 namentlich 
eingeladene Künstler rund 500 Zeichnungen und 
Druckgraphiken eingereicht hatten. Erfreulich an der 
breitgestreuten Konfrontation war unter anderem 
auch die Begegnung mit neueren Blättern einiger 
„Altmeister" der Moderne: Marino Marini, Ben 
Nicholson, Mark Tobey, Jean Bazaine, Robert 
Motherwell, Chillida und Matta. Nahezu alle heute 
dominierenden Stilrichtungen und Tendenzen waren 
präsent, darunter - sieht man vom Kreis der 
informierten Insider ab - für Wien manches Neue. 
Die Biennale ermöglichte einige Entdeckungen 
(darunter den Japaner Kunito Nagaoka) und machte 
deutlich, daß Österreich als Land exzellenter 
Graphiker international keinen Vergleich zu scheuen 
braudit. Nicht zufällig, sondern unter besonderem 
Herausstreichen des künstlerischen Neuikeitswertes 
wurde von der Jury auch eine Fotoüberzeichnung 
des Wieners Arnulf Rainer mit dem Hauptpreis 
bedacht. Drei weitere Preise gingen an Valeria 
Adami (Italien), den „Verpacker" Christa (er 
beschäftigt sich ebenso wie Rainer mit neuen 
künstlerischen Strukturen und bildnerischen 
Möglichkeiten) sowie an den in Wien lebenden 
Kärntner Fritz Steinkellner für einen aufwendig 
ausgeführten farbigen Siebdruck. Nach dem 
Ergebnis der diesiährigen Ausstellung miißte es 
nicht nur gelingen, den Fortbestand dieser für 
Österreichs Kunstszene wichtigen Biennale zu 
sichern, sondern auch das Budget für sie durch 
Subventionen öffentlicher Stellen entsprechend 
zu erhöhen. (12. 6.-31.7. 1975) - (Abb. 1-4) 
Einen ähnlich positiven Eindruck hinterließ auch 
die - ausstellungstechnisch hervorragend gestaltete 
- Personale des 1973 zur Biennale nach Sao Paula 
entsandten Malers Hermann J. Painitz. Sie stand 
unter dem Motto „An Stelle von" und führte in 
modellhafter Form die Grundüberlegungen des 
Künstlers vor Augen. „Texte werden als Schriftbilder 
aufgefaßt und in eine andere visuelle Form 
gebracht. Die Schrift mit ihrer Aufeinanderfolge 
von Elementen symbolisiert Zeit, zum Lesen ist 
Zeit erforderlich. Somit ist Schrift neben anderen 
bildlichen Aussagen, wie Diagrammen, ein 
geeignetes Demonstrationsobiekt für Zeit." Die 
Komplexheit seines Anliegens wird auch in einer 
größeren Broschüre dokumentiert, die aus Anlaß 
der Secessions-Ausstellung erschien. Sie unterstreicht 
ebenso die ausgeprägt individuelle (wenn auch 
auf Obiektivierung gerichtete) formalästhetische 
Komponente seiner Arbeiten wie den nicht selten 
zur Ironie neigenden Theoretiker. (Abb. 5) 
Zur Painitz-Ausstellung parallel wurde in der 
Secessionsgalerie eine 70 Arbeiten der verschieden- 
sten graphischen Techniken umfassende Personale 
des bekannten deutschen Expressionisten Josef 
Hegenbarth gezeigt. Es war im Schnitt eine 
erfreulich qualitätsvolle Schau, mit der die Secession 
ihr jahrelanges Mitglied dem Wiener Publikum in 
Erinnerung rief. Josef Hegenbarth wurde 1884 in 
Böhmisch-Kamnitz geboren. Er studierte von 1909 
bis 1915 in Dresden, war Mitbegründer der Prager 
Secession, Mitarbeiter beim „Simplizissimus" und 
nach dem Ende des zweiten Weltkriegs für kürzere 
Zeit Akademieprofessor in Dresden. Die Zeitspanne 
der gezeigten Exponate reichte von 1922 bis zu 
Hegenbarths Todesiahr 1962. Als einem hervor- 
ragenden Künstler des reinen Schwarz-Weiß 
gelangen dem als Illustrator Kubin durchaus 
vergleichbaren Zeichner Porträts, Tierstudien und 
gesellschaftskritische Szenen, die Hegenbarths 
eigenständigen Rang nicht nur neben einem Otto Dix 
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und Georges Grosz, sondern auch über die 
Anliegen dieser beiden Künstler hinausgehend 
unterstreichen. (6.-28. 5. 1975) - (Abb. 6) 
Galerie Ariadne 
Maria Lassnig 
Viele halten die aus Kärnten stammende und schon 
seit längerem in New York lebende Malerin Maria 
Lassnig für die bedeutendste lebende bildende 
Künstlerin Österreichs. Ihre Wichtigkeit unterstrich 
auch eine verdienstvolle Ausstellung der Galerie 
Ariadne, die frühe Zeichnungen - durchwegs aus 
den Jahren 1948-1950 - in einer bemerkenswerten 
Auswahl vorstellte. Lassnig ging in diesen mitunter 
Wege, die auch Arnulf Rainer zu seinem Anliegen 
gemacht hatte. Und dennoch Iäßt sich schon deutlich 
genug und auch entsprechend abgrenzbar all das 
herauslesen, was dann die spätere Lassnig 
ausmachte. Automatismus und Surrealismus waren 
damals für Maria Lassnig prinzipielle Entscheidun- 
gen, Möglichkeiten einer Weltsicht und eines 
bildnerischen Verhaltens von großer lntrovertiert- 
und Echtheit. „Die für mich wichtigsten Versuche 
bleiben die wenigen kleinen ,Selbstporträts', deren 
Namen von damals ,introspektive Erlebnisse' sicher 
nicht präzise genug war, weil ich nicht nach innen 
,geschaut' habe, sondern gefühlte Erlebnisse 
niederschrieb; sie waren eine wenn auch schüchterne 
Grundlegung meiner ,Bodyawarenesspaintings', 
die ich ietzt noch immer verfolge." 
(28. 4.-17. 5. 1975) - (Abb. 7, 8) 
Künstlerhaus Wien 
Jahresausstellung „Der Kreis" 
Im gewohnten Fahrwasser gemäßigter Moderne, 
ausgezeichnet durch eine gewisse handwerkliche 
Solidität, bewegte sich auch heuer das Gras der 
Exponate dieser obligaten Johresausstellung. Neue 
Namen waren lediglich Wilhelm Dabringer und 
Peter Dressler. Als Gast war der Realist Helmut 
Rusche mit von der Partie. (April-Mai 1975) - (Abb. 9) 
Modern Art Galerie 
Brigitta Malche 
Die Konsequenz ihrer Malerei unterstrich die aus 
Linz stammende Brigitta Malche auch in ihrer 
iüngsten Personale. Wie früher zeigte sie kultiviert 
gemalte, dem ästhetischen Kanon des klassischen 
Kubismus angeglichene quadratische Bilder, die 
als Abstraktionen mit gegenständlich orientierbaren 
Hinweisen und Assoziationen klassifiziert werden 
können. (April-Mai 1975) - (Abb. 10) 
Galerie Brandstätter 
Franz Schicho 
Peter Pongratz 
Mehr als andere nimmt sich die Galerie Brandstätter 
in iüngster Zeit iener österreichischen Künstler an, 
die sozusagen als „etablierter Nachwuchs" Akzente 
setzen und Bedeutung haben. Auf den iungen Franz 
Schicho (Jahrgang 1951), der die in ihn gesetzten 
Hoffnungen erfüllt, folgte Peter Pongratz, der selten 
ausstellende „Star" der inzwischen de facto 
zerfallenen „Wirklichkeiten-Gruppe". Pongratz 
präsentierte einen interessanten Querschnitt durch 
Temperabilder, Gouachen und Zeichnungen der 
Jahre 1974l75. (18. 15.-21. 4., 21. 5.-30. 6. 1975) 
Peter Baum 
Graphische Sammlung Albertina 
Karl Rössing 
Rössing wurde 1897 in Gmunden in Oberösterreich 
geboren. Schon seit 1917 beschäftigte er sich mit 
der Druckgraphik, zuerst mit dem Holzstich. Bis 1950 
illustrierte er in dieser Technik etwa 35 Bücher, 
von denen einige in der Ausstellung zu sehen 
waren. Die Aussage ist hart zupackend, in der 
Nähe eines George Grosz und ebenso sozialen 
Themen zugewandt. Vor Hitler in der Essener 
Folkwang-Schule als Lehrer tätig, nach dem Krieg 
in Stuttgart, zählen M. Sartorius, F. Meckseper und 
H. Heuer zu seinen Schülern. Ab 1950 arbeitet er 
an großflächigen Linolschnitten. Er hat diese 
Technik zu einer einmaligen Meisterschaft entwickelt. 
In fünf Druckvorgängen setzt er die verschiedenen 
Farben übereinander und erreicht dadurch ungemein 
malerische Wirkungen. Die Themen sind über- 
zeitlicher, weisen in existenzielle Bezüge mensch- 
lichen Seins, wobei oft mythologische Anspielungen 
aufgegriffen werden. (20. 13.-20. 4. 1975) - (Abb. 11) 
Museum des 20. Jahrhunderts 
Gerhardt Moswitzer 
Die Plastiken Moswitzers sind ernster geworden, 
auch weniger ironisch. In ihren gläsernen Schreinen 
wirken sie feierlicher als die früheren Arbeiten. 
Die Ausführung ist außerordentlich sauber und zeugt 
auch auf dem kleinsten Raum von einem Ideenreich- 
tum. Die viel älteren Werkzeichnungen weisen 
schon auf die Strukturen der „architektonischen 
Körper". Im Vorraum einige Eisenplastiken aus den 
frühen siebziger Jahren und verschiedene 
Dokumentationen stellen die Verbindung zu den bis 
ietzt von Moswitzer gesehenen Arbeiten her. 
(12. 3.-20. 4. 1975) - (Abb. 12) 
Galerie Würthle 
Alfred Karger 
Zeichnungen und Aquarelle aus den letzten Jahren. 
Fast ausschließlich Landschaften. Bestechend die 
feinen Zeichnungen mit dem immer dichter 
werdenden Strichgefüge eines Waldes etwa oder 
die zarten Linien, die geordnete Dach- und 
Hausgevierte in einer leicht vibrierenden Spannung 
halten. Die Aquarelle, sehr verfließend, in leichtem 
Dunst aufgelöst, ungewöhnliche Farben. 
(6.-29. 3. 1975) 
Secession - Grete Yppen 
Es dominieren Olbilder in schweren Farben. Die 
Yppen beweist mit ihnen wieder einmal, daß sie zu 
den wenigen Künstlern gehört, die mit solch 
kraftvollen Tönen arbeiten können, ohne in 
Übertreibungen zu verfallen oder Mißklänge 
anzuschlagen. Die starken schwarzen Balken geben 
einen magischen Akzent, der den Betrachter nicht 
losläßt. Wenn auch sehr viel Schwung in der 
Pinselführung ist, so erkennt man doch einen sehr 
überlegten Auftrag. (4. 4.-27. 5. 1975) - (Abb. 13) 
Historisches Museum der Stadt Wien 
Beispiele früher lngenieurbauten in Wien - 
Eisenkonstruktionen 
An Hand von 210 Exponaten wurde in dieser 
Ausstellung dokumentiert, daß schon in Wien um 
die Jahrhundertwende die Eisenkonstruktion in der 
Gestaltung der Bauwerke eine große Rolle gespielt 
hat. Natürlich dominierte dabei besonders der 
Brückenbau. Doch auch die Dächer der Markt- und 
Bahnhofshallen und die der Ausstellungshalle 
Rotunde waren Eisenkonstruktionen. Das Riesenrad 
ist uns heute noch annähernd in der Form iener Zeit 
erhalten geblieben. Daß iedoch die Kirche „Maria 
vom Siege" und die Staatsoper schon mit eisernen 
Dachstühlen gebaut worden sind, werden wenige 
gewußt haben. (26. 3.-27. 4. 1975) 
Alois Vogel 
Salzburg 
Galerie Welz 
Peter Krawagna 
In den Aquarellen des 1937 in Klagenfurt geborenen 
Malers wird das graphische Formgefüge kaum 
angedeutet; auf farbig vorbereitetem Papier 
verbinden sich oft die Gegenstände zu einer dichten 
Farbinsel, die iedoch nie als „unvollendet", sondern 
als Zentrum räumlich-geistiger Energien zu deuten 
wäre. Ab und zu tendiert die Form dahin, sich im 
Farbrausch aufzulösen, doch bleibt stets die Farbe 
dominant und von großer Ausdruckskraft. 
(3.-27. 4. 1975) 
Konrad Koller 
Der 59iährige Arzt aus Villach dokumentiert mittels 
des ihm „technisch zugänglichen Weges der 
Kleingraphik" künstlerische Ausdrucksfähigkeit von
	        

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