Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Alte und Moderne Kunst XXVII (1982 / Heft 180 und 181)

Peter Wind

100 Jahre Einbandkunst in der

Erzabtei St. Peter in Salzburg

Von den Salzburger Buchbinderwerkstätten der zweiten

 Hälfte des 15. Jahrhunderts war bisher weitgehend

 nur die Werkstatt Ulrich Schreiers bekannt, dessen

 Salzburger Tätigkeit systematisch und umfassend

erstmals von G. Laurin' erfaßt und gewürdigt und von

Otto Mazal: durch Beschreibung von Einbänden mit

Kopfstempeldekor aus der lnkunabelsammlung der

Österreichischen Nationalbibliothek ergänzt wurde.

Bei der Werkstatt, von der Mazal annimmt, daß sie in

engem Zusammenhang zur Schreierschen Werkstatt

stand und im Salzburger Gebiet beheimatet war}

dürfte es sich allerdings um die Werkstatt des ehemaligen

 Benediktinerstiftes Mondsee handeln. da der

Großteil der bei Mazal abgebildeten StempeP nicht

der von Mazal gemeinten Salzburger Werkstatt (vgl.

die Motivzusammensetzung dieser Werkstatt in: Verzierte

 Einbändeß, Werkstatt Salzburg ll) zuzuschreiben

 ist, sondern der von dieser abhängigen Klosterwerkstatt

 von Mondsee (vgl. Verzierte Einbände, Beschreibung

 der Werkstatt Salzburg ll). Auch die Buchbinderwerkstatt

 von St. Peter konnte in der Untersuchung,

 die von F. R. Goffß gemacht wurde und die Beschreibungen

 und Motivabbildungen von Einbänden

sanktpeterischer lnkunabeln enthält, die sich jetzt in

der Library of Oongress in Washington befinden, nur

zum Teil vorgestellt und beschrieben werden. Erst die

unter Mitarbeit von G, Hayer erstellte Arbeit über die

verzierten Handschrifteneinbände von St. Peter] die

im Zusammenhang mit der Handschriftenkatatogisierung

 gemacht wurde, konnte erstmals eine kurze

Erfassung der meisten Salzburger Buchbindenuerkstatten

 geben, die von 1400-1600 in Salzburg tätig waren,

 und dabei auch eine Periodisierung der Tätigkeit

der sanktpeterischen Werkstatt vornehmen, die im

einzelnen im folgenden genauer charakterisiert werden

 sollte.

Periode I, ca. 1450-1475

Wenn es auch in der Werkstatt von St. Peter erst ab

1450 in der zu beschreibenden Periode kontinuierliche

 Blindstempelverzierungen gab, darf doch angenommen

 werden, daß in St. Peter schon die früher

vorgenommene Neubindung der Pergamenthandschriften

 und auch die Bindung der neu geschriebenen

 Handschriften erfolgte, da sowohl hinsichtlich der

Streicheisenverzierung (sie ist auf den Einbänden der

Dombibliothek häufig rautenförmig) und auch in der

Angabe der Buchtitel (sie sind auf den Einbänden der

Dombibliothek unter Hornplättchen gelegt und mit Eisenblech

 gerahmt) zwischen den Einbänden der Domblbliothek

 und jenen. von denen man annehmen kann,

daß sie in St. Peter entstanden, Unterschiede bestehen.



Die ab 1450 verwendeten Stempel, mit denen die Einbände

 der Handschriften geschmückt wurden, entstammen

 ausnahmslos dem vegetativen Bereich. Es

sind verschiedene Rosetten (vgl. Abb. 5, Nr, 2.3.5),

Blüten (vgl. Abb. 5, Nr. 1 und 4) und eine archaische

Llllenform (vgl. Verzierte Einbände. Stempel, Nr. 265).

Ihre Form ist zumeist sehr stark stilisiert, die Blätter

der Rosetten zu Punkten oder die der Blüten zu stengelförmigen

 Gebilden reduziert. Anstatt der angemesseneren

 runden Grundform der Motive wird auch die

geometrisierende Quadratform gewählt. Trotz der wenigen

 Stempel, die In der vorliegenden Periode zum

Schmuck der Einbände herangezogen wurden, ist deren

 Anordnung sehr abwechslungsreich und für die

Zeit fortschrittlich, da sie entgegen der sonst üblichen

gleichmäßigen Verteilung der Einzelmotive durch

Gruppierungen gegensätzlicher oder auch gleicher

Motive eine größere Differenzierung einzelner Flächen

 und Felder, aber auch eine größere Betonung

EIHZQIFIST Punkte der Einbanddeckel ZU erreichen VETsucht.

 So wurde etwa durch die gegensätzliche,

wechselweise Anordnung einer größeren und schon

naturalistischer gestalteten Blüte und der kleineren

stilisierteren Punktrosetten auf dem Einband der Hs. a

ll 22 die Hervorhebung des Mittelpunktes und der Eckpunkte

 und die Unterscheidung von Mittelfeld und

Rahmen bewirkt oder durch den Wechsel von runden

und quadratischen Punktrosetten eine gleichmäßige

Bewertung der vier Dreiecksfelder der Einbanddeckel

der Hs. b lV 41 (s. Abb. 1) erzielt. Ähnliche Kompositionsmodelle

 zeigen auch die Einbände der Hss. a I

26, a lll 13, a lll 14, a lll 32,21 lli 38, a lll 39, aVll 25, b

VI 1B, b IX 7, b IX 15, b IX 22 und b X 2B. Auch die friesartige

 Aneinanderreihung von Motiven innerhalb der

zu Bändern erweiterten Streicheisenlinien (vgl. Einbände

 der Hss. b lV 41 und b VI 18) dient dem gleichen

Zweck. Diese zuletzt genannte Form der Anordnung

ist aber auch von Bedeutung für die Beantwortung der

Frage nach der Tradition, in der der soeben kurz skizzierte

 Verzierungsstil steht, da auch schon der Einband

 der Hs. a X 20 aus dem Ende des 14. Jahrhunderts

 und der Einbände der Hss. a V 45, a Vll 27 und a

Xi 14 aus den dreißiger Jahren des 15. Jahrhunderts,

die alle in Salzburg hergestellt worden sein dürften, eine

 ähnliche Friesbildung und ähnlich stilisierte Rosetten

 (vgl. Verzierte Einbände, Stempel Nr. 349 und 362)

kannten. Anderseits vermag aber auch dieser Hinweis

den singulären Charakter des Einbandschmuckes der

ersten Periode der sanktpeterischen Werkstatt nicht

zu erklären, da die früher zum Schmuck der Einbände

gebrauchten Motive ab 1450 nicht mehr weiterverwendet

 wurden und da es im vergleichbaren Zeitraum

noch keine andere Salzburger Werkstatt gab, deren

Einbände kontinuierliche Blindstempelverzierungen

aufwiesen, und da schließlich die Werkstätten der

bayerischen Benediktinerklöster, wie etwa Attel am

lnn, Ebersberg oder auch Asbach, zu denen Beziehungen

 in der Periode ll bestanden, zum vergleichbaren

Zeitpunkt schon viel naturalistischere Stempelformen

besaßen (vgl. etwa die Einbände, München, StB, Clm

2775 und 2776 oder St. Peter, Hss. b IX 8, b X 32 und b

Xll 4 aus Asbach oder die Einbände, München, StB,

Clm 3312 und 3317 aus Attel am lnn).

Periode ll: ca. 1475-1520

Die Periode ll der sanktpeterischen Klosterwerkstatt,

in der neben den neugescnriebenen Handschriften

auch die große Fülle neu gekaufter Wiegendrucke gebunden

 und verziert werden mußten, ist die fruchtbarste

 Zeit in der Geschichte der Werkstatt von St. Peter,

da völlig neue naturalistische Motive gebildet wurden,

die ebenso wie die der ersten Periode zum überwiegenden

 Teil dem vegetativen Bereich entnommen

sind (vgl. die Auswahl der Motive dieser Periode auf

Abb. 5, Nr. 6-21 und die Zusammenstellung der gesamten

 Motive dieses Zeitraums in Verzierte Einbände,

 Werkstatt St. Peter ll) und auch in deren Anordnung

 neue Wege beschritten und neue Lösungen aufgegriffen

 wurden, die dem bislang noch flächigen linearen

 Einbandschmuck mehr Tiefe und Plastizität verliehen

 und eine andere, zumeist vorganischereix Motivgruppierung

 (s. Kopfstempeldekor, Astrankenbordüren)

 ermöglichten. Der Verwirklichung dieses Ideals

diente vor allem die Verwendung dünnhalsiger Kopfstempel,

 mit deren Hilfe rechteckige (vgl. die Einbände

 der Hss. a IV 37, b lV 40 und b Vll 13), quadratische

(vgl. a lll 6, b ll 16), dreieckige (z. B. a IV 37, b II 23 und

b Vll 14) und auch rautenförmige (z. B. a Xll 4. b Vl 36,

b Vlll 27), meist symmetrisch geordnete (s. Ausnahme:

 Einband der Hs. a X18 : Abb. 2) Blattgefüge entwickelt

 wurden, die sich von einer zentral gesetzten

Rose oder Rosette an die Peripherie und die Ecken

der entsprechenden Flächen erstreckten. Neben der

schreierschen Werkstatt, in der dieses Dekor in der

Zeichnung feiner, leicht geschwungener, naturnaher

Blattrippen zur höchsten künstlerischen Vollendung

geführt wurde, aber dort im Gegensatz zur sanktpeterischen

 Werkstatt fast immer in unsymmetrisch, schräger

 Anordnung (vgl. z. B. Einbände der Hss. a lV 30

und b Xll 38) zur Ausführung kam und mitunter sogar

den Rahmen sprengend, sich über die ganze Deckelfläche

 ausdehnte (vgl. z. B. Einband der Hs. a lV 30),

dürfte in der Übernahme dieses Dekors auch ein Einfluß

 der bayerischen Benediktlnerwerkstätten vorhanden

 gewesen sein, da dort, wie etwa in Prüll bei Re-
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.