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MAK

Full text : Alte und Moderne Kunst XXIV (1979 / Heft 163)

"Burgtheater und Historismusu war der knappe Titel

 einer Ausstellung, die 1976 in Schloß Grafenegg

 in Niederösterreich gezeigt wurde und die

dem folgenden Beitrag als Ausgangspunkt diente.

Vorn Burgtheater in seinen kulturell und konventionell

 geprägten Erscheinungsformen wurden

bisher viel mehr Spuren gedeutet als vom Begriff

Historismus, der zur Nachfixierung der zweiten

Hälfte des 19. Jh.s seine begrenzte Anwendbarkeit

 zeigt.

Historienmalerei und Historiendramatik sind so

eng miteinander verwandt, daß es naheliegt, einen

Historismusbegriff der bildenden Künste für die

Theatergeschichte zu überprüfen. Dabei ist sogar

an eine Entlastung des zumeist überbeanspruchten

 Begriffs Realismus gedacht, in dem zuweilen

das gesamte 19. Jahrhundert Platz finden mußte.

Dramaturgische Vorstellungen von historischem,

poetischem oder künstlerischem Realismus, poesiegetränkter

 Wahrheit oder historisierendem Naturalismus

 suchen Vermittlung zwischen Möglichkeit

 und Wirklichkeit. Paßte schon manchen Zeitgenossen

 Grillparzers die antike Einkleidung nicht

mehr zur kleinbürgerlichen Problematik seiner

Dramen, so hob sich die pompös-historische Aussfattung

 bei epigonalerer Dramatik in der zweiten

Hälfte des 19. Jh.s schließlich so stark von der aktuellen

 Thematik ab, daß im Naturalismus pro

grammatische Formulierungen gegen die wBühnenromantiku

 gefunden wurden; aber selbst diese

neue Naturaiistische Dramatik schien bereits

1892 r-die Umständlichkelt und die Zufälligkeiten

des Lebens noch zu übertrumpfenhr. Auch dieses

Programm hatte sich mit der Formulierung bereits

seiner Überwindung ausgesetzt.

20

innerhalb der theatralischen Äußerungen auf dem

Burgtheater des 19. Jh.s starre Abgrenzungen mit

Stilbegriffen vorzunehmen, hieße mit nicht tragfähigen

 Hiifskonstruktionen ein Gebäude flüchtig

verkörperter Gedankenwelt unzureichend nachbauen

 zu wollen. Eine klare begriffliche Fassung

des Historismus als Bühnenstil drangt sich kaum

auf, doch bildet der Direktionsantritt von Franz

Dingelstedt 1870 eine Zäsur, ab der stärkere optische

 Dynamik gemeinsam mit außerlicher geprägter

 Ästhetik Iiistoristische Merkmale aufweisen.

Bei Heinrich Laube war der Ton der Wahrhaftigkeit

 und Natürlichkeit, der realistisches Bemühen

auszeichnet, noch keinen so kräftigen Übermalungen

 ausgesetzt.

Das historische Fieber begann nicht erst im

19. Jh. plötzlich um sich zu greifen, die Bühne hatte

 immer schon von Historie und dem Interesse

daran gelebt. Nach der höfischen ideaiisierung

früherer Zeiten zur erhöhten Selbstdarstellung begann

 für viele Mittler klassischer Anschauung

schon im 18. Jh. die Reise zu den Quellen der AIten.

 Der Stoff zur Volksbildung wurde im 19. Jh.

mit neuen Mitteln der Vervielfältigung rasch verbreitet.

 Die Aufnahme von Bildern war an weniger

Voraussetzungen gebunden als die Bewältigung

schriftlicher Quellen. im Bemühen der Wissenschaft

 wurde den Vorbildern aus der Geschichte

durch die optische Zugabe, durch die Verbindung

historischen Blidungsstoffes mit Vorlagen zur unmittelbaren

 Anschauung eine neue Einheit von

Form und lnhalt gegeben, den Bildungsinteressen

wurde eine weitere Grundlage bereitet.

Genaue historische Studien zur Bühnenausstattung

 wurden schon zur Mitte des 18. Jh.s in gro

Alfred Koll

Der große Zug des Historismus

 auf der Bühne



1 Gottfried Semper, Neues Hcfburgtheater, Wien 1, Karl-Lueger-Ring

 2. Mitteiteil der Hauptfront mit dem Hochfries

 "Triumphzug des Bacchus und der Ariadne" von

Rudolf Weyr, 1881182

2 Der vorschreitende Herold aus dem Bacchuszug (siehe

Abb. 1)

3 Ausschnitt aus der linken Hälfte vom "Triumphzug des

Bacchus und der Ariadneti

Anmerkungen 1-3

' Gegen den Strom. Flugschriften einer literarisch-kt]nstierischen

Gesellschaft. Wien 18851894. Heft XXlV (1892), S. 25

Z Gascoigne. Bamber: illustrierte Weltgeschichte des Theaters.

München 1911. s. 2371.

I Strindherg, August: Dramaturgie. München 1Q2o.s,1ss

t kahiar, Gerhard: Adolfwllbrendts Dramen am Burgtheater miss.

Wien 19111. s. es

Meinecke, Friedrich: Die ehtatahuhg des Historismus: ih: Werke.

au. a. München 1959. s. 2. 14, 45a

' Wilde, Oscar: 01a Wahrheit der Masken. Bemerkungen über die

Illusion; in ärntlictis Werke. ade wie" 190a. s. 250, 211, 215

' Spitzer, Daniel: wiariar Spaziergänger. wian 1094. Hd. 1, s. 211

' Koll. Alfred: Trentserisky. Pepiertheater und Lithographie. oiaa,

Wien 1972. S. 40H, 125f1., 153, 171

 
            
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