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Full text: Alte und Moderne Kunst XXIII (1978 / Heft 160 und 161)

I Aktuelles KunstgeschehenlÖsterreich 
 
Wien 
Museum des 20. Jahrhunderts 
Neue Fotografie aus Japan 
Von 22 bekannten japanischen Fotografen wählte 
Dr. Otto Brelcha eine sehr abwechslungsreiche und in- 
formative Schau aus. Die verschiedensten Temperamen- 
te sind hier am Werk. Können wir etwa Eikoh Hosoe mit 
Salvator Dali und unseren Phantasien vergleichen - er 
montiert und kopiert traumhafte Situationen übereinan- 
der -, so arbeitet lkko Narahara, ein poetischer Realist, 
mit klarem, scharfem Realismus. Seine Bilder sind be- 
reits so scharf, daß sie mit ihren realen Darstellungen 
doppelte Dimensionen bekommen. Überhaupt ist eine 
poetische, oft auch erzählende Aussage den meisten 
dieser Fotografen gegeben. Doch auch hier, im Thema- 
fischen, gibt es große Spannweiten. Da ist die er- 
schütternde Aussage des Shomei Tomatsu mit dem 
Zyklus 11:02 (zwei Minuten nach 11 Uhr explodierte am 
9. August 1945 die Atombombe über Nagasaki). Auf sei- 
nen Bildern sleht man Verkrüppeite, schwärende Haut 
der Überlebenden, eine in der Hitze der Explosion ver- 
formte Flasche und, wie symbolisch, eine umgestürzte 
Herz-Jesu-Statue, die den Kopf verloren hat. Es gibt 
aber auch Fotos, wie jene von Hiroml Tsuchlda, aufde- 
nen die bürgerliche Gesellschaft lestgehalten wird, es 
gibt Bilder, in denen der Mensch nur durch seine Zeug- 
nisse vertreten ist. und solche, die von Menschen wim- 
meln, wie jene von Shuji Yomada. Sehr viele dieser Fo- 
tografen gestalten erotische Motive, wobei auch hier die 
verschiedensten Techniken angewandt werden: der Aus- 
schnitt, die storymäßlge Reihung, das nüchterne Serien- 
foto, Schattenbilder, Verfremdungen. Ganz hervorragend 
ist auch die Farbfotoreihe "Meening of the Houseil von 
Kishin Shinoyama. Die Farbflechten eines Hausverput- 
zes, die Schlieren einer Holzmaserung, der Rhythmus 
eines Zlegeldaches, alles das könnten sich Maler ver- 
schiedener Stiirichtungen ausgedacht haben. Es ist 
eine Fülle von Problemen, die hier angeschnitten wer- 
den, es ist auch elne Fülle von Lösungen, die diese 
Ausstellung bietet. Der Katalog mit seinen 335 Seiten 
und sehr vielen Fotobeispielen ist als Nr. 7 der Schrif- 
ten des Museums eine wichtige Ergänzung und bleiben- 
de Dokumentation. (12. 7.- 17. 9. 1978) - (Abb. 1) 
Karl Anton Fleck 
Der Maler und Graphiker zeigte großformatige Porträt- 
zeichnungen. Schon vor einigen Jahren begann Fleck 
damit, seine Malerkoiiegen in der Ktlnstiergeselischaft 
ivDer Kreis-i mit dem Zeichenstift festzuhalten. Später 
waren es dann auch andere Menschen, die im kulturel- 
len Leben mehr oder weniger aktiv wirken. Dem Künst- 
ler gelingt es jeweils, für die Person sehr bezeichnende 
Eigenheiten in den Zeichnungen herauszuheben und da- 
bei doch, oder eben gerade dadurch im erhöhten Maße, 
die Porträtähnllchkeit zu steigern. Meist ist die Haltung 
der Hände oder des Oberkörpers in diese personale Sig- 
natur mit aufgenommen. Dieses Spiel der Hände wird 
besonders kennzeichnend bei den Graphiken von Hofrat 
Dr. Koschatzky, Hofrat Dr. Mrazek, Dr. Otto Breicha, 
Prof. Wieternlk (i). Kurt Lingens und Prof. Stockbauer. 
Fleck schafft sowohl Plastizität als auch Atmosphäre 
meist allein mit einem reinen Liniengefüge. Nur selten 
kommen einige wenige Schummerungen dazu. Strichver- 
stärkungen, Auslassungen und oft auch Unterbrechun- 
gen. manchmal mit dem Radiergummi venivischt, meist 
aber einfach ausgespart, sind von Fleck meisterlich ein- 
gesetzte Arbeitsmethoden. Ein hervorragendes Beispiel 
der letzteren Art ist das Porträt des Dichters Hans Le- 
bert und des Malers Hans Staudachers. Was mit Flecke 
unkonventioneller Art des Wischens zu erreichen ist, 
zeigt etwa das Blatt, das den Bildhauer Mathlas Hletz 
darstellt. Hier wird auch mit einer einzigen Linie, die 
vorn unteren Blattrand bis zur Biattmitte hochgezogen 
ist, Flaum demonstriert. 
Ein großformatiger Katalog mit einem Vorwort von Frau 
Dr. Maria Buchsbaum und Wiedergaben fast aller aus- 
gestellten Arbeiten ergänzte die Schau. (19. 7.- 27. 8. 
1978) - (Abb. 2) 
Secession 
Frühdrucke der Wiener Secession 
In der Galerie konnte man 50 Druckgraphiken aus der 
frühen Zeit der Vereinigung sehen. Sehr kultiviert. viel 
Können und viele Blätter, die in die Kunstgeschichte der 
Stadt eingegangen sind. Die Schau dokumentiert aber 
auch die Strömungen jener Epoche um die Jahrhundert- 
wende. Es waren sehr viele Blätter des Jugendstlls, die 
später In vielfältigen Drucken in den Schulen meiner 
Generation zum Gangschmuck gehörten, es waren Zeu- 
gen des Beginns expressionistlscher Druckgraphik in 
Österreich. Neben landschaftlichen Motiven, bekannten 
Veduten aus dem Stadtbild von Wien sahen wir sowohl 
romantische Illustrationen, aber auch sehr lebensnahe 
70 
Schilderungen des bäuerlichen Lebens und erstmals 
auch eine Erfassung der arbeitenden Menschen in der 
Industrie. Viele Blätter waren als Beilage in der Zeit- 
schrift i-Ver sacrumu. Es waren so bekannte Namen wie 
Ferdinand Andri, Georg Ehrlich, Rudolf Jettmar, Oskar 
Laske, Cari Moll, Koio Moser, Robert Orley und Emil 
Orlik vertreten. Es kamen aber auch die verschiedensten 
Techniken zu Wort. Der Holzschnitt, der Holzstlch, die 
Radierung und die Lithographie, die oft auch in Vielfar- 
bendrucken beherrscht wurde. Sehr bedauerlich war es, 
daß kein entsprechendes Plakat und kein Katalog für 
diese sonst sicher viel pubiikumswlrksamere Ausstel- 
lung geworben haben. (7. 7.- 13. 8. 1978) 
Malerei und Graphik von Künstlern unter 40 
in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt der Stadt Wien 
waren über hundert Exponate zu einer sehr sehenswer- 
ten Schau vereinigt, die sowohl über die gute Auswahl 
der Einkäufe der Stadt Rechenschaft gab als auch 
einen schönen Überblick vom Schaffen jüngerer Künst- 
ler in unserem Land. Dabei zeigten Namen wie inge 
Dick, Tone Fink, Gerhard Gutruf, Timo Huber, Pater 
Kaliwode, Herbert Pasziecznik, Ernst Skricka und Erich 
Steininger, daß Werke von Qualität zu sehen waren, daß 
aber auch der Bogen der stilistischen Möglichkeiten 
sehr weit gespannt war. Das überaus Erfreuliche war 
eine große Frische und Unmittelbarkeit der Schau. Es 
wäre nur zu wünschen, daß sie auch an anderen Stellen, 
etwa in den modernen Galerien der Bundesländer oder 
in anderen Städten (Elsenstadt, Krems, St. Pölten etc.), 
gezeigt würden, ehe die Bilder wieder für lange Zeit in 
den Magazinen des Kulturamtes verschwinden. Leider 
gab es keinen Katalog und kein werbewirksames Plakat, 
Ausgaben, die schon aus Werbegründen für die Gemein- 
de Wien im Stadtbudget einfach "drinnen- sein müßten. 
(7. 7. - G. 8. 1978) - (Abb. 4, 5) 
Secesslonistinnen 1978 
22 weibliche Mitglieder der Vereinigung präsentierten 
hier Bilder, Objekte und Graphiken. Gedacht als eine 
geistige Gegenüberstellung zu Jener ersten Ausstellung 
der Secession, die 1910 unter dem Titel "Die Kunst der 
Frau: geradezu ein Wagnis, jedenfalls ein Novum setz- 
te, gibt es heute schon viele ähnliche Unternehmungen. 
Was diese Ausstellung von jener allerdings unterschei- 
det, lst, daß damals nur Gäste eingeladen waren und 
diesmal nur hauseigene Künstlerinnen ihre Werke zeig- 
ten. Das kann ein Fortschritt sein. kann aber für den 
Besucher einer Ausstellung auch eine quaiitätsmäßige 
Minderung bedeuten. in dem Vorwort des schonen Kata- 
Ioges schneidet die Aussteilungsleiterin Florentina Pa- 
kosta die Frage an, ob eine Absonderung der Künstle- 
rinnen von ihren männlichen Kollegen nicht geradezu 
eine Einschränkung bedeutet, und beantwortet sie mit 
dem Hinweis auf den Zug der Zelt, zu zeigen, weiche ge 
sellschaftiiche Wandlung die Stellung der Frau durch- 
maß. Womit m. E. die Frage allerdings noch nicht beant- 
wortet ist. Sollte man nicht gerade bei einem solchen 
Institut mit dieser Vergangenheit erwarten, daß es sel- 
ner Zelt voraus sei? Und unserer Zeit voraus sein, müß- 
te heißen, daß die Künstlerin neben ihrem männlichen 
Kollegen steht. Ohne Frage- aber auch ohne Rufzeichen. 
Die 13 Secesslonistinnen, die nun Ihre Werke zeigten. 
boten sowohl im Formaien als auch im Qualitativen 
durchaus keine Einheit. Da gab es kraftvoll-expressive 
Arbeiten, wie jene der Hermine Alchenegg, neben einer 
feingestrlchelten Konzaptkunst der Meina Schellander, 
es gab die kräftigen Aquarelle der Llsl Engels und die 
ganz ins Gedankliche zurückgezogenen Blätter der An- 
gelika Kaufmann. Die vom Kubismus herkommende Maria 
Szeni, kraftvoll, saftig, und die Objektemacherin Renate 
Kratschmer-Schwarzenberger, von der man das weniger 
behaupten kann, die Lieselotte Beschorner mit phanta- 
stlschen Bedrangungen, Fiorentina Pakosta mit aus- 
drucksstarken Gesichtsbiidungen und Gertraud Besen- 
dorfer mit sehr bewegten Ölbiidern mit wenig Konsi- 
stenz. Maria Lassnig war mit ihren hintergründigen Bil- 
dern ein Höhepunkt, Grete Yppen mit schweren, zel- 
chenhaften Figurationen ein anderer. Erfreulich auch, 
wie sich Heliane Wiesauer-Reiterer und Ingeborg G. Plw 
har mit Zeitproblemen optisch auseinandersetzten. (5. 
bis 17.9. 1978) - (Abb. 6) 
Galerie auf der Stubenbastei 
Künstlergruppe "Der Kreis- 
Unter dem Motto wArbeiten auf Papler- war eine gewis- 
se Auswahl gegeben. Trotzdem fehlten gerade einige 
sehr bekannte Namen dieser Vereinigung, deren Trager 
auf Papier ihre Spitzenleistungen In der Kunst nachwei- 
sen können. Wir denken da im besonderen an Ernst 
Paar und Walter Muhammad Malii. Trotzdem war die 
Schau sehr sehenswert. Louise Autzingers feines Strich- 
gefüge ist nach wie vor gekonnt. Von Maria Somogys 
Temperablättern sticht besonders -Giudecca-x hervor, 
Greta Freist überrascht mit Bleistiitzeichnungen ange 
nehm, ebenso Peter Palffy, dessen Gouachen viel aus- 
sagekräftiger als seine Ölbilder sind. H. Fischelhammer 
ist leider stark literarisch geworden. Arnulf Neuwirth 
zeigte drei sehr intensive Aquarelle. Die Stars der Schau 
sind aber Hans Hoffmann-Ybbs mit seinen großen 
Insekten-Bildern und Karl Anton Fleck mit seinen flotten 
Landschaftsaquarellen. (27. S. - 15. 7. 1978) 
Galerie Alte Schmiede 
Thema Wien 
Vielleicht ist diese Ausstellung mit ein Grund der Absti- 
nenz mancher Künstler an der vorhergenannten Schau, 
denn auch hier stellen nKreis-Mitgliederu gemeinsam 
aus, wobei Pallfy als einziger in beiden Galerien vertre- 
ten war. Franz Zadrazil beherrscht flächenmäßig, Ernst 
Paar qualitätsmäßig das Feld. W. M. Malii zeichnet be- 
wegt das Stadtbild mit Fischaugenperspektive, Fl.A. Pe- 
chok aufgereihte Peripherien. Elis Stembergers nobel 
verhaltene Bilder überzeugen wie H. Stockbauers Kraft. 
(14. 6.-15. 7. 197a) - (Abb. 7) 
Galerie am Graben 
Yatuki Hiramatsu 
Schmuckskulpturen einer eigenartigen facettenreichen 
Gestaltung. Die bewegten Oberflächen mancher dieser 
Kunstwerke erinnerten mit ihren unregelmäßigen Fälle- 
lungen an die zerknüllten Pergamentpapiere, die uns 
Oberhuber vor Jahren in Bilderrahmen versetzte. Nun 
finden wir hier diese Knitierungen in plastischen For- 
men und edlen Metallen wieder, und von den der Geo- 
metrie entzogenen Strukturen geht ein eigenartiger Reiz 
zu einer Verfolgung des Linienspieles aus, von dessen 
Zieiiosigkeit man letzten Endes überzeugt ist und der 
uns auf diese Weise mehr als jede einsichtige Gerad- 
linigkeit auf jenem Weg sein läßt, der unser Ziel ist. 
(3. 7. - 15. 7. 1978) - (Abb. 8) Aiois Vogel 
Salzburg 
Blidungshaus St. Virgil 
Johannes und Charlotle Seidl 
1947 bzw. 1948 geboren, arbeiten Johannes und Charlot- 
te Seidl gemeinsam im eigenen Atelier in Maria Schutz 
am Semmering. War der Beginn ihrer keramischen Wer- 
ke angeregt durch Arno Lehmann, so zeigten nun die 
beiden Künstler unter einem gemeinsamen Signum 
"Schreine und andere Stücke-i. Als Begleitprogramm 
veranstaltete das Ehepaar im Biidungshaus zwei Semi- 
nare: wFormen und Spielen mit Toni- und v-Animation mit 
dem Material Ton-i. Johannes und Charlotte Seidl wid- 
men sich auch der Schaffung keramischer Musikinstru- 
mente, die nicht nur bespielbar sind, sondern auch eine 
optische Funktion beanspruchen können. Diese instru- 
mente sollten den Aussteiiungsbesucher nicht nur zum 
Schlagen, Blasen und Zupfen animieren, sie wurden 
auch - etwa durch die Kianggruppe iiKonkreziau von 
Dieter Kaufmann 1975 - von professionellen Musikern 
in Konzerte eingebaut. (17. 8.- 1. 10. 1978) - 
(Abb. 9, 10) 
Galerie Academia 
Hermann Kremsmayer 
Schon vor drei Jahren war die Ausstellung des damals 
21jährigen Salzburgers in dieser Galerie eine kleine Sen- 
sation. Seither hat er beharrlich weitergearbeitet, hatte 
seine technischen Fähigkeiten vervollkommnet. Und sei- 
ne neuen Ölbilder, Aquarelle und Lithographien - the- 
matisch aus dem Bereich des Alltäglichen, der Stadt- 
landschaft genommen - erweisen einen eigenständi- 
gen Weg hoher künstlerischer Qualität. (19. 9. - 10. 10. 
1978) 
Karl Ludwig Mordstein 
Auch der 1937 in Füssen geborene und heute in Starn- 
berg lebende Künstler galt bei seiner Ausstellung vor 
zwei Jahren in der nAcademia-i als ein nGeheimtip unter 
Kunstfreundenu. Seine nun gezeigten "Landschaftsm- 
stände und Stiiiebem - als Ölbilder. Gouechen oder 
Radierungen -, seine morschen, veriallenden, von 
Staub bedeckten Archltektursegmente, seine Schach- 
teln und Flaschen sind voller Poesie, voller gedampfter, 
wenn auch etwas melanchoiischer Harmonie. (12. w. 
bis 9. 11. 1978) - (Abb. 11) 
Museumspavillon beim Zwerglgarten 
Hermann Ober 
Das Kulturamt der Stadt Salzburg und das Saizburger 
Museum Caroiino Augusteum zeigten neu entstandene
	        

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