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Full text : Alte und Moderne Kunst XXVII (1982 / Heft 180 und 181)

Ulrich Nefzger

Die Gärten von St. Peter

Anmerkungen 1-13

'Zur Lllleri-lkonographle des hl, Vitalis In bezug euf Salzburg und

St. Peter vgl. die Embleme des Frontispiz der dem Heiligen gewidmeten

 Schrift Amand Pachlers (B. Schremm dellneavlt l Paulus Seel

sculpsit). Dort ist auch eine Allusion auf Fechter durch sein Wappentier,

 den Schwan. zu finden: Ein Schwan. lilienumkrinll. tragt im Wesser

 schwimmend eine Lilie im Schnabel. mit dem Lemma iCaridore

nolabilis lpsou. Ein manchen Exemplaren beigebunderner. IP, 5.1;

(Paul 589i) sigmener Stich V0ri 1563 mit der damaligen Ansicht vom

Grab des hl Vitalis in St. Peter zeigt auf der Marmorfigur des Heiligen

in HefZhÖhB eine Lilie. Die Meinung. daß die heute dDrt befindlichen

Lilien (aus Meiell getrieben) des te. Jh.s auch damals erst dem mittelalterlichen

 Grabstein attribuiert worden wären. ist daher zu modifizieren

 (vgl. Herder-Lexikcn der christl. lkcnogrephie. Freiburg i. Br. u a.

1975. Bd. B. S 575, IVitalisu).

10er Name des saimurgischen Kirchengründers bezeichnet ebenso

dgn ivFBISI (rupes) wie der von Petrus als Grundfeste der Universaikirc

 e.

1 Notker Labeo: zlergarto; paradisus voluptatis : wurinigarto, Vgl,

Wolfgang Scrrensen. Gärten und Pflanzen im Klosterpian, In: Studien

zum St. Geiler Kloeterplen. Hrsg. Joh. Duft (Mitt. zur veterl. Geschichtlesäshzrsg.

 v. i-listor. Verein des Kantons St. Gallen. 5d. 42). St. Gallen

'Vql. Anm, 3. Allgemein lu den Klostergenen des frühen Mittelalters:

D Hennebo - A Hoffmann. Geschichte der deutschen Gartenkunst.

Bd. i, Hamburg 1962, und M. L. Gütheln. Geschichte der Gertenkunst,

 Jene 1926.

'Johennes Bühler. Kiosterleben im deutschen Mittelalter l I Deutsche

Vergangenheit Bd. 1), Leipzig 1923. S. 439-441.

' Hans-Dieter Stcffler. Der Hortulus des Walahfrid Strebe, Sigmaringen

1978. S 49-52,

7 Vgl. Renate Schusky. Der Garten als Buch - das Buch BIS Garten. in:

Park und Garten im 1B. Jh,. Heidelberg 1975. S. 941.

'Ad0li Hahnl, Conservando cresco, Die Eibliotheksraurrie von St. Peter

in Salzburg. inl FS Hans Sedlmayr nBarock in Sailbufgn, Salzburg

1977. S. 14. An dieser Stelle sei Herrn Dr. Hahnl sowie seinem Mitarbeiter.

 Herrn Ivan Pomper. für ihre freundliche Unterstützung und

Hilfsbereitschaft herzlich gedankt. besonders aber dem H. H. P. Prlor

Beda Wlnkier U S. E, für seine kenntnisrelche Anteilnahme. Zum EXllbrls

 vgl, Anm. 49.

'Amendus Fechter, Disquisitiones. Salzburg 1663. S. 211-213. Original

lateinisch. Vgl. auch Anm. 1.

"' Vgl, dazu die entsprechenden Topoi im nJubilum Jubllaeumk eingangs

der Historia Salisburgerisis der Bruder Mezger. Salzburg 1692. S. 25

bis 31. Zu ihrer Tradition: Ulrich Netzger. Salzburg und seine Brunnen.

 Salzburg 1980. S, 5-19.

" Mezger. Hlstoriasallsburgensis (e. Anm 1D). 5 560. Originelzitete.

nn cempas RIIIITII recreandi cause exirentu; lul monesterium ampliori

forma struereturu. Das 1172 erschienene Novleeimum Chronicon Anriuul

 Monasterll 0 s. B, ad Sanctum Petrum Salisburgi schildert die

Begebenheit nach der Mezgerschen Chronik und dem Tagebuch des

Abtes Martin Hatiinger s. 5ü2

" Novissirnum Chronicon (s. Anm. n). s 502i Original lateinisch.

ß Beispielsweise heißt es vom Abt Rudolf (t 105-38) in St. Trbnd (Lothringen).

 er hebe einen Garten angelegt. ndamlt den Kranken durch Luft

und Anblick des Grüns Erquickung zuteil werde-r. (U, Lehmann-Brockhaue.

 Schriftquellen zur Kunstgeschichte des 11. und 12. Jh,s für

Deutschland. Lothringen und Italien. Berlin 1935. S. 404.)

22

Zu Beginn seiner wDisquisitiones in Viiam et Mlracula

Sanctissimi Vitalisu (Salzburg 1663) widmet sich Abt

Amandus Pachler von St. Peter in Salzburg der Betrachtung

 des Attributs dieses Heiligen: Er preist die

vsüße Lilie-d. welche - nomen est omen - dem nailerlebendigsten

 Herzenu des hl. Vitalis im Grabe entsproß

 und sogar den harten Marmorstein durchbrach,

um einen versteckten Zweifler an der wunderwirkenden

 Heiligkeit des Grabes zu beschämen. Das Lilienwunder.

 in effigie immer noch an der Grabplatte zu sehen.

 gibt dem gelehrten Abt dann Gelegenheit. im barocken

 Denkstil weiter zu reflektieren. so daß durch

die Dedlcatio die nachfolgende historisch beweisende

Darlegung zum überzeitlichen Sinnerweis sich weitet.

Er sieht im Wesen der hellglänzenden Unschuldsiiiie

die Schönheit irdischer Gärten übertroffen und erkennt

 darin die bedeutsame Blume ngeheiligter Gärtenr.

 Dabei stellt sich der Garten im Hinblick auf die

menschliche Natur als ein doppelsinniges Symbol dar.

Denn Gott selber habe ivam Beginn der Natur der

Menschheitw das Paradies gepflanzt, darin die Lilie

der Unschuld blühte. Weil aber die virdische Begierdek

 die Feindin der Unschuld ist. wurden die Menschen

 aus diesem iiallerlieblichsten Garteni vertrieben.

 Jedoch - iiFelix permutatiolu -welch glückhafter

 Wechsel des Menschenloses: durch Christus. der

in einem Garten (Gethsemane) gefangengenommen

wurde. sei der Paradiesesgarten neu geschaffen worden.

 Es sei dies der Garten der heiligen Kirche, wo

durch die Lilien der Gerechten auch die paradiesische

Lilienunschuld wiedererneuert werde. Das gilt insbesondere

 vom Garten der salzburglschen Kirche. wo

die Lilie des hl. Vitalis blüht. Daß sie dort gepflanzt

wurde. sei letztlich der Vermittlung der wLiliata Triasri.

den drei Lilien der Hi. Familie zu verdanken, der Pachler

 auch diese ganze Vita zueignet. Vermittels der in

der Topik der saizburgischen Kirchengründung so

"feststehendem. überaus sinnträchtigen Allusion in

den Namen Petrus und Rupert? argumentiert Amand

Pachler, daß die salzburgische Kirche vin Petra 8. Rupev

 gefestigt sei und daß die Lilie des hl. Vitalls ebenso

 wie sein Marmorgrab diesen Felsen durchdrlnge

und ziere.

Abt Pachler gehört zu jenen Charakteren der süddeutschen

 barocken Geistlichkeit. deren Denkweise in historisch-kritischer

 Urteilskraft gründend die altüberlieferte

 Typologie neu zu versinnlichen vermochte, Ein

Beispiel dafür ist diese Dedicatio. wo die typclogische

Ambivalenz gegenüber dem Garten als irdischem Ort

der Verführung einerseits und paradleslschem Symbol

 andererseits für Salzburg topographisch glücklich

gelöst, aber nicht aufgelöst wird. Das Paradies war

der Kirche das Stück Natur aus der Hand des Schopfers.

 liliengleich rein. ohne dunkle Schuld. doch die

Frucht vom Baum der Erkenntnis führte zum Fluch

des Todes. So ist zwar seit dem frühen Mittelalter die

Paradiesvorstellung beim Lustgarten stets lebendig

geblieben! doch wird diese schone Reminiszenz stets

durch die andere Erinnerung an den verräterischen

Ort des Unheils verdunkelt. Allem Anschein nach hat

dies bereits im Baumgarten des Friedhofes auf dem

St. Gallener ldealplan (B20) seine symbolische Formulierung

 gefunden! Auch im nHortus deliciarumu der

Herrad von Landsperg wird das bewußte Auseinandertreten

 von irdischer und transzendenter Bedeutungssphäre

 im Zeichen des Gartens zum Ereignis:

Ein Eremif. der die oberste Tugendleiter erklommen

hat. sieht sein blühendes Gärtlein unter sich. Sehnsucht

 erfaßt ihn. und er stürzt. weil er das irdische Paradies

 dem himmlischen vorgezogen hat.

Wie schmerzlich entsagungsvoll für die iigefallenew

Natur des Menschen gerade diese Vorahnung paradiesischer

 Gertenschönheit wurde. zeigt sich in der

Antwort. die die Dominikanerinnen von St. Lambert il'l

der Rheinpfalz um 1280 auf ihre Bitte erhielten, im

Garten der lnfirmerie (Krankenstube) speisen zu dürfen.

 lhr Spiritual zeigt geradezu poetisch einfühlsames

 Verständnis dafür. daß die Schwestern "als Töchter

 des Lichtesii die whereinsinkenden Schatten fliehenu

 wollten; der Herr habe ja iam Anfange einen

Lustgarten angepflanzt-r und der Bräutigam im Lied

der Lieder steige ißzum wohlduflenden Gärtleinw hinab.

wum Lilien zu pflückenu. also zeige der erwünschte

Gartenaufenthalt den Schwestern gewiß "in seiner

Heiterkeit und Lieblichkeit ein Bild der versprochenen

Himmelsherrlichkeitlr. Aber es sei Adam im Garten

versucht und Christus als zweiter Adam im Garten

verraten worden. Und dann zählt der Spiritual alle nur

möglichen dräuenden Weltübel auf. bis hin zum Rheuma.

 nassen Schuhen und dem Zank über die Grasflecken.

 Er schließt: iiBleibt in euren Felsenhöhlen und

hinter euren Mauern wie die Turteltauben . . und

sucht mehr das Trockene als das Grünlcd

Solches Vorstelligmachen von seelengefährdender

Unheilstypologie und praktischem Ungemach. um

sinnliche Betörung und geistige Torheit hintanzuhalten.

 macht deutlich. daß dem Garten im monastischen

Leben eine größere Bedeutung zuwachsen sollte, als

es der hl. Benedikt noch in seiner Regel bedachte. im

Kapitel 66 wird der Garten nur nebenher als Arbeitsstätte

 erwähnt; ähnlich wie das Wasser oder die Mühle

 solle er sich innerhalb der Klostermauern befinden.

damit die Mönche nicht draußen herumlaufen müssen,

 wdenn das ist für ihre Seelen durchaus nicht zuträgllchu.

 Es spricht daraus keine Geringschätzung

des Gartens. vielmehr gewinnt ein Verständnis Raum.

das im monastischen Garten über den Nutzen seiner

Kräuter hinaus auch zusehends eine friedvelle und

keineswegs so eingeengte Stätte der Sammlung. eine

iwÖkonomie des Herzensu erblicken konnte. Bereits

Beda Venerabilis (672-735) setzt in seinem Kommentar

 zum Hohen Lied bei Betrachtung der Lilienschönheit

 das i-otium internae contemplationisti mit allem

Nachdruck der dornenvollen Weltarbeit. der niabor

praedicatlonisu im Weinberg des Herrn. entgegen. So

stellt sich von der Frühzeit des Christentums an der

klösterllche Garten metaphorisch als kontemplative

nHerzenseröffnungr. als Sinnbild der Seele in mönchischer

 Einkehr dar. worin der Abt als Gärtner. als Seelenarzt

 tätig ist! Eben weil die Gartenpflege auch als

Mittel gegen die Unlust der Seele (acedla) angesehen

wurde, eignet dem frühen klösterlichen Kräuter- und

Medizingarten auch eine sublimierte Heilwirkung. So

zeigt sich hier immerhin eine Facette des Heilens und

Bewahrens. die dem irdischen Garten im Kloster als

paradiesischem Abglanz eines höheren Heils zukommt.

 Unter diesem Aspekt ist auch zu verstehen.

daß schon Augustinue die Übertragung von Gartengedanken

 auf die Sittenlehre verteidigt - eine Ansicht.

die gerade im 17. Jahrhundert zum Vergleich des Gartens

 mit einem Buch führte. dessen Schönheit zu viesenr

 sei. ja es können zum Zwecke der Erziehung xdie

Gaerte zu rechten Buechern der Weißheit gemacht

werdenui Als ein vielsagender Beleg für diese Gedankentradifion

 zeigt das 1636 gestochene Exlibris des

Abtes Albert lll. Keuslin (1626-57. Vorgänger Amand

Pachlers) unter dem Motto iiConservando crescotl (Indern

 ich bewahre. wachse ich) das gärtnerische Wirken

 des Abtes im iiGartenw der Klosterbibliothek'

(Abb. 1). Nicht ohne Humor erinnern die schaffenspendenden

 Abdeckungen über den besonnten Beeten

 an bewahrende Buchdeckel. während der Gärtner

im allegorischen Schutz von Religio und Wissenschaft

(Minerva) die Pflanzen wässert. Diese Wechselwirkung

 sammelnden Hegens von Büchern und der gärtnergleichen

 Obscrge des Abtes ist für den geistlichirdischen

 Garten von St. Peter von grundsätzlicher

Bedeutung. So wendet sich Amand Pachler im letzten

Kapitel der Heiligenvita abermals an die iireine Liliell

im Garten der Kirche - also an den hl. Vltalis selbst.

Es solle diese Lilie (entsprechend ihrer pharmakologischen

 Anwendung. z, B. als Antidotum gegen Schlangenglft)

 immer ihre geistige Heilkraft erweisen und im

Salzburgischen Garten gegen Unreinheit und giftige

Krankheit von Seele und Körper wirken. Als YYATZi des

ewigen Heilsw wird endlich Vitalis in seiner Eigenschaft

 als Abt von St. Peter beschworen; nGieße das

Gärtlein deines Klosters. auf daß weder die Rose noch
            
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