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Full text : Alte und Moderne Kunst XVIII (1973 / Heft 130 und 131)

Katsushika Hokusai (1760-1849) ist wohl als der

im Westen am meisten bekannte japanische

Künstler anzusprechen, eine geniale, von Unruhe

 erfüllte Persönlichkeit, die oftmals ihren

Künstlernamen wechselte und eine fast unglaubliche

 Arbeitsleistung vollbrachte. Von Hokusai

stammen rund 30.000 Zeichnungen und Illustrationen

 zu 500 Büchern, wobei er in seinem

Werk Anregungen von den alten Malschulen

Chinas und Japans sowie von Europa, dem er

die Anwendung der Zentralperspektive verdankte,

 zu einer ganz persönlichen künstlerischen

Aussage vereinte. Der Natur in ihren sämtlichen

Erscheinungsformen, gleichgültig ob schön oder

abstoßend, auf das tiefste verbunden, erschien

ihm alles gleich darstellenswert, die Wiedergabe

 des alltäglichen Lebens mit signifikanten,

realistischen Figuren, denen häufig eine humorvolle

 Note anhaftet, Blumen, Vögel usw., vor

allem aber die Landschaft, die vor Hokusai in

der Holzschnittkunst vernachlässigt worden war.

In der Erschließung der Landschaft, die eines der

ältesten und wichtigsten Anliegen innerhalb der

fernöstlichen Kunst bedeutet hatte, für die Druckgrafik

 folgte ihm der jüngere, nicht weniger berühmte

 Ando Hiroshige (1797-1858), zunächst

noch in Anlehnung an das Vorbild Hokusais,

bald aber mit eigenen Gestaltungsprinzipien.

Gleich dem älteren Meister beschäftigte ihn

nicht ausschließlich dieses Thema, obwohl der

Landschaftsdarstellung seine Vorliebe galt, in

der er wie Hokusai kein ldealbild, sondern die

künstlerische Umsetzung tatsächlich vorhandener

Szenerien anstrebte. Beiden Künstlern gemeinsam

ist neben einer Abkehr von idealisierenden Vorstellungen

 in der Wiedergabe der Menschen der

Einbezug europäisch-perspektivischer Stilmittel in

die ostasiatische Formenwelt. Hiroshiges Landschaften

 lassen ein intensives Naturstudium erkennen

 - das gilt auch für die anderen

Schöpfungen -, allerdings fehlen ihnen die bei

Hokusai gelegentlich anklingenden, untergründigen

 und symbolträchtigen Züge. Seine Arbeiten

sind vielmehr erfüllt von Stimmungsgehalten, die

unmittelbar an allgemein menschliche Empfindungen

 appellieren.

Diese Zeilen sollen jedoch nicht die künstlerischen

 Phänomene Hokusai und Hiroshige behandeln,

 vielmehr geht es darum, einen Hinweis zu

geben, wieweit das Österreichische Museum für

angewandte Kunst zur Verbreitung der Kenntnis

 um sie beigetragen hat.

1932 fand eine vom Verein der Freunde asiatischer

 Kunst und Kultur in Wien gemeinsam mit

der Grafischen Sammlung Albertina veranstaltete

 Ausstellung ostasiatischer Malerei und Grafik,

 12. bis 19. Jahrhundert, statt, die u. a. eine

Fülle an japanischen Holzschnitten enthielt, die

aus der Albertina und überwiegend von privaten

 Sammlern stammte. Daß das Österreichische

 Museum, obwohl es bereits eine beachtliche

 Sammlung japanischer Drucke besaß,

nur wenige Blätter beisteuerte, mag an der Auswahl

 gelegen haben und vielleicht auch daran,

daß man sich der Bedeutung dieser Bestände

und der vergangenen Verdienste des Österreichischen

 Museums um den japanischen Holzschnitt

 in Mitteleuropa nicht mehr bewußt war.

So schrieb der bedeutende Kenner Julius Kurth

(Berlin) in seiner Einleitung zum Katalog: „Der

Japanholzschnitt hat sich Sdwritt für Schritt das

Interesse des deutschen Sprachgebietes erobert.

Staatssammlungen wetteiferten mit Privatsammlungen,

 um weitere Kreise für ihn zu gewinnen,

und das Dresdner Kupferstichkabinett begann

1897 mit dem Reigen der Ausstellungen. Berlin

folgte 1905, Wiesbaden 1908, besonders fruchtbar

 aber war das folgende Jahr, in dem Hamburg,

 Frankfurt a. M. (Sammlung Straus-Neg-2



baur), München und noch einmal Berlin (Sammlung

 Mosle) auf den Plan traten. 1912 kam Berlin

 zum dritten Male, 1927 lnsterburg, 1928 Zürich

 . .. Auf österreichischem Boden hat erst

einmal eine Ausstellung stattgefunden, und zwar

1913 in Prag (Sammlung Bouska, Katalog tschechisch).

 Nun endlich erscheint auch Wien!"' Die

avantgardistischen Leistungen österreichischer lnstitutionen

 auf diesem Gebiet waren in Vergessenheit

 geraten oder völlig unbekannt geblieben.

Die Wiener Secession hatte dem japanischen

Farbholzschnitt viel zu verdanken - eine Ausstellung

 der Bibliothek des Österreichischen Museums

 stellt diese Beziehungen derzeit anschaulich

 unter Beweisz -, und gerade in den entscheidenden

 Jahren um 1900 hatten in Österreich

Künstler und Publikum des öfteren Gelegenheit,

japanische Buntdrucke im Original kennenzulernen.

 Den Auftakt bildete im Juni 1899 eine Exposition

 des Gewerbemuseums in Brünn mit japanischen

 Originalaquarellen, Farbhalzschnitten

 und Färberschablonen. Insgesamt über 500

Blatt, die von S. Bing, Paris, R. Wagner, Berlin,

E. Arnold, Dresden, R. Forrer, Straßburg, und

aus dem Österreichischen Handelsmuseum stammten".

 Im September desselben Jahres folgte das

Österreichische Museum in Wien mit rund 150

Blättern der bedeutendsten Meister, wie Harunobu,

 Shunsho, Eishi, Utamaro, Hokusai und

Hiroshige, Leihgaben der Königlich-Sächsischen

Hof-Kunsthandlung E. Arnold zu Dresden '. Damit

 fiel dem Österreichischen Museum das Verdienst

 zu, „das Publicum in den Genuß dieser

merkwürdigen Kunst eingeführt" zu habens Bei

dieser Gelegenheit wurden für die Bibliothek

des Hauses auf dem Stubenring 27 Blätter erworben

 6, darunter zwei von der Hand Hokusais

und acht von Hiroshige, ein bescheidener Anfang

 für das heute in der Kunstblättersammlung

einen breiten Raum einnehmende und mit hervorragenden

 Beispielen vertretene Werk beider

Künstler.

Im Frühjahr 1900 gestaltete die Secession ihre

6. Ausstellung ganz im Zeichen Japans mit

Objekten aus dem Besitz des in Berlin lebenden

Wiener Sammlers A. Fischer, wobei wiederum

neben den Schöpfungen von Harunobu, Koryüsai,

 Masanobu, Kiyonaga und Utamaro auch

Arbeiten Hokusais und Hiroshiges zu sehen

waren', die sicher großen Anklang fanden,

denn schon 1899 hatte „der Realist, der

,Menzel' Hokusai, neben dem genialen Landschafter

 Hiroshige den Vogel abgeschossen, die

Meister des viel japanischeren XVlll. Jahrhunderts

 und der fruchtbare Übergangsmensch Utamaro

 waren ihnen bei den Wienern nicht gewachsen".



Als der hundertjährige Todestag Hokusais 1949

einen willkommenen Anlaß bot, veranstaltete

das Britische Museum eine großangelegte Schau,

„. .. the first apportunity for the European public

to see his work in its fuII range, for a generation"".

 Der Autor des Kataloges B. Groy zog

Vergleiche zu den älteren Ausstellungen und

kam zu dem Schluß, daß die Hokusai Exhibition

in London , . may be the most fully representative

 exhibition hitherto heldw". Diese Annahme

 bezog sich auf Boston 1893, Tökyö 1900,

Paris 1913 und London 1924, die wichtigste und

bis heute unerreichte Hokusai-Dokumentation,

die auch sonst in der einschlägigen Literatur

keine Erwähnung findet, Wien 1901, fehlte. Einer

Idee des Kunstkritikers A. Friedmann folgend,

hatte in diesem Jahr nämlich die Wiener Kunstund

 Verlagshandlung E. Hirschler 8. Camp. mit

Unterstützung von S. Bing in Paris eine Ausstellung

 „Werke Hokusais" zustande gebracht,

die Rollbilder, Zeichnungen, Farbholzschnitte -

mehrere Serien wurden komplett vorgestellt -



und Bücher umfaßte, mit 630 Katalognui

der bis heute umfangreichste Überblick in

Exposition, die überdies in Europa die

ausschließlich dem Meister gewidmete Veri

tung war". Ort des Ereignisses war das

reichische Museum, dessen Pioniertat i

Folgezeit leider nicht die gebührende Beafand.



Wenige Jahre später, 1905 strömten 28.57

sonen zu einer „Ausstellung von älteren j

schen Kunstwerken" in dos Österreichisch

seum, die eigene Objekte, solche des

reichischen Handelsmuseums und von Privat.

lern darbot, vor allem auch aus der Koll

Heinrich von Siebolds, eines Sohnes des b:

ten deutschen Arztes, Forschers und Reis

Philipp Franz von Siebold (1796-1866), d

österreichischer Diplomat in Japan tätig

sen war". Unter den vielen Exponaten

eine eigene Sektion der Entwicklung des

schnittes bis zu Hokusai und Hiroshige vor

ten, die innerhalb weniger Jahre nunmehr

bedeutende Zurschaustellung japanischer

drucke im Haus auf dem Stubenring, d

weist, daß Wien keineswegs abseits der

meinen Zeittendenzen stand, sondern ir

genteil eine führende Position innehatte. (

zeitig nahm das Museum die Möglichkeit

von Freiherr von Siebold 516 farbige Holz

te - unter ihnen Blätter von Hokusai -

kaufen ".

Somit waren bereits zu Anfang unseres

hunderts die Grundlagen geschaffen w

einerseits um das Interesse an der fernös

Holzschnittkunst zu wecken, und ariden

um dem japanischen Holzschnitt in Zukun

Platz zu sichern, der ihm innerhalb einer

blättersammlung vom Rang der des

reichischen Museums zukom, das seit

Gründung 1864 ganz bewußt auch die

Ostasiens in den Aufgabenbereich seiner!

lungen miteinbezogen hatte.

Die Übernahme der künstlerisch wert

Kollektionen aus dem Österreichischen Ha

museum 1907, die tausende asiatische O

enthielten, vermehrten die Bestände an ji

scher Grafik beträchtlich". Ein größere

wachs war weiterhin 1919 zu verzeichnen,

dem Legat von R. Lieben mit 110 Farbholz

ten, mit großteils späten Drucken, u. a. au:

Hokusai und Hiroshige.

Trotz dieser vielversprechenden Anfänge d

es allerdings noch geraume Zeit, bis der

schnittsammlung des Museums die ihr geb

de Aufmerksamkeit geschenkt und der Ws

Vorhandenen erkannt wurde. Das lag t

daß das Museum über keinen eigenen Sacl

beiter für Ostasien verfügte, ein bedaue

Umstand, der erst in den dreißiger Jahn

dem Eintritt von Dr. V. Griessmoier i

Sammlungen, dem nochmaligen Direkto

Hauses, ein erfreuliches Ende fand. Ihm l

Aufnahme der wissenschaftlichen Bearb

und vor allem der Ausbau der Holzschnittl

tion zu verdanken. So muß von den Anl

aus Privatbesitz und bei öffentlichen Ver:

rungen im Hinblick auf unser Thema d

werbung der „53 Raststatianen des Töl

von Hiroshige 1939 oder von Werken Ha

1943 gedacht werden. Die wertvollste und g

Erweiterung aber brachte die einzig

Schenkung Anton Exners aus den Jahrer

und 1946, von der mehr als 800 Numme

chinesischen und japanischen Holzschnitte

einen Teil der Gesamtwidmung ausmachte

bei Hokusai und Hiroshige besonders rei

tig vertreten waren.

Die Kriegswirren und die Jahre danach m

lagerung und Rückholung der Objekte
            
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