Otto Eberhardt
Ägyptische Motive
in der Bilderbibel
des Julius Schnorr
von Carolsfeld
Otto Eberhardt
Agyptische Motive
in der Biiderbibel
des Julius Schnorr
von Carolsfeld
Anmerkungen 1- 17
' Die Biiderbibel erschien in mehreren Lieferungen ab 1852. Vollständige
Ausgabe: Julius Schnorr von Carolsfeld, Die Bibel in
Bildern. 240 Darstellungen, erfunden und auf Holz gezeichnet,
Leipzig 1860. Danach mehrere weitere Auflagen. auch in kleinerern
Format und auch in England und Frankreich, blszum Nachdruck
bei Barowsky, München o. J. (ca. 1915). - zur Entstehung
ausführlich A. Schahi. Geschichte der Biiderbibel von Julius
Schnorr von Carolsfeld, Dlss. Leipzig 1935. - Zitat H.W. Singer,
Julius Schnorr von Carolsfeld (Künstler-Monographien
103). Bielefeld - Leipzig 1911, S. 112.
' K. Andrews. The Nezarenes. A. Brotherhood cf German Painters
in Rome, Oxford 1964. s. es.
' Ebenda Anm. 2. Vgl. ferner die Einzelbeobachtungen bei Schahl
(wie Anm. i) s. a2, es, as. Andrews erinnen außerdem
auf S. 65 an Dürer.
' Die Vorrede zur ersten Lieferung von 1852 wurde 1860 mit einzelnerl
Ergänzungen wiederholt, die Gesamtausgabe enthält
beide Texte; Zitate Schnorr (wie Anm. 1) S. lXa und 3a. Vgl. Singer
(wie Anm. i) S. 106.
1 Scnahl (wie Anm. 1) etwa S. 35. 86-90. 981. Vgl. ferner unten
Anm. 13. Schiußteil.
' P. Märker - M. Stulfmann. Zu den Zeichnungen der Nazarener
(Die Nazarener. Ausstellung Städei. Städtische Galerie im Städelschen
Kunstinstitut, FrankfurilM, 2a. April bis 2a. August
1911. s. 1e1 e1ae, Kaialogtext s. 1a1e211). s. 1ea und 1ss.
l Schnorr (wie Anm. 1) s. VII l. und rt. vgl. allgemein schehl (wie
Anm. 1) s. 2a.
' Ebenda S. iXb Lind 3b.
' Werner Schultza. Julius Schnorr von Carolsfeld (Sächsische
Lebenabllder 2. Leipzig 1938, S. 351-360), S. 355; Singer (wie
Anm. 1) S. 661.
l" Besonders deutlich Llndner zu dem unten noch ausführlich zu
betrachtenden Bild Nr. 44; bei Schnorr (wie Anm. 1) eigene Zählung
s. l1. Er verweist aul die nGemälde-r in den neuerdings
.wieder Qßbffnßieriu aitagypiischen Gräbern und stellt lest:
i-Nach diesen vieltausendjährigen bildlichen Darstellungen hat
der Künstler bis auf die geringste Kleinigkeit hinsichtlich der
Bekleidung, der Werkzeuge, des ceschirrs u. s.w. unser Blall
ausgearbeitet, so daß es uns irl dieser Beziehung in die Zeit der
Begebenheit selbst versetzt, und neben der Anregung des Gemüths
bei dem Bescheuer auch noch Belehrung erzielt wird;
Nach Sonahl (wie Anm. 1) s. 129. Anm. a0 errdlgien Llndners Erläuterungen
i-nach Schnorrs eigenen Anweisungen und Bemerkungen-i.
Die direkte Vorlage wird er allerdings nicht gekannt
haben. Vgl. ferner ZU Nr. 45 ebenda S. 12 usw. Ähnlich Merz, bei
Schnorr (wie Anm. 1) eigene Zählung s. 11. passim.
" Für entscheidende Hinweise danke ich aufrichtig den Ägyptologen
Dr. Beiniich. Würzburg. und or. Oster, Mrinsler.
" Schah! (wie Anm. 1) S. BGff. und 138f.
" Die Bibel oder die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testamenls
nach der deutschen Ubersetzung VDn Dr. Martin Luther.
Mll Holzschnittan nach Zeichnungen der ersten Künstler
Deutschlands, Stuttgart-München (J.G. Cottasche Buchhandlung)
1850. s. a4 und 86-88. Vgl. schahl (wie Anm. 1) s. 56ff. -
Singer (wie Anm. 1) s. a4; Nr. 45 im Entwurf von lazs, s. es:
Nr. 46 in Studien YOn 1828 und 1836. Demnach ist bei Nr. 45 die
Fassung in der oeitaschen Bibel in den ägyptischen Motiven
z. T. schon der Endlassung angenähert, während der Entwurf
von laza kaum einen konkreten Bezug zu Agypten zeigt. - Man
könnte erwägen. die zu Nr. 40-42, 49 und 51 der Biiderbibel
parallelen Bilder Gustev Jägers in der Cottaschen Bibel (S. 69.
70, 7G, 99. 103) mit heranzuziehen; denn sie sind sämtlich den
Bildern Schnorrs sehr ähnlich. in der Tat sind direkte Einflüsse
Schnorrs denkbar. de Jäger sein Schüler war und nwenigstens
zu Beginn des Werkes . . . gewissermaßen seiner Leilung- unferslend
(Schahl s. 51). Doch sind umgekehrt Anregungen durch
Jäger nicht ausgeschlossen. Die Frage kann im vorliegenden
Rahmen nicht weiter verfolgt werden. Deshalb bleiben die Bilder
außer Betracht, obwohl sich auch hier entsprechende Beobachlungen
anbieten.
" Pyramide und Obelisk erscheinen dann auch bei der Darstellung
der Flucht nach Agypten in Nr. 111.
" Bei Nr. 44 sind von den drei erkennbaren Säulen links oben die
rechte und linke erst unmittelbar für den Druck herausgearbeitet
worden. Die Vorzeichnung Schnorrs (wie unten Anm. 23)
bleibt hier undeutlich. Bis zuletzt hat er also auf die agyplischert
Motive geachtet. vgl. allgemein zum letzten Arbeitsgang
Schahl (wie Anm. 1) S. 106i.
" Genauere Abbildung elwe bei J.-F. Cnampoliion-leJeune. Monuments
de l'Egypte el de la Nuble, Planches Bd. 4. Paris 1845
(Nachdruck: Centre de documentation du monde orlentai, Geneve
0.J.l. Nr. COCXVlii. A. und B. Der Obelisk steht seit 1836
auf der Place de la Concorde in Paris. Schnorr war weder auf
das schwer zugängliche Werk chempollidns noch auf eine de
sichtigung in Paris angewiesen. Es gab bereits leicht erreichbare
Abblldungen. Zum Beispiel wird in der ersten Auflage des
Brockhaus-Lexlkons: Bllder-Conversatians-Lexikon für das
deutsche VGIK. ad. 1. Leipzig 1931 (Nachdruck: München 1917).
der Artikel über Ägypten auf S. 36 durch die Ansicht auf den
Tempeleingang vdn Luxor mit den beiden Obelisken illustriert.
" J.G. Wllklnson. Manners and Customs oi the ancient Egyptians.
lnciudlng lheir private Lire, Government. Laws, Arts, Manulaclures,
Religion, and early Hlstory . . .. London 1837; 3. Aufl.
(Titel erweitert: . .. nellglen, Agriculture. and eariy Hlstory) Londcn
13-11. Wilkinson gab dann auch eine Kurzfassung heraus: A
populär Account ol the anclent Egyptlens. 2 Bde. London 1554.
In seinem Buch über Julius Schnorr von Carolsfeld
aus dem Jahre 1911 schrieb H.W. Singer voll
Anerkennung über die berühmte Biiderbibel
Schnorrs: "Seine reiche und leichte Phantasie
blüht in den Kompositionen zur Bibel aufs schönsie
auf.l1' Noch pointierter lobte K. Andrews in selnem
Werk über die Nazarener von 1964 an der Biiderbibel
llthe absence of obvious borrowings in
the treatment of Subjectslr, um fortzufahren:
ilEaCh scene has been felt and thought out
afreshtt? Das trifft in zweifacher Hinsicht nicht
ganz zu.
im Bereich der Kunsttradition zeigt die Biiderbibel
durchaus gelegentlich Entlehnungen oder allgemeinere
Verwandtschaften. in erster Linie ist die
Nähe zu den italienischen Flenaissancemalern zu
nennen, vor allem, wie auch Andrews einräumt, zu
Ftaffaell; Schnorr selbst hatte in seiner Vorrede
udie großen Muster der italienischen Kunstii wie
Raffael und Michelangelo als maßgebende nVOTbilderii
für die gewählten nDarsteiiungsmittelrr erklärt!
Außerdem sind mehrfach konkrete Anregungen
durch ältere Zeitgenossen Schnorrs, zumal
aus dem Kreis der Nazarener, anzunehmen."
Daneben kann man trotz des unbestreitbaren Einfallsreichtums
aber auch nicht durchweg von freier
Erfindung sprechen. Zumindest teilweise ist mit
einem bewußten Realitätsbezug zu rechnen. Man
hat neuerdings bemerkt, daß die Nazarener, darunter
Schnorr, in ihren Zeichnungen gegenüber
ihrer anfänglichen nwirklichkeitsfernerr später
zunehmend "durch Aufnahme von Naturalismen
zu ,überzeugen'ii suchten! Zwar scheint dem
Schnorrs Vorrede zur Biiderbibel entgegenzustehen:
Er bekennt sich hier nach wie vor zu einer
idealistischen Kunstanschauung! Zudem rühmt
er an den hgroßen ltalienernri gerade, daB sie sich
ufern gehaltene hätten uvon ängstlicher Beachtung
archäologischer Genauigkeiten. wenn diese
der künstlerischen Behandlung widerstrebenrr,
denn die "Darstellungen der biblischen Geschichteu
dürften nnicht zu gewöhnlichen wirklichkeitsbildern
und Illustrationen historischer Romane
umgeschaffen werden-t." Doch gehen hier theoretisches
Programm und praktische Realisierung etwas
auseinander. Wie Schnorr 1826 nach dem
Auftrag Ludwigs I. von Bayern. ein der Münchner
Residenz einen Zyklus aus der Odyssee zu
maientt, durch Unteritalien und Si lien reiste, ltum
dafür Landschaftsstudien zu treibend". so bemühte
er sich in seiner Biiderbibel auch verschiedentlich
sehr genau um Wirkiichkeitsnähe im Sinne historischer
Treue. Ein klares Beispiel dafür ist die
Verarbeitung zahlreicher altägyptischer Motive
bei der Darstellung der Schicksale Josephs und
Israels in Ägypten in den Bildern Nr. 39-51.
Die ägyptische Kunst und Kultur war damals bereits
durch eine Reihe von Forschungsreisen und
Veröffentlichungen bekannt geworden. Schnorr
hat offensichtlich während seiner Arbeit entsprechende
Werke gründiich studiert und ihr Angebot.
wenn auch teilweise mit begreiflichen Mißverständnissen,
gezielt verwertet. um die ägyptische
Welt möglichst authentisch wiederzugeben. Und
er hat bei der Umarbeitung vorhandener früherer
Entwürfe oder Fassungen auch unter diesem
Aspekt entscheidende Änderungen vorgenommen
oder zumindest Einzelheiten ergänzt. ln den beiden
in den Erstausgaben der Biiderbibel mit abgedruckten
Erläuterungen durch die Theologen
B. Lindner und H. Merz ist der Bezug bereits bedacht
und wird mehrfach auf wichtige ägyptische
Motive hingewiesen!" Doch hat die spätere
Kunstwissenschaft nicht genügend Notiz davon
genommen. so daß eine neue zusammenhängende
Untersuchung angebracht erscheint."
Zunächst solien dazu in kurzen Listen auffällige
Einzelelemente aufgezählt werden, ehe dann die
weiterreichende Übernahme einer Gesamtszene
in Nr. 44 vorgestellt wird. Dabei werden auch frühere
Fassungen oder Entwürfe. soweit sie in Veröffentiichungen
erreichbar waren, mit verglichen.
Während Nr. 39 - 43.48.49 und 51 unmittelbar für
die Endfassung der Biiderbibel konzipiert sind,
gibt es zu Nr. 44 - 47 und 50 jeweils altere Vorstufen."
Sie sind außer Nr. 50 in wesentlichen Versionen
abgedruckt: Nr. 44 -47 in der illustrierten
Bibel des Cotta-Veriages von 1850. noch frühere
Stadien von Nr. 45 und 46 in dem Buch von Singer."
in den folgenden Listen erscheinen Jeweils
nach den Motivangaben die Nummern in der
Biiderbibel. Eindeutige Änderungen in der Endfassung
gegenüber den früheren Versionen durch die
Aufnahme ägyptischer Motive werden durch ein
+ in Klammern hinter der Bildnummer vermerkt.
Architektur und Plastik:
Pyramiden: 39, 43. 44. 47. 48;
Obelisken: 44 (+), 46 (+). 50";
Pylone: 41. 44 (+);
Säulen (in verschiedenen Formen): 39. 41. 42,
44 (+). 4815;
Hohlkehlen: im Dachgesims von Tempeln oder
Häusern 41, 44 (+), 50; im Türsturz 39. 41,
46 (+);
Sphinx:40;
Fiügelsonne: in der Hohlkehle des Türsturzes
45 (+). im inneren Deckengebälk des Tempels
48;
Götterbiid: 50.
Bei dem Götterbild in Nr. 50 sind irrtümlich die Bereiche
vermischt: Nach Ausweis der Krone und
der Haltung mit Zepter und Wedel stellt es Osiris
dar. Doch müßte Osiris gemäß seiner ihm zukommenden
Mumiengestalt die Beine geschlossen
haben. Der Unterkörper. einschließlich der Kleidung.
entspricht der geläufigen Form der Königsstatuen.
- Penibei genau ist Schnorr dagegen bei
dem Obelisken in Nr. 50. Er kopiert hier fast bis in
alle Einzelheiten der Kartuschen und des sonstigen
Hieroglyphentextes - nur mit gelegentlichen
Vereinfachungen oder Mißverständnissen - die
mittlere Partie der Nord- bzw. Frontseite des rechten
Obelisken vor dem Tempel von Luxor aus der
Zelt Ramses II."
Für die bisher genannten, ohnehin in der Mehrzahl
für Ägypten besonders bekannten Motive ließ sich
vorläufig keine spezielle Vorlage ermitteln. Für die
weiteren Motive. die näher zur Lebensweise der
Menschen gehören, ist die Hauptvorlage mit einiger
Wahrscheiniichkeit klar zu bestimmen. Es ist
das umfangreiche Werk des Engländers John
Gardner Wilkinson i-Manners and Customs of the
ancient Egyptiansd. das nach seinem ersten Erscheinen
im Jahre 1837 (3 Bände) rasch Verbreitung
fand (3. Auflage 1847 in 5 Bänden) und neben
dem ausführlichen Text auch zahlreiche kommentierte
Zeichnungen enthält." Die folgenden zwei
Listen nennen jeweils nach den Nummern der Bilderbibel
die Band- und Seitenzahlen zu den Abbildungcn
bei Wilkinson(: W.. nach der mirzugänglichen
Ausgabe von 1847). die konkret benutzt sein
könnten.
Gebrauchsgegenstände:
Vasen: 44 (links vorn. +). 46 (+). 49 - W. 2. besonders
158 Fig. 1. 355 Fig. 4;
Vasenständer: 44 (ebenda) - etwa W. 2. 160;
Wasserkrüge mit zwei Henkeln: 44 (links, +) -
W. 2. 345 Fig. 6; vgl. W. 2. 158 Fig. 7;
Töpfe fürTon oder Lehm: 44 ( + ), 48 (links oben) -
s. unten zur Gesamtszene in 44;
Trageloche: 44 (+), 46 (+), 48 - s. ebenda;
Hacken: 44 (+) - s. ebenda;
Lyra: 45 (+) - W. 2, 291 sowie 235;
Laute: 45 (+) - W. 2, etwa 234f.;
Fächer. zugleich ähnlich den aufragenden Papyrusblüten:
45 (+) - W. etwa 1, 296 und 5. Tafel
86 (neben 420);
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