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Full text : Alte und Moderne Kunst XXVII (1982 / Heft 183)

sich in diesem kurzen Schriftstück. Sein und seiner Bruderschaft

 Leben soll in vollkommener Armut vollzogen

werden. Wie Christus zur Zeit seines Wirkens keine

Wohnung hatte, so lehnt auch Franziskus für sich und

seine Anhänger das festgefügte Ordenshaus ab. wDie

Brüdersollen sich hüten, wosie auch sein mögen, sei es

in Einsiedeleien oder sonstwo, sich eine Niederlassung

anzueignen oder sie einem anderen streitig zu machen.r'



In der Lebensregel der Brüder in Einsiedeleien heißt es:

"Die Brüder sollen einen umgrenzten Wohnbezirk haben,

 in dem ein jeder seine Zelle haben kann, in der er

betet und schläft-P

Das wKloster-i der ältesten franziskanischen Siedlungsweise

 sollte demnach ein Platz in der Natur sein, zumeistan

 einem Ort,wcidie Natur in ihrerganzen elementaren

 Kraft begriffen werden kann. Es bestand aus Felshohlen

 oder gesondert gebauten Einzelbehausungen

aus Lehm und Astgeflecht. verstreut. zumeist um eine

Kapelle als Mittelpunkt gelagert. so wie es etwa die umgrenzten

 i-Wohnbezirkeu um das Portiunkula-Kirchlein.

auf dem Berg Aiverna, bei den Carceri oder in Celle, den

DZGHGFN bei Cortona waren.

Anders verhielt es sich bei den Frauen. Denn lehnte

Franziskus für sich und die seinen jeden festen Wohnsitz

 ab, so verschloß er Klara und die ihr nachfolgenden

Schwestern um 1212 für immer hinter den Mauern von

San Damiano. Diese klösterliche Niederlassung bestand

 aus dem Kirchlein. das Franziskus selbst instand

gesetzt hatte, darum wurden zwei kleine Räume geschaffen.

 die als Dormitorium und Oratorium dienten,

währenddem als Refektorium und Krankenstube der

kleine. in situ vorhandene praeromanische Komplex

verwendet wurde?

Armut galt auch hier als oberstes Gebot.

Der Gedanke der Armut, der sich aus dem Wollen des

hl. Franziskus ergab, die absolute Nachfolge Christi anzutreten,

 bestimmte sein Leben und sein Wirken. Mit

fortschreitender Bewußtheit setzte er sich mehr und

mehr zum Ziel, dem armen, nackten, demütigen und

schließlich gekreuzigten Christus zu folgen. im Erleben

der Stigmatisation am Berge Aiverna erreichte er die

seelische und körperliche Vereinigung mit Christus.

"Zwei Jahre bevor Franziskus seine Seele dem Himmel

zurückgab, weilte er in einer Einsiedelei. die nach dem

Ort. wo sie gelegen ist, Aiverna heißt. Da sah er in einem

Goltesgesicht einen Mann über sich schweben. einem

Seraph ähnlich. der sechs Flügel hatte und mit ausgespannten

 Händen und aneinandergelegten Füßen ans

Kreuz geheftet war. Zwei Flügel erhoben sich über seinem

 Haupt. zwei waren zum Fluge ausgespannt, zwei

endlich verhüllten den ganzen Körper. Als der selige

Diener des Allerhöchsten dies schaute, wurde er von

übergroßem Staunen erfüllt, konnte sich aber nicht erklären,

 was dieses Gesicht bedeuten solle. Große Wonne

 durchdrang ihn, und noch tiefere Freude eriaßte ihn

über den gütigen und gnadenvollen Blick, mit dem er

sich vom Seraph betrachtet sah. dessen Schönheit unbeschreiblich

 war; doch sein Hangen am Kreuz und die

Bitterkeit seines Leidens erfüllte ihn ganz mit Entsetzen.

Und so erhob er sich. sozusagen traurig und freudig zugleich.

 und Wonne und Betrübniswechselten in ihm miteinander.

 Er dachte voll Unruhe nach, was dieses Gesicht

 wohl bedeute. und um seinen innersten Sinn zu erfassen.

 ängstigte sich sein Geist gar sehr. - Während

er sich verstandesmäßig über das Gesicht nicht klar zu

werden vermochte und das neuartige an ihm stark sein

Herz beschäftigte. begannen an seinen Händen und Füßen

 die Male der Nägel sichtbarzu werden in der selben

Weise, wie er es kurz zuvor an dem gekreuzigten Mann

über sich gesehen hatte.

Seine Hände und Füße schienen in ihrer Mitte mit Nageln

 durchbohrt, wobei die Köpfe der Nägel an den Handen

 auf der inneren und an den Füßen auf der oberen

Fläche erschienen, während ihre Spitzen sich an der

Gegenseite zeigten. Die Male waren nämlich an der Innenseite

 der Hände rund, an der Außenseite aber länglich.

 Es kam ein Stückchen Fleisch zum Vorschein, das

über das andere Fleisch hinausragte, gleich als ob die

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Spitze der Nägel umgebogen und umgeschlagen sei. In

der selben Weise, über das andere Fleisch hinausstehend,

 waren auch an den Füßen die Male der Nägel eingedrückt.

 Fernerwar die rechte Seite wie mit einer Lanze

 durchbohrt und zeigte einevernarbte Wunde, ausder

häufig Blut floß, so daß sein Habit und seine Hose oftmals

 mit heiligem Blut getränkt wurden.iir'(Vgl. Abb. 1 .)

"Franziskus. mit Christus dem Fleische und dem Geiste

nach ans Kreuz geschlagen. erglühte nicht allein in seraphischer

 Liebe zu Gott, sondern dürstete auch mit

Christus dem Gekreuzigten danach. daß eine große

Schar gerettet werderi, schrieb Bonaventura."

Was Bonaventura erahnend ausdrückte. formulierte

Franz von Meyronnes (1288 - 1327128) deutlich: ihm.

wie Bonaventura, ist riFranziskus der Engel des sechsten

 Siegels, der von Sonnenaufgang ernporsteigende

Engel mit den Zeichen des lebendigen Gotteser. Darüber

hinaus aber istfür Franz von Meyronnes Franziskus das

Bild des gekreuzigten Christus. Die Ähnlichkeit zwischen

 Christus und Franziskus sieht Franz von Meyronnes

 bereits im Alten Testament vorgebildet. wÄhnlich

wie Adam nach seinem Bild und seiner Ähnlichkeit den

Seth zeugte, zeugte im Neuen Testament Christus Jesus.

 der zweite Adam nach der Lehre des Apostels, einen

 einzigen Sohn, nämlich den seligen Franziskus

nach seinem Bild, was die Seele oder den Geist betrifft,

und nach seinerÄhnlichkeit, was den Leib anlangt, dem

er dann die Abgestalt der hl. Stigmata einprägteß

Franziskus war zum rinovus Christusri, zum wiedererstandenen

 Christus geworden. Und daher mußte ihm.

so wie Christus über Golgotha, der Schädelstätte. eine

riesige Grabeskirche errichtet werden.

Als Platz für die Grabeskirche des innigsten Nachfolgers

 Christi wählten die Brüder unter der Führung des

Elias von Cortona einen Flecken am Rande von Assisi,

der bisher Höllenhügel genanritworden war. da hier die

Hinrichtungen stattfanden. Der Hügel sollte durch die

Übertragung der Gebeine und der Errichtung einer

mächtigen Grabeskirche, gleich der, die Christus auf

Golgotha errichtet worden war, zu einem Paradieshügel

werden. Und so wie Christus, zurückgekehrt in sein

Reich. in der Glorie des Vaters schwebt. soll Franziskus

im Fresko der Unterkirche als wGloriosus-i verherrlicht

werden.

Die lmitatio Christi des hl. Franziskus, die bis zur Identificatiogeführt

 hatte. fand in dem mächtigen Grabesbau

ihre logische Vollendung -zu einerZeit, da Bonaventura

 weiterhin an der einfachsten Bauweise für franziskanische

 Kirchen gemäß dem Gebot des Ordensgründers

festhielt.

Franziskus setzte entgegen der bisherigen, durch römisch-benediktinischeTradition

 getragenen Huldigung

dergöttliche Maiestätdiefromme Betrachtung des göttlichen

 Sohnes und beschäftigte sich vor allem mit der

Menschwerdung und dem Leiden Christi: vSo sehr betrachtete

 und erwog der selige Franz das Leiden des

Herrn, daß er es verdiente, gekreuzigt zu werden. Seine

erhabenste Auszeichnung bestand darin. daß er durch

die Einprägung der heiligen Wundmale zum Abbild des

Gekreuzigten umgestaltet wurden")

Nicht Franziskus. doch die ihm Nachfolgenden bedurften

 für das meditative Versenken in Christus, einer

Frömmigkeifshaltung. die es bislang nicht gab. eines

Mittlers. Mittler aber war das Bild. Eine Bildtafel. die in

der abendländischen, römisch-benediktinischen Tradition

 fehlte, da sie im Kirchenraum bisher ohne Funktion

war. Mosaiken oder Malereien an den Kirchenwänden

stellten die szenischen Folgen der Historien der Testamente

 oder der Heiligenvilen dar.

Nun aber war das Verlangen nach einem wKultbildii gegeben,

 wurde doch Christus in ganz neuer Weise gesehen.

 Christus ist nicht mehr Gott, der allerhöchste Herr.

der selbst am Kreuz in majestätischer Haltung mit dem

Gesicht des Pantokrators steht und die Huldigung fordert.

 er istvielmehr in seinerMenschwerdung uns in Liebe

 ganz nahe gekommen und es heißt ihm zu begegnen,

ihn zu erfassen - in der Meditation, im Gebet, das bis

zur iiuniorr mit ihm führt. Der Typus des sieghaften, triumphierenden

 Christus wird vom Typus des leidenden,

2 Tafeikreuz, dalmatinisch, Ende 12. Jahrhundert. Zadar.

Franziskanerkloster

Anmerkungen 4 - 10

t Ebenda. -Die nicht bSStällgiE Regel des Minderbrüderordens-r, s es.

' Ebenda. was Leben der Brüder in EIVISIEGEIEIEYIK, 5 so

- Vgl Rbrrianini Anglola Maria, nie Architektur der ersten NinZlSkanl-Serien

 Niederlassungen, in Kai soo Jahre Franz von Asstsls. D . s 404

bis M l.

r rribmas von celanb. Leben und Wunder des ni. Franziskus vbn Assisi.

'WeriIWestf l964. S i62- iS3

' Franziskus. Engel dessechslen Siegels, Sßtri Leben nach den Schlitten

G95 Vll Bonaventura, WeriiWeslt 1952, S, 375

' FloßrrianmH, Derril Franziskus vonAssisialsAbbildChristi in derSicht

des Franz von Meyronnes in Franziskan. Studien, 1978, S. 168- 185.

"' Ebenda, S. i78
            
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