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Full text: Alte und Moderne Kunst XXVIII (1983 / Heft 190 und 191)

sches Beispiel für die damals in Ost und West verbreite- 
te Tendenz sind. den massiven Baukörper durch geo- 
metrische Platten aufzulösen. Plischkes Konzept steht 
in diametralem Gegensatz zur funktionalistischen Bau- 
auffassung der internationalen Architektur. Ersieht das 
Gebäude als plastisches Objekt, das zwischen bilden- 
der Kunst und Architektursteht. Leischners Brunnen ist 
ihm darin ähnlich, aber auch die ebenfalls 1923 entwor- 
fenen iiPlaniten-Projekterr Kasimir Malevitschs, die im 
Westen erstmals 1924 auf der internationalen Kunst- 
aussteliung in Venedig zu sehen waren. Rückblickend 
beschreibt Plischke diese frühen Zeichnungen als rVer- 
such einer Bauplastik, ohne konstruktive Elemente. die 
Schwere der Baumassen durch ein freies Spiel abstrak- 
ter Formen zu überwindenr. Auch die Entwürfe für die 
Wand- und Deckengestaltung dieses Gebäudes reflek- 
tieren die geometrische Kunst dieser Jahre, doch spielt 
hiereinzentrales Motiveinedieunregelrnäßigverteilten 
Formen ordnende Rolle, worin sich ein entscheidender 
Unterschied zur theoretischen und praktischen Kon- 
zeption der Holländer manifestiert (Abb. 30). Diese 
Wandgliederungen faßt Plischke als iiabstrakte Raum- 
plaStikrt auf. durch die "das Gefühl des Umschlossen- 
seins in einem Raum durch ein freies Spiel schweben- 
der Flächenrr aufgelöst werden solim In der zweiten 
Hälfte desJahrzehnts setztsich bei ihm im Rahmen kon- 
kreter Bauaufgaben die Ieingliedrige, klar strukturierte 
Bauauflassung der internationalen Architektur gegen- 
über einer schweren, manchmal zu expressiver Monu- 
mentalität neigenden Formgebung durch. die sich an 
russische Vorbilder anzulehnen scheint (Abb. 31. 32). 
Auch die in der oben erwähnten Wiener und Pariser Ar- 
chitekturausstellung gezeigten Modelle österreichi- 
scherArchitekten (Abb. 22, 23) lassen die Auseinander- 
setzung mit den neuesten künstlerischen Ideen erken- 
nen, doch fehlt auch hier eine detaillierte Auswertung. 
Die bisher bekannten Beispiele reichen aber aus. um 
auf eine intensive Beschäftigung mitder konstruktivisti- 
schen Kunst im Wien derzwanzigerJahre zu schließen, 
die bereits vor 1925 begonnen haben muß. Es wird je- 
doch weder im Katalog der Oswald-Haerdtl- noch der 
Ernst-Plischke-Ausstellung darauf hingewiesen, daß 
die jungen Architekten in ihrer Heimatstadt in diesem 
Ausmaß mit den neuesten Ideen aus Ost und West kon- 
frontiert wurden," Aus diesem Grund ist auch die Be- 
hauptung nichthaltbandaß Plischke erst im New Yorker 
Büro von E. Kahn im Jahre 1929 weine bisher nicht be- 
kannte Dimension des Bauensrr kennengelernt hat. son- 
dern er kam in voller Kenntnis der neuen Möglichkeiten 
nach Amerika." 
Nichts spiegelt das in Wien verfügbare lnformationsan- 
gebotbesserwieder als das malerische undgraphische 
Werk von Erika Giovanna Klien. Ab den frühen zwanzi- 
ger Jahren verarbeitet sie in rascher Folge und vielfälti- 
ger Durchdringung Anregungen, die von Moskau bis Pa- 
ris und von Italien bis Holland reichen. Dazu fließen 
noch Formerinnerungen ein, die aus der Tradition der 
WienerSecession stammen (Abb. 14. 33, 34). In diesem 
Zusammenhang ist eine Aussage Ankwicz-Kleehovens 
interessant: iiln der Malereirr. schreibt er zu Mondrians 
Bildern in der Secessions-Ausstellung von 1924. iigeht 
(Holland) den meisten anderen Ländern an zeitgerech- 
terGesinnung ebenfalls ein gutes Stück voran, nurman- 
gelt es scheinbar noch an wirklich überzeugenden Ta- 
lenten. Piet Mondrian stellt sich in zwei iiKompositio- 
nenrr auf den Boden des reinen Konstruktivismus. doch 
sind seine Flächenfüllungen recht mühsam undwürden 
wahrscheinlich von einem halbwegs begabten Wiener 
Cizek-Schüler mit mehr Phantasie gelöst worden 
sein?" Der Autor übersieht. daß die Arbeiten der 
Cizek-Schüler, die ihnzu diesem Vergleich veranlaßtha- 
ben, letztlich aufder Malerei Mondrians und seines Krei- 
ses aufbauen. Der Hinweis auf den Konstruktivismus 
Iäßt aber auch erkennen, daß ihm zu diesem Zeitpunkt 
die russische Kunst als Grundlage des Geometrismus 
erschienen sein dürfte, und daß erüberdie theoretische 
Konzeption der Holländer nicht Bescheid wußte. 
Die hier angeführten Beispiele zeigen, daß die intellek- 
tuelle und auch die praktische Auseinandersetzung mit 
den geometrischen Gestaltungen aus Ost und West auf 
sehr verschiedenem Niveau erfolgte. Die Übernahme 
der Formen geschah zumeist ohne Berücksichtigung 
der theoretischen, vielfach metaphysisch ausgerichte- 
ten Grundlagen, aber auch ohne die dogmatische Hal- 
tung derivGründergenerationrt. In derverbreitungspha- 
se des konstruktivistischen Gestaltens arbeiteten viele 
Künstler mit dem elementaren Vokabular mehr auf 
Grund des ästhetischen Reizes und eines Interesses an 
den neuen formalen Möglichkeiten als auf Basis einer 
politischen Konzeption odersymbolistischen Deutung. 
Es handelt sich gleichsam um eine geometrische vVul- 
gatamdiesich derphiiosophischen Basis ihrerSchöpfer 
längstentzogen hatte. Dies gilt nichtnurfürdieArbeiten 
derWiener Künstler, sondern ebenso fürdie Werke von 
Laios Kässak und seinen Freundeskreis. Eines der cha- 
rakteristischen Details dieserersten Konstruktivismus- 
rezeption ist das nur durch wenige Arbeiten bekannte 
Werk des Dichters und Malers Hans Suschny: Er über- 
nahm in seine literarischen Arbeiten dadaistische Ele- 
mente. stand in engem Kontakt mit den ungarischen 
Künstlern und verarbeitete in seinen graphischen Ent- 
würfen Anregungen des Neoplastizismus (Abb. 35)." 
Wenn auch die Ereignisse in Wien und die Leistungen 
der hier schaffenden Künstler nur zum Teil einen der 
Berliner. Pariser oder Weimarer Avantgarde vergleich- 
baren historischen Stellenwert erringen konnten, so 
war die gesamtkulturelle Lage wesentlich spannungs- 
reicher und schöpferischer. als sie oft dargestellt wur- 
de. Während einigerJahre stand engagierten Künstlern 
eine Fülle an Möglichkeiten zur Realisierung an- 
spruchsvoller avantgardistischer Projekte offen. Diese 
Chancen wußte Friedrich Kiesler zu nutzen und auf sie 
bezieht sich auch seine anfangs zitierte Aussage, daß 
es damals war wals würde Utopia Realität werdenrl, 
Anmerkungen 60 - 64 195i S_ 7_ 
5' E. A. Pllschke, Vom Menschhchen im VISUOH Bauen. Wlen 1969, S 38K. I1 Ligkar (1i[_ Anm_ 51)_ S_ 1Q_ 
" Oswald Haerdll. Ausslellungskatalog der Hochschule lt)! angewandte s: Ankwicl-Kleehoyen (zu, Anm 17} 
KunsLWien 1975.-ElIsabelh Liskar. EmstAnlon Plischke, iniAusslel- u 1m Hinqgrgyund der Abbiydung 12 sind vemchiedsne pgakaye zu eyke". 
lungskatslog, E.A. Pllschka. Akademie der bildenden Künste. Wien nen. wovon das rechte Hans Suschny emworfen hat. 
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