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der nachmittelalterlichen Weltlandschaft. So we
nig das Auge sich indes hier topographisch arge
hen kann, sowenig ist eine Stadt als Wohnort und
Behausung gemeint. Man hat dieses Bild als das
erste neuzeitliche Städtebild bezeichnet, aber in
Wahrheit ist die Stadt selbst das Unwirklichste
darin. Nicht die Festigkeit ihrer Mauern, die Sicherheit
ihrer Türme und des Alcazars, ja eigentlich
keine tturbanistischett Qualität kommt in die
sem Phantasiebild zur Geltung. Die Stadt selbst
ist ein ganz und gar unstoffliches, fragiles und
im höchsten Maße wgelährdetesii Wesen. Halb
scheint sie in der Natur zu versinken, halb aus ihr
emporzutauchen und ist dabei doch ein Unbewegtes
in einem einzigen Bewegungsstrom. Dieses
schwer bestimmbare Gegenüber von gläserner
Märchenwelt und apokalyptischer Unruhe geht
wie ein Ftiß durch das ganze Bild. Ist es ein Nachtstück,
in dem ein Blitz die Landschaft erhellt?
Falsch ist es, hier irgendeine Tageszeit bestimmen
zu wollen. Es gibt nicht das Momentane im
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zeitlichen Sinne, sondern das schlagartige der Erscheinung.
Das Bild ist eigentlich eine Landschaftsepiphaniea.
Im letzten Jahrzehnt des 16. Jh.s hat es bei Greco
eine verstärkte Hinwendung zu mystischen Bildstoffen
gegeben; darunter sind so bedeutsame
Bildthemen wie der "Einsame Kruzifixusii oder
"Christus, das Kreuz umarmendit. Der Menschentypus
dieser Zeit ist ein übersensibler, in jeder Faser
vibrierender, der zunehmend den standfesten
Bezug zur Erde verliert. Das Charakteristische etwa
der Kreuzigung im Prado (Abb. 7) kann in Stichworten
genannt werden: steiler, symmetrischer
Bildaufbau, Konzentrierung der Gegenstände auf
die vordere Bildebene, verstärkt durch eine intensive
Buntfarbigkeit. Diese Ebene bildet aber kein
Relief, wie Soehner meint, denn durch das Bilddunkel,
Grau und tiefes Schwarz, wird das farbige
Kontinuum, das ein Korrelat zum Fteliefhaften zu
sein hätte, zerrissen.
Dasselbe gilt mutatis mutandis auch für die Anbe
tung der Hirten im Prado (Abb. 8). Grecos letztes
eigenhandiges Werk, kurz vor 1614 entstanden
und für seine Grabkapelle bestimmt. Dem steilen
Bildtormat entspricht die gesamte Bildstruktur.
Das Plastische ist als formbildendes Element nahezu
ganz verschwunden. Das Flackernde, Flammende
und Flammenförmige in seiner für plastisches
Denken äußersten Ungreifbarkeit bestimmt
offen jede Form. Dabei ergibt sich gleichsam beiläufig
auch eine Modellierung des Gegenständlichen,
ist aber nie an dieses gebunden, sondern
scheint einem ganz anderen Formverlangen anzugehören.
In dem Maße, wie das plastische Substrat
schwindet, wird das Sehen des Bildes von
der klaren Unterscheidbarkeit der farbigen Flachen
abhängig; deshalb lassen sich in Schwarzweißreproduktionen
die innerbildlichen Zusammenhänge
nicht mehr fassen. Die Farbe zeigt dabei
die Tendenz, schlagartig in ihrer reinen, urige
brochenen und unvermischten Gestalt hervorzutreten.
Dieser letzten Phase eignet ein völlig kompromißloser
Zug. Die formalen Faktoren, die von
Anfang an in Grecos Malerei angelegt waren, sie
beherrschten und zunehmend deutlicher wurden,
treten nun unumschränkt und unverhLillt hervor.
Ist EI Greco ein Manierist? Diese Frage Iäßt sich
heute nicht mehr so eindeutig bejahen wie vor
fünfzig Jahren, als der Manierismus als stilistisches
und epochales Phänomen entdeckt wurde.
Grecos Einstufung als Manierist datiert in diese
Zeit und wurde am großartigsten von Max DvoFak
ausgesprochen? Indessen kann nicht übersehen
werden, daß seine Kunst nur sehr lose mit derzeitgenössischen
Esoterik eines Gongora oder dem
Concettismus eines Gracian verbunden werden
kann; vollkommen fehlen ihr die zentralen Eigenschaften,
die der Malerei des internationalen Manierismus
im 16. Jh. die Physiognomik eines Epo
chenstiles geben. Zur Malerei des Manierismus
gehört das Kalte und Tote, die Todesnähe oder die
Vertotung; das Maskenhafte, Erborgte, die tiefge
hende Verfremdung; das Künstliche und Enigmatische;
das Gestückelte, Panzerhafte und Starre,
ebenso das erotisch Laszive; auch das Schillernde
und Fahle, die Vertauschung und die Verweslichkeit
der Farben. Als Lebenshaltung etwa die Überintellektualität,
Verschlossenheit und Egozentrik,
der geheime Zweifel und die Weltangst als unüberwundene
Hemmungen etc. In dieses Fach gehört
Greco aber auf keinen Fall, er nähert sich die
ser Haltung allenfalls in einigen Fruhwerken, sein
spanisches CEuvre ist unendlich weit von dieser
Bilanz des Manierismus entfernt. Hervorragend
hat DvoFäk die geistigen und künstlerischen Strömungen
aufgezeigt, mit denen Greco in Italien in
Berührung kommen konnte, aber damit schon wie
13 EI Greco. Bußender Hieronymus. Washington. National
Gallery
Anmerkungen 11-12
" oazu Hans Sedlmayr. oie "Macchtau Eruegels. iri Jb d WIEUEY
Kunsthlst Sgln. N F . Hd B. l934, S. 137 i . wiederabgedr in H S,
Epochen uhd Werke. ges. Schriften z. Kunstgesch, ad t, Muri-ChertlWien
1959, s. 274 rizurri adgriii der MECChlB Seit LEDnardU
vgl lvan Kohler. Die Floreritirier Macchiaoii, Munchner DlSS 1955
(Masch Mariuskr i, S 55 ff
" s P Lomazzo iuhri iri Seinem Trattalß dell'Arte de la Pittiira. Mailand
1584, Buch i, Kap i. s 22 f. u. Buch e. Kap LXlll. s. 4st t..
die Theorie der riiigura aerpehtmata- aui Michelangelo zuruck ÜiE
schlangerigleich bewegte. proportional hiaht lailbare Pyramide, iri
der sich die großte Bewegung aufiert urid dem Feuer als dem Eie-Vtletit
der großteri Aktlvltat (nach Aristoteles) entspricht, bewirkt
dieser Theorie zufolge großte Schoriheit in der Kunst. (Ei Greco besaß
laut Nachlaßtnventar etrieh italienisch geschriebenen vtratado
de ia pirtturaa, der leicht iaher des Lorriazzd gewesen aeiri konnte
Vgl H E. Wethey. Ei Greco am! his School. Priricetnn 1962. Bd l,
s. 77, Ahrri 3.)
Freilich braucht die Kenntnis der Theorie der Figuril serperitiriata
bei Greco nicht unbedingt vorausgesetzt werden. dann die Idee der
Flammeniorm betrifft bei Lomalzo rrur die Makrostruktur der
kdrripdaitidri, wahrerid aia bei cradd alles, auch die MlkrOSifUKtui
der malerischen Faktur bestimmt urid VDtl Arttaftg ari D8! ihm arigalegt
ist, immerhin bleibt es aiiiraiierid. daß Sie zu vollem Durchbruch
erst utigeiahr seit der Mitte der achtziger Jahre gelangt.