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Full text: Alte und Moderne Kunst XXVIII (1983 / Heft 190 und 191)

 
iteres Spektrum konstruktivistischer Kunst: Mit Ent- 
"fen, Modellen und Bühnenbildern waren unterande- 
1 Exter, Stenberg, Wesnin, Lissitzky und Moholy- 
gy vertreten; gezeigtwurden aber auch Arbeiten von 
mpoiini, Leger, Tairowund dem WeirnarerBauhaus. 
"russische RegisseurMeyerholdderin derAusstel- 
g mit einerwkonstruktivistischen Szenerieu vertreten 
', wurde damals in Wien erwartet und sollte von hier 
. eine Europatournee beginnen. Der Theoretiker 
op-Miller schrieb aus diesem Anlaß für die Neue 
ie Presseein langes Feuilleton überdas revolutionä- 
ussische Theater (24. September 1924). Auch in ei- 
von der Nationalbibliothek in der Albertina veran- 
teten Ausstellung moderner Bühnenbildentwürfe 
de ein wichtiger Beitrag zur russischen Theater- 
trm gezeigt und zwar stammten die Stücke aus der 
nmlung der in Paris lebenden russischen Malerin 
alie Gontscharowa. Sie ließen erkennen, berichtet 
Rezensent der Arbeiterzeitung, wo die Wurzeln für 
neue konstruklivistische Gliederung des russischen 
iaters liegen,dieinWesteuropa sovielAuirnerksam- 
findet (27. September 1924). 
ion diese wenigen Beispiele zeigen, daß Kiesler sei- 
zonstruktivistische iiFtaumbühneci nicht in einen YIIUH- 
'enii Raum gestellt hat; wie die verschiedenen Zei- 
gsberichte erkennen lassen, wurde sie mit dem zeit- 
össischen Geschehen in Zusammenhang ge- 
cht, verglichen, gelobt und auch kritisiert: BDaS 
iptstück der Ausstellungii, liest man in der Wiener 
:ungvom6.September1924,riaberistundwirdwohl 
h bleiben die Raumbühne, oder, wie ich sie lieber 
nen würde, die Turmbühne. Die Kieslerische Kon- 
iktion brichtam konsequentesten mitder alten Über- 
erung, geht weitervon derGuckkastenbühne ab, als 
)st die radikalsten Russenß Die Neue Freie Presse 
ichtet am selben Tag, daß Kieslers Arbeit ilunter den 
en bühnentechnischen Neuerungen der letzten Zeit 
ondere Beachtung-t verdient. Wenige Tage später 
digt die Wiener Zeitung (10. September) die erste 
führung traut der neuartigen Raumbühne Kieslers 
die nach russischem Vorbild  installiert ist.ii 
t am 4. Oktober ist zu lesen: riDas vielumstrittene 
inenmodell im mittleren Konzerthaussaal ist zum er- 
t Mal öffentlich ausgeprobt worden und hat seine 
iertaufe mit Ehre überstandenxi Die Hinweise auf 
russische Vorbild bestehen zu recht, aber auch die 
nung, daß der Architekt über diese Anregungen hin- 
geht. KieslerverbindetinderRaumbühneeineneue 
izeption vom Verhältnis des Schauspielers zum Zu- 
auer mit einer tatsächlich bespielbaren Konstruk- 
, die gleichzeitig Theatermodell, Bühnenbild und 
struktivistisches Objekt ist." Während in Wien 
tr die neue Theaterkonzeption beachtet wurde und 
Diskussion anregte, waren die Mitglieder der kon- 
iktivistischen Avantgarde vor allem auch von den 
formalen Aspekten dieses Werkes begeistert. Auch bei 
der ein Jahr später in Paris gezeigten "Ftaumstadtk wies 
Kiesler der autonomen raumplastischen Gestalt seiner 
Konstruktionen eine überragende Bedeutung zu, wäh- 
rend ihre eigentliche Funktion als Träger für Ausstel- 
lungsobjekte zurücktrat. Aul Grund dieser mehrdeuti- 
gen Stellung müssen Kieslers Arbeiten sowohl als Bei- 
trag zur Architektur- und Theatergeschichte als auch 
zurKunstgeschichtederZwischenkriegszeit behandelt 
werden. Es manifestiert sich hier ein die Grenzen zwi- 
schen den Kunstgattungen ignorierender Gestaltungs- 
wille, der für die Avantgarde dieser Jahre charakteri- 
stisch ist und der die traditionellen kunsthistorischen 
Ordnungsbegriffe sprengt. 
Neben der hier angeführten positiven künstlerischen 
und theoretischen Auseinandersetzung mit dem russi- 
schen Konstruktivismus verdient auch eine negative 
Reaktionaufdiese Kunst Beachtung. DerWienerVerlag 
Anton Schroll brachte 1930 das Buch EI Lissitzkys über 
die neue Architektur in der Sowjetunion heraus, ein 
wichtiger Beitrag zur Verbreitung der neuen revolutio- 
nären ldeen." Die in dieser Publikation enthaltenen 
utopischen Architekturkonzepte und die damit verbun- 
denen theoretischen Überlegungen führt Hans Sedi- 
mayr im vVerlust der Mitten als prägnantes Beispiel für 
jene Tendenz zur Aufhebung der tektonischen Grund- 
strukturder Baukunst an, die mit dertranzösischen Re- 
volutionsarchitektur einsetzt, Für den Kunsthistoriker 
handelt es sich dabei um eine Abkehrvon so fundamen- 
talen Prinzipien, daß er darin seine Theorie vom Verfall 
der europäischen Kunst und Kultur voll bestätigt sieht. 
Die Angriffe gegen die russischen Architekturentwürfe 
zielen vor allem gegen die in Lissitzkys Texten geforder- 
te Überwindung der Erdgebundenheit und der Sc 
kraft." Während Sedlmayr dagegen polemislert, i 
radediese Ideeeinzentrales Anliegen in Kieslersl 
von der frei im Raum schwebenden Stadt, die er 
Pariser Kunstgewerbeausslellungvon 1925 alssti 
loses von der Decke herabhängendes Gebilde m 
haft realisiert hat's (Abb. 6). 
Sedlmayr erkannte nicht die geistige Verwandte 
zwischen der radikalen Abstraktion seiner auf stri 
analytischem Denken aufbauenden Konzeption 
"exakten Kunstwissenschaftii und dem struktu 
Gestalten der nach objektiver Wesenserkenntnis 
benden geometrischen Kunst. Er hat durch seine 
kale Ablehnung der ungegenständiichen und b 
ders auch der konstruktivistischen Gestaltuni 
Durchsetzung der neuen Formideen nach dem Zvi 
Weltkrieg sehr behindert. Während Tietzes Befü 
tung dieser künstlerischen Konzepte vor allem auf 
gesellschaftspolitischen Ideen ruhte, war es wohl 
dediese Komponente. die Hans Sedlmayrs ablehr 
Haltung wesentlich beeinflußt hat und dies trot 
Ähnlichkeit in der formalistischen Konzeption. S 
währen gerade die beiden gegensätzlichen Posit 
in der kunstwissenschaftlichen Diskussion des 
schen Konstruktivismuseinen interessanten Einbl 
die spannungsreiche intellektuelle Situation im 
der Zwischenkriegszeit. 
Stand bisher die Rezeption der osteuropäischen i 
im Vordergrund, so sollen in der Folge einige Bei: 
fürdie Auseinandersetzung mit den westeuropäisi 
vorallem holländischen Formen geometrischen Gl 
tens besprochen werden. Auch auf diesem Gebie 
die Suche überraschend fündig und läßt noch ma 

	        

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