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Full text : Alte und Moderne Kunst XXIV (1979 / Heft 166 und 167)

wieder an ihrem Platz. Bei der Öffnung des Gunthergrabes

 in Kremsmünster wurde 1509 eine weitere

 Bleiplatte beigelegt"? Kardinal Albrecht von

Brandenburg, Erzbischof von Mainz (1490-1545)

verfügte zwar 1540 testamentarisch. adaß auch von

bleyen tafeln dieses inhaldts . . . in den sark eingelegt

 werden sollen-t, doch sind die Platten im selben

Jahr von Conrad Goebel in Frankfurt aus Bronze gegossen

 worden'". Auch einzelne Körperteile wurden

 in Bleihüllen bestattet: Als für eine Ausstellung

das Herz des englischen Königs Richard Löwenherz

(T1199) nach Dürnstein gebracht wurde, lag es in einer

 Bleihüllem, wahrscheinlich ist das kürzlich entdeckte

 Kästchen mit dem Herzen des 1508 verstorbenen

 Königs Philipp des Schönen in der Liebfrauenkirche

 zu Brügge aus demselben Materialm. Der

jüngst in der Kathedrale zu Lima aufgefundene

Schädel Pizarros, der das Königreich Peru für Kaiser

Karl V. entdeckt und erobert hatte, lag in einer Bleiurne

 mit Auischrift' ".

Als Reliquiar oder Bauopfer sind die in der 1087 vollendeten

 Klosterkirche llsenburg bei Grabungen

aufgefundenen drei kleinen Bleitöpfchen mit Bleideckel

 zu bezeichnen"? die zusammengefaltete

Bleiinschrift. die in einer Templerkirche in Niedersachsen

 zum Vorschein kam. könnte aus einem

Grab stam men oder mit der Baugeschichte des Gotteshauses

 in Verbindung stehen"?

Schon aus dem 11. und 12. Jahrhundert liegen Berichte

 über Funde von Bleikästchen mit Reliquien

vor. Das aufwendigste Beispiel ist in Gestalt einer

kleinen Kirche geformt, die auf Löwen ruht, und

wurde im 1235 geweihten Hauptaltar derStiftskirche

zu Limburg a.d.L. gefundenm. Erst 1968 entdeckte

man in der gotischen Mensa der Pfarrkirche St. Severin

 in Haining eine Bleischatulle mit abhebbarem

Deckel, die die Inschrift trägt: i-Hie innen ist das gewaidt

 des heuligen Bischove Sandt Seveirin und

andre Heultumb dapeu umclomen anno domini milesimo

 cccclxviiii- (:1469)"'.

im mittelalterlichen Kunstgewerbe hatte Blei eine

weit größere Bedeutung, als vorhandene Reste ahnen

 lassen. Für religiöse Zwecke wurde es nicht so

häufig wie edle Metalle verwendet. da die Kirche

Edelmetalle und Bronzen bevorzugte, ja zum Teil

sogar verschrieb". In Deutschland und Frankreich

haben sich vereinzelt Taufbecken aus Blei aus dem

14.115. Jahrhundert erhalten, das Österreichische

Museum für angewandte Kunst bewahrt in seinen

Sammlungen ein großes Bleibecken. das wegen der

Art der Dekoration und des darin enthaltenen Wappenschildes

 wohl aus dem Raum Savoyen kommen

könnten". Sicher würden sich auch in den Depots an

anderen Orten interessante Beispiele finden lassen.

Hingewiesen sei auf die Verwendung von Blei oder

einer stark bleihaltigen Zinnlegierung für die Herstellung

 von Gittergüssen für Pilgerzeichen. Aus der

römischen Kaiserzeit ist die Darstellung der ephesisehen

 Artemis (Höhe 5,4 cm) zu nennenm. ein Reliefmedaillon

 mit Darstellung eines Löwen und der

kleinasiatischen Gottesmutter wird sogar in die

zweite Hälfte des S. Jahrhunderts v. Chr. datiertm.

Auch ausSyrien sind römische Bleiidole und Pilgerzeichen

 bekannt"? Für Mittelalter und Neuzeit habe

ich bereits ausführlich auf Wallfahrerzeichen des

hl. Wolfgang hingewiesenm, selbstverständlich

gab es so etwas auch in den großen Marienwallfahrten

 zu Einsiedeln, Mariazell etc";

Speziell hingewiesen sei auf die seltsame Form der

bretonischen Wallfahrerzeichen. die dadurch in

Verruf gekommen sind, da um die Jahrhundertwende

 ein geschickter Falscher in Frankreich

Nachbildungen in großer Zahl produzierte". Aus

den Beständen des Österreichischen Museums für

angewandte Kunst kann ein gutes Beispiel einer

Kriegerdarstallung abgebildet werden'" (Abb. 1B).

Zum Schmuck von Kästchen und Briefladen hat man

Gitter aus Holz oder Zinn herangezogenm, oft sind

hier religiöse Darstellungen auch für Verwendungs-56



zwecke benutzt worden, die wir heute als profan bezeichnen

 würden. Aber selbstverständlich waren es

auch gelegentlich Reliquien, die darin untergebracht

 warenm, und so erklärt sich die Wiedergabe

christlicher Symbole. Stark bleihältige Zinnreliefe

schmücken auch ein Kästchen (Abb. 19) aus derZeit

um 1400 - gegenüber dem hochgotischen Giebel

früherer Beispiele schon mit flachem Deckel -, wobei

 jeweils eine Dreiergruppe mit der Madonna zwischen

 zwei anbetenden Engeln variiert wird"? In

der Renaissance leitet dies zu den hier nicht im Detail

 zu behandelnden Plaketten z. B. Peter Flötners

üben

Münzfälschungen hat man schon in der Antike aus

Blei hergestelltm, der Urwunsch der Alchemisten,

Blei in Gold zu verwandelnm, zeigte sich bei Medaillen,

 mit denen man gutgläubigen Zusehern diese

Veränderung sichtbar machen konnte. ln derwiener

Schatzkammer wurde ein solches Beispiel aus der

Zeit Leopolds I. verwahrtm, das sich heute im

Münzkabinett des Kunsthistorischen Museums befindet.

 Für Münzen wurde Blei nicht verwendet, nur

für Berechtigungsmarken, Bettlerpfennige oder als

Notgeld, wie die Düsseldorfer Bleiklippen von

1676m. gelegentlich aber zu abergläubischen

Zwecken, wie die i-falschen Schekel-ii. Mit Bleimünzen

 zahlte der Teufelml

Bei der Aufzählung der Verwendungsmöglichkeiten

von Blei findet man kaum ein Ende. Man kann sich

nicht gut die Verwendung von Bleilöffeln für den

täglichen Gebrauch oder überhaupt für den Genuß

von Speisen vorstellen. es gibt aber solche aus römischer

 Zeitm ebenso wie aus dem Barockm. Vielleicht

 steckt hier doch ein sakraler Zweck dahinter

wie bei den Löffeln - manchmal mit Christusm0nogramm

 - aus spätantiken Grabfundenm.

Bleiplättchen dienten als Gewichte für die langen

Bänder des Pailiums in Bischofsgräbern. mit Bleiplatten

 versuchten spanische lnfantinnen ihrer Figur

 die gewünschte flache Form zu geben, man beschwerte

 Tabak in Tabeksdosen usw. Während die

fünf erhaltenen titouchplatesir mit den Meistermarken

 der Londoner Zinngießer ebenso wie die zwei

Edinburger und auch die in Deutschland erhaltenen

Platten (Lüneburg 1597 und 1704. Dresden, Augsburg,

 Nürnberg aus dem 18.Jh.) aus Zinn sindm.

schlug man in Mons im 15. Jahrhundert ebenso wie

bei den Mainzer Goldschmieden im 18. Jahrhundert

die Marken in eine Bleitafel einm. Blei wurde für

Fensterverwendet, wobei die ältesten Beispiele wie

eine Art Gitterdie Öffnung verschlossenm . während

später die Stege zur Gliederung der Ornamentik und

zurAbtrennung der farbigen Scheiben benutzt wurdenm.

 Und das Brutalste darf dabei nicht vergessen

werden: schwere, große, meist bleierne Schlagringe'".

 andere Hiebwaffen aus diesem Material oderum

 mit Musil zu sprechen - die Menschheit liefert

hauch den Strolchen mit Blei gefüllte Gummischläuche

 in die Hand, um den Leib eines Mitmenschen

 damit krankzuschlagen-F".

Bei einem Brauch aber, vielleicht dereinzigen Handlung,

 die uns Heutigen noch mit dem Begriff "Bleik

verbunden erscheint. können wir noch die Verbindungen

 zur magischen Bedeutung dieses ältesten

Werkstoffes der Menschheit verfolgen, spüren wir

noch etwas von der Gestaltheilig keit in Objekten aus

Blei-beim Bleigießen in derSilvesternacht, dasden

aufgeklärten, hochindustrialisierten Zeitgenossen

des 20. Jahrhunderts helfen soll. einen Blick in die

Zukunft zu tun. Das sheilige Bleis"; schafft die Verbindung

 zum irrationalen.

Ein zweiter Aufsatz wird der Bleiplastik- speziell der

Barockzeit - gewidmet sein; dabei werden auch die

Bleisärge bis zu den Prunksarkophagen der Kapuzinergruft

 behandelt werden.

Anmerkungen 94 - 145 (Anm. 94 7109 s. Text S. 51

" Ferdinand Krackowizer. Die slandischen Zeughauserzu L

Enns. Separat-Abdruck aus dem 2a. Jahresbericht des M

Francisco-Carolinum. Linz 1880, S. 9.

"s Ebenda S. B

" Kurt Linoner. Einleitung zu: Das Jagdbuch des Martin '

von Koiimitz (Das Karntner Landesarchiv 3). 1976. s. 47.

32ev.).

" Karl Adrian,wind und Wetter im Glauben und Brauchtum

Volkes. in. Mitteilungen der Gesellschaft liir suizburger

kurlde 94195, 1944145. Salzburg 1945. s 1st.

" Josef Ftaitinger. monnerkaiie- aus Oberbsterreich und s

in Fesmhriit für Richard Pittioni zum 70. Geburtstag ii (i

logia Austriaca, Beihefl 14). Wien 197a. S. 534 (nach Dii

Handwörterbuch des deutschen Aberglauberls 2. 1929730. 1

" Friedrich Zoepfl, Bestattung, in' Reallexikon zur deutsche

gaschichts2.194a,Sp 349 u. 354. Abb.9 über die römisci

sarkuphage vgl. oben bzw über reichvcrziarto Beispiele au

Noel Duval. Les sarcophages an plomb du Musee du Louvl

vue du Louvre 25. 1975. s. 1 11

Ivan Borkovsky. Die Prager Burg zur Zeit der Premyslidei

Tschachosiowakisohe Akademie der Wissenschaften. Pvt

S. 1531.

'"' Ebenda s. 137 und 1391., Abb. 45 und 46.

'" Fercy Ernst Schramm - Florentine Mutherich. Dankmaia c

schon Konige und Kaiser, Mttnchen 1952. Nr 149, 150. 17

"t Victor H Elbern. Der eucharlstische Kelch im fruhen M

Zetlschrilt des Deutschen Vereins lür Kurlstwissenschaft

S 54. Anm. 102 (Bleipiatten jetzt im Focke-Museum. Bran

'"' Karl Heinz Bmrldt. Ausgrabungen im Bremer St. Fel

1974-1976. Ein Vorbericht. in Bremer archäologische E

1976. S. 34, 7a und Abb. S4. Der Bremer Dom. Ausstellung '

talog S. 10131., Nr 1-3.

"ß Zeitungsmeldungen von Ende Marz 1979

"t Bauer, Regensburg, s. 352.

m Über die 1a Habsburger-Bestattungen Karl Girihart, DIB Ku

malerdes Bansdiktinarstiftes St. Paul im Lavanttal, Osterr.

pographic 37, 1969. S 99. 157. über die lrlschrifterl Wallerk

laographie der lnschrillen österreichischer Fresken bis 1351

leilungert des tnstituts tiir Dsterr Geschlchlslorschung

S 31.361 Die Abb. 14 und 15 verdanke ich Herrn Doz D

'" Osterreicii Tirol 1353-1953. Ausstellung in der Holburg irl li

1963. Katalog s. 35. Nr. 3:1. Abb 4.

"" Reben H. v. Srbik. Maximilian I. und Gregor Rsisch. hg

Lhotsky, in: Archiv lur osterr Geschichte 12272. 1951. s. 72

Aitman Kellner. Zeugnisse des Stiftergrabes. in: Feslscf

4ooiahrigen Bestands des oflenllichen Obergymnasiums d

diktinerzuKremsmunster,Wels1949,S 24511 mitAbdruci

deull. Abb. der aiaitaiein von 1304 und 1509.

Kunstgewerbemuseum Schicia Charlottenburg. Ausgewähl

(Kataloge des Kunslgawerbemuseums Berlin, Bd 1). 1st

(mit Abb.)

"' Fritz Dworschak. Konig Rtchard I. Löwenherz von

(1159-1199). Durnsleln, Katalog der Ausstellung Dumsteii

Zetturlgsrrieldungen von Februar 1979

"' Die Fresse, 30.l31.Juii 1977

l" GuntherBinding, oueiicn. Brunnen und Raiiquiengraberir

in: Zeitschrift fur Archäologie des Mittelalters 3. 1975. S.-"'

 Korlmcl Hecht, Ein Beitrag zur Baugeschichte der Stifts

siippiinganburg, in. Niedersächsische Denkmalpflege 9. l

197a, s. 4a l. und Abb 25 u 26 lm gleichen Bericht auch

renplombe von 1555 (S 25 u Anm. 19 auf s 52).

August Neuhaus. Blei. Bleiguß. llT Reallcitikdn zur d

Kunstgeschichte, 1940. 511977 und Abb. 1.

Franz Mader in. Pßssavia sacra Alte Kunst und Frommigki

siiu. Ausstellung 1975. S. 91. Nr. 34. (Groiia a X 12.5 k 1c l

"' RDK 2, sp. 977

"" lnv. Nr Me 39a. Hohe 27 cm; vielleicht ein Taufbecken (.

vgl. das Beispiel aus stark bleihaltigem Zinn, Brüssel. 13.71

Philipps Boucaud-Claude Fregnac, Zinn. 197a. S 54 unc

Ein reicher verziertes aiinlichas Blei-Objekt (mit Fabeltiere

iisiertcn Baumen) im New Yorker Malmpolltan Museum

-Sudlrankreich (Angouiemc). 13 Jh - bezeichnet.

"' wcllgang Oberleitner u.a , Funde aus Ephasds und sambtt

talog der Antikensammlung 2. Wien 197a. s. 57, Nr. 22.

Ebd. Nr 23 Über Blefgüse mit Darstellungen BirlBr Mutter

den zwei vorchristl. Jahrtausenden s Lecodid schmidt, Bl

lyklopadle des Märchens. Handworterbuch zur historisi

vergleichenden Erzaiiiforachung. Bd. 2, Lief 112, 1977, s

"i Schmidt HI. Biai. S. 49s

l" Georg wacha, waiiiahrerzdichen von St. Wolfgang. in: alle

derne Kunst 21. 197611911 14e,s.1s-19 und Der hi Woll

Walllahreneicherl. in Osterr. Zeitschrift lur Volkskunde

197a. S 253-273.

"f Georg Wacha, zinn und Zinngioaer in Österreich. in alte

derne Kunst 23, 197a, Heft 157, 5.20. Abb. 4. Schmidt

Abb 5.73.

"' Schmidt, HI. Blei, 5.81 und Abb. 21 auf s. 70. dazu Arthi

Iandt. Beitrage zur bretonischen Volkskunde. Erg.-ed a

schritt für ostorr Volkskunde. 1912. s. 15 und Abb. viii.

m lnv. Nr. P. 1429111

'" Horst Appuhn, Briefladen aus Niedersachsen und Ndrdrhi

lalen. Sonderausstellung im Museum lur Kunst und i

schichte der Stadt Dortmund. Schloß Capperlherg. 1911,

m Haedeke. Zinn. S 421

m Osterr. Museum lur

12.5 x 7,5 X 5 cm.

Sachsen und Angelsachsen. Katalog. S. 550 Nr. 20a (Aes

tins ii., 3351337).

m Kurt Ranke. Blei. Enzyklopädie des Märchens 2. sp. 443.

"t Aiphons Lholsky, Die Geschfchle der Sammlungen. Festsi

gunsthistoriscliert Museums llll. wian 1945. 5.392 und l

.593.

"' Friedrich Frhr v. Schrctter, Worterbuch der Münzkurlde. 1'

und s. 597 (Blei-Tesselaa).

"t Schmidt, Hl. Blei. s. 96. Victor Klarwlll, Fugger-Zeitung

s. 103. Nr. a2.

m Fund eines Bleildflels in Wels. Fleillnger, Funde (wie l

S. 461

Katalog der Besteck-Sammlung Franz Errlmerlch Graf 1..

ccxxi. Kunst-Auktlon Dorotheum Wien, 1912. S4. Nr. 5:

"' Petrikovits (s. Anm. 54).

"' Howard Herschel ccttcraii. oid Pewter, its mitkers and marl

land.Sc0tlar1d and lroland. 1929, 9. Aufl. 1975. p 3a; Haedi

S. 28.

Karl Petit, Les etains du Hainaut et leur poinccns. Mons 1'

und Abb. Roland Jaeger. Beschauzeichen. in Reallexllton

schon Kunstgeschichte 2. 194a, Sp. 309 und Abb. s u. 7.

Eva Frodl-Kraft, Die Glasmalerei. Entwicklung. Technik.

wien und München 1970, s 2a (Bleiplatten niit ausgaistai

chern, ehem. racrmina, san Antonio) nennt Belege aus sii

Serbien

Vgl. die bisher erschienenen eanda des i-Cnrpua vltrear

nevi-. riir ostcrrcicri von Frodl-Kratt über Wien (1952) un

Österreich (1. Mama. 1972)

Ein eang durch das Rieder Volkskundehaus (soridordruc

Hleder Volkszeitung, o..l.), s. a4.

Robert Musil. Der Mann ohne Eigenschaften. 1. auch. 1. 7

pitai (Gesammelte Werke, hg. Adolf Friss. eo. 1, 1979. s.

"i Schmidt, HI. Blei, S. 56-64.

nii

lll

iii

H1

112

angewandte Kunst. lnv. Nr.

iii

1:7

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