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Full text: Alte und Moderne Kunst XXIII (1978 / Heft 158)

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Siegeszug. In Schweden. das zum Vorbild eines so- 
zialen Staates wurde, setzte eine weitreichende Auf- 
klärungstätigkeit allgemeinbildender Institutionen 
ein, die große Bevölkerungskreise mit den Prinzi- 
pien des modernen Wohnens vertraut machte. 
Nach der schwierigen Arbeit des Wiederaufbaues in 
Mitteleuropa besann man sich mit dem steigenden 
Wohlstand zunächst einer fast schon als klassisch 
zu bezeichnenden Vergangenheit. So wurden die 
ldeen des Bauhauses an den Hochschulen weiter- 
entwickelt und von den Möbelfirmen aufgegriffen. 
Bald aber fanden geschäftstüchtige Firmen heraus. 
daß man mit modernen Möbeln blendende Ge- 
schäfte machen konnte, wenn man nur dem allge- 
meinen Publikumsgeschmack etwas entgegenkam. 
Außerdem wurde die Welt kleiner, die Entfernungen 
schrumpften mit der steigenden Geschwindigkeit 
der Flugzeuge mehr und mehr zusammen. In Spa- 
nien sah man rustikale Möbel. in Frankreich die 
Prunkstücke Ludwigs XV. Es entstand in Europa ein 
neuer Eklektizismus, jener sonderbare Stil, der die 
lllustriertenberichte über die Wohnungen von Film- 
stars und Industriemanagern zum Vorbild hatte. 
Dem Pseudomcdernismus einer die Landschaft 
überschwemmenden Häuschenarchitektur folgte 
der Pseudomodernismus auch im Möbelbau. 
Italien allerdings - ein Land, in dem man "auf der 
Straße-k wohnt und dessen soziale Gegensätze zu 
den krassesten in Europa gehören - errang bald 
nach dem Krieg durch die großartigen Designer der 
Mailänder Schule eine imponierende Stellung im 
Möbelbau. vor allem durch Experimente mit dem 
neuen Material Kunststoff. Wagemutige Unterneh- 
men. zumeist kleine Möbelfirmen. fanden heraus. 
wie gut sich dieses Material mit seiner plastischen 
Verformbarkeit für die Möbelherstellung eignete. 
Die Verbindung des norditalienischen Kapitalismus 
mit progressiven Designern wurdezu einem europä- 
ischen Phänomen. 
Aus der Perfektion der fortschrittlichen amerikani- 
schen Möbelfirmen und der Originalität der italieni- 
schen Designer entwickelte sich eine neue Form der 
internationalen Möbelproduktion, wobei wegen des 
starken Konkurrenzdruckes auch bald Modelle zu 
erschwinglichen Preisen angeboten wurden. Es 
stand nun eine Vielzahl ausgezeichneter Produkte 
für die Einrichtung jeder Wohnung zur Verfügung. 
Allerdings mußten, den Gesetzen des Kapitalismus 
folgend. immer neue Möbel auf den Markt kommen. 
um die Produktion in Gang zu halten. Die Sensation 
um jeden Preis. das w-Neue- mußte gefördert wer- 
den. 
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8 Ludwig Mies van der Rohe. Haus Tugendhat. Brilnn. 
1930. Der große, nach zwei Seiten gegen Garten und 
Wintergarten geöffnete Wohnraum wird mit frei stehen- 
den Wänden und zurückhaltender Moblierung geglie- 
dert. 
9 Bard Henriksen. Umbau des Dachgeschosses eines Ko- 
penhagener Hauses aus dem 18. Jahrhundert. Die einfa- 
chen Formen der Stühle Arne Jaccbsens geben dem 
Raum, der auf Einheitlichkeit und Repräsentation ver- 
zichtet, die Atmosphäre moderner Wohnlichkeit. 
10 Charles Eames und Eero Saarinen. Entwurf für einen 
Armstuhl. 1940. The Museum cf Modern Art, New York. 
Einer der zehn ersten Preise des Wettbewerbs "Organic 
Design iri Home Furnishings-r, der 1941 vom Museum of 
Modern Art in New York veranstaltet wurde. 
Dieser Essay bietet eine Zusammenfassung der in dem 
Buch von Karl Mang "Geschichte des modernen Möbels - 
Von der handwerklichen Fertigung zur industriellen Pro- 
duktion- (erschienen imVerIag Gerd Hatje, Stuttgart, 1978) 
dargestellten gesamten Entwicklung. 
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Cutrvlilrrrü 
 
  
 
Die Stille und Klarheit der Bauhausatmosphäre. die 
Möbel des sozialen Wohnbaues der zwanzigerJahre 
sind heute kaum noch gefragt. Die Lebensweise der 
siebziger Jahre verlangt nach Flexibilität und Varia- 
bilität der Einrichtung. Dieser Forderung kommen 
die zahlreichen Kombinationsmöglichkeiten sowie 
die Formen- und Farbenvielfalt der Wohnlandschaft 
entgegen. Diese Möbel lassen Umbauten und Ver- 
änderungen zu. die dem Ablauf des Lebens auch in- 
nerhalb der Familie entsprechen. Gleichzeitig zeigt 
sich allerdings ein Rückzug auf das traute alte Mö- 
bel, der in eine neueWelleder Nostalgie mündet: Die 
Stühle des Jugendstils. Zeugen hochwertiger 
Handwerksleistung. werden derzeit in Serien pro- 
duziert. 
Der westlichen Industriegesellschaft stehen heute 
zwei Welten gegenüber: Einmal der Osten, der zwar 
glaubt, gesellschaftspolitisches Vorbild zu sein. sich 
aber im Möbelbau völlig an den Westen anschließt 
oder ihn sogar im negativen Sinne zu übertrumpfen 
sucht; von dort kommen vielfach die billigen Kopien 
alter Stile. Eine eigenständige Linie, die zum Bei- 
spiel der Einrichtung von Gemeinschaftshäusern 
dienen könnte. hat sich bisher nicht gezeigt. Zum 
anderen lebt die sogenannte Dritte Welt ebenfalls 
von den Wohnideen des Westens. Sie zerstören dort 
angewendete überlieferte Formen und haben nichts 
mit den Lebensrhythmen gemein. die sich durch 
Jahrhunderte erhalten haben. DerTraum, eine Indu- 
strienaticn zu sein oder zu werden, Iäßt alle anderen 
Überlegungen häufig in den Hintergrund treten. Zu 
Beginn des letzten Viertels des zwanzigsten Jahr- 
hunderts wird allerdings ein Lichtblick sichtbar. Die 
Jugend glaubt nicht mehr so ganz an das Ideal rück- 
sichtslosen Geldverdienens. und die sinnvoll einge- 
richtete Wohnung. die ein zwangloses Zusammen- 
leben erlaubt, gewinnt wieder an Wert. Vielleicht 
finden wir heute den Weg zur Realisierung der Ideen 
von William Morris, zu echten Möbeln, zur Einrich- 
tung eines sozialen Zeitalters- nicht in dem Sinne. 
daß wir die Maschine abschaffen, sondern daß wir 
sie jene Produkte herstellen lassen. die wir als ge- 
recht und gut befinden in einer Umgebung, die den 
Sinn des Menschlichen auf dieser Welt ausstrahlt. 
Fl Anschrift des Autors 
Arch. Dipl.-Ing. Prof. Karl Mang 
Präsident des Österreichischen 
Institutes für Formgehung 
Baumannstraße 9. 1030 Wien
	        

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