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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVIII (1883 / 208)

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tern und Persern noch die Saulen gleichmäßig im Raum vertheilt waren, und wie von 
den Griechen an das lnterieur sich in ein breiteres Mittelschiff und schmalere Seiten- 
schiffe gliedert. 
Diese Theilung wird in allen folgenden Stylen durchgeführt, nur immer erweitert 
und vergrößert, zunachst in den römischen und altchristlichen Basiliken. wo aber die 
hölzerne Decke die Dauerhaftigkeit des Baues schadigt. Darum fand das Gewölbe immer 
ausgedehnter: Verwendung. Es wird dessen Einfluss auf die Gliederung des Raumes darv 
gestellt und die Entwicklung an den römischen Thermen, am Pantheon, der Sophien- 
kirche und Markuskirche nachgewiesen. Die Verbindung der Gewölbe mit jenen altchrist- 
liehen Basiliken, die aus den eminent praktischen Gründen der Sicherung des Baues er, 
folgte, führt zum romanischen Styl, dessen machtige Pfeilermassen aber unwiderstehlich 
zur Gothik dringen, in der endlich der günstigste Ausgleich gefunden war, zwischen 
möglichst freier und durchsichtiger Raumesgestaltung, elementarsicherer Decke und mögr 
lichster Oekonomie des Aufwandes. 
Mit der Gothik war die Steintechnik am Ende ihrer Entwicklung angelangt: es trat 
die Renaissance ein, an deren Anfang der bedeutendste Raum aller Zeiten in der Peters- 
kirche erstand. Ein Rückblick auf die Raumesentwticklung zeigt uns zwei nebeneinander- 
laufende Processe: Der erste geht vom Nilthal aus und schließt mit dem Kölner Dorn; 
ihm liegt die Steinarchitektur zu Grunde, sowie der EinHuss bescheidener Mittel 
und des nordischen Klimafs; der andere Process beginnt in der Ebene des Euphrat und 
Tigris und endigt mit der Peterskirche; dieser entwickelt sich aus dem Thone, der 
Backsteinarchitektur; er ist an den glanzendsten Hofen der Welt großgezogen, 
unter beständigem Ueberßuss und unter dem herrlichsten Klima Jener entwickelt die 
Form, dieser den Raum. 
Der Vortragende wirft noch einen Blick auf die Gegenwart, in deren chaotischen 
Kunstbegrilfen er ein Uebergangsstadium erkennt. Dieses wird hervorgerufen durch 
das Auftreten eines neuen Materials. des Eisens, des an allen Traditionen der Vergangen- 
heit rüttelt. Doch kann dasselbe in der Monumental-Baukunst vorlauhg nur verhüllt: 
Anwendung finden, zur Erweiterung und Vergrößerung der Raume, die es zugleich mit 
elementarsicherer Decke versieht, - die Architektur selbst muss sich aber an die alte 
überlieferte Steinarchitektur anlehnen, um so eher, als das Bedurfniss nach etwas Neuem 
nicht vorhanden ist. Nur auf diesem Wege, den auch die neuen Monumentalbauten 
Wiens betreten haben, ist ein Fortschreiten der Bautechnik möglich, ohne dass die 
Kunst darunter leidet. 
Auch dieser eminent lehrreiche Vortrag wurde von den zahlreichen Zuhörern mit 
lebhaftem Beifall aufgenommen. 
Literaturbericht. 
Rafiray, Achille: Les eglises monolithes de la ville de Lalibela (Abys- 
sinie). Paris, V" A. Morel 8c Comp., 1882. Fol. 
Bei der Ueberfulle von Publicationen, welche bereits bekanntes kunsthistorisches 
Material mit einigen Variationen immer wieder behandeln, kann ein Werk wie das vor- 
liegende schon deshalb einen besonderen Werth für sich in Anspruch nehmen, weil es 
ein bisher ganz unbekanntes Gebiet der Kunstforschung erschließt. Vor etwa zehn Jahren 
war zum ersten Male in französischen Zeitschriften die Rede von einer christlichen Mo- 
nolithkirehe und nun bringt uns Ralfray die Kunde und die Bilder von etwa zehn ahnlichen 
Bauten, ia er verweist sogar auf die ihm zu Theil gewordene Anzeige, dass im abessynischen 
Gebiete ihrer noch gegen 200 sein sollen. Die von ihm beschriebenen und gezeichneten 
Kirchen befinden sich in der kleinen Priesterstadt Lalibela, die von einem Mnnche be- 
herrscht in der Provinz Lasta abseits alles Verkchles liegt. Sie bilden einen um seiner 
Wunderthatigkeit hochverehrten heiligen Bezirk und sind thatsaehlich ganz aus dem 
Felsenblock, der mitten in einer Art Steinbruch ausgespart wurde, gemeißelt: die Um- 
fassungswande, die umgebenden und die im lnnern die Decke tragenden Pfeiler, die 
Bogen, welche über scharf vorspringenden Kämpfern unter der (lachen Decke von Pfeiler 
zu Pfeiler gehen, alles aus dem lebendigen Felsen gearbeitet. An diesen Bautlieilen und 
an dem Ornamente derselben, an den Thür- und Fensterötfnungen, überall zeigt sich 
das bindende, eigentlich stylbildende Element des verwendeten Materiales. Witz die archi- 
tektonischen Gliederungen die denkbar einfachsten, fast auf die uuabweisliche Nothwen- 
digkeit beschrankten sind, so sind auch die decorativen Theile, Reliefs und Malerei die 
uralten ursprünglichen: Mäander, Zopfgeüecht und die simpelsten Textilmuster. Dazu 
kommt nur noch das griechische Kreuz, in der dünneren Felsenwand als Fensteroffnung
	        

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