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Full text: Alte und Moderne Kunst XXVIII (1983 / Heft 190 und 191)

Wolfgang Georg Fischer! London 
Gustav Klimt und Emilie Flöge 
. Erinnerungen an Emilie Flöge' 
Erzählt von der letzten lebenden Mitarbeiterin 
des Modesalons vSchwestern Flögeu, 
Frau Herta Wanke. Linz 1982. 
Rahmen der Bearbeitung und Erforschung des 
ige-Nachlasses verfolgten wir auch die naheliegen- 
Idee. Originalstücke von Flüge-Modellen ausfindig 
machen. Wir ließen 1982 Anzeigen in einerTageszei- 
ig (iiDie Presseii, Wien) und ln einer Wochenzeitung 
ufbauii, New York)' einrücken und wir hofften, auf 
ise Weise vielleicht doch noch ein Flüge-Modell zu 
:len. Leider istdas bisherige Ergebnis enttäuschend. 
lAusnahme des traditionellen Samtjäckchens in der 
idesammlung des Historischen Museums der Stadt 
en (Abb. 9) und des Porträtfotos der Ella Gallia, auf 
n sie ein Flöge-Modell tragt (Abb. 11), konnten wir 
n neues Material aufspüren. Wirsind also abgesehen 
'l diesen beiden Objekten weiterhin auf die schon be- 
inten und oft publizierten Fotos von Klimt, auf denen 
iilie als Mannequin ihrer eigenen Modelle erscheint 
)b.1,14,15.17,i8,19)2,l1nd auf die Aufnahmen des 
toateliers D'Ora angewiesen? 
rch einen Glücksfall konnten wir jedoch die letzte 
ch lebende Mitarbeiterin von Emilie Flöge in Linz aus- 
dig machen. Herta Wanke (Abb. 16) war durch ihre 
iirat nach Oberösterreich gekommen und hatte sich 
Linz angesiedelt. wo ihr Mann eine Tabaktrafik be- 
ibt. Wir baten sie. ihre Erinnerungen auf Band zu 
rechen und haben nun diese mündlichen Überliefe- 
tgen transkribiertohneWiederholungen und Dialekt- 
indungen zu verbessern. um den besonderen Reiz 
s gesprochenen Wortes, das so gut die teilweise 
trend-naive und gefühlsbetonte Bewunderung des 
emaligen Lehrmädchens für ihre elegante "Chefiflk 
ierspiegelt, zu bewahren. Frau Herta Wanke ist kurz 
ch der Magnetophonaufnahme im Frühjahr 1982 ge- 
irben, und die Publikation ihrer Erinnerungen an den 
lon der Schwestern Flüge und vor allem an Emilie er- 
gt nun leider posthum. Ihre Liebe und Bewunderung 
Emilie und das echte Verständnis für die Welt Klimts 
d Flogesjenseits intellektueller und historischer Ein- 
tnung wiegen mehr als ein Zentner nakademischerii 
irdigungen. Ehre ihrem Andenken! 
e Erinnerungen Herta Wankes geben uns aber nicht 
r Einblicke in den Alltag des Ateliers (z. B. v. . . die Pup- 
war immeraufdie Kunden abgestimmt, es wurden ei- 
ne Musterleibe gemacht, die dann auf die Figur der 
ndin ausgestopft wurden . . .ii, lrFrau Helene Donner 
wardie Empfangsdame. . .iioderriDieArbeitszeitwar 
mals noch nicht so geregelt wie heute . . . da mußten 
zArbeiterinnen solange bleiben, bis das Stück fertig 
lrde zu dem Termin, zu dem die Kundin befahlmii 
:.), sondern machen es auch möglich, wichtige kunst- 
d kulturhistorische Einzelheiten des Materials aus 
m Bereich der Vermutungen in den Bereich des Be- 
iisbaren zu überführen. Wir fassen zusammen: 
Ein klassisches Gustav-Klimt-Emilie-Flöge-Kleid, in Seiten- 
ansicht, mit weichem fließenden Körper, besticktem Brust- 
ainsatz undkaskadenhaft nach unten fallenden und breiter 
iverdenen Armeln (Nachlaß Flüge). 
Eeschaftskartchen des Salons Schwestern Flüge mit Tele- 
grammadresse und Telefonnummer (Nachlaß Flüge). 
imerkungen 1 - 5 
bie einzige deutschsprachige Zeitung New Yorks Wild vor allem von 
den älteren Mitgliedern der osterreichtscnen Emigration gelesen, und 
wir hofften. auf diese weise vielleicht doch noeri ein Flüge-Modell aus- 
findig zu machen, das seinen Weg nach dem Anschlu61938 von Wlen 
rlaCit New York gefunden hat. 
Nebehay, Christian vGuslav Klimt Dokurnentationk, Wien 1969. XXI. 
l 
(Für Teil l vLiebe Emillelvr und Teil Il 
rAus Emilies Weltii siehe ialfe und moderne kunsrir, 
Hell Nummer 786f187 und 188). 
oontwrataml 
212mm 
 
1. Die liTextilsammlung Flögeif (Stickereien, Go 
ben, ungarische Nationaltrachten. bunte slowal 
Bauernmuster) waren in Vitrinen ausgestellt unc 
ein ästhetisch wichtiges und von keinem Besuc 
übersehendes Detail der Ateliereinrichtung bele 
2. Die vermutete soziale Schichtung des Kunde 
ses wird bestätigt: Großbürgertum und erlolg 
Künstler, besonders aus der Theater- und Mus 
überwiegend jüdischer Herkunft. Die erwähnte 
men Rothschild. Bruno Walter und Gomperz stel 
pars prototo. Wieder bestätigt sich das Phänome 
die iiHeldenii der iiklassischen Moderne in Wiel 
Klimt zu Kokoschka und Schiele. von Mahler zu E 
berg, Berg und Webern. von Musil, Kafka zu Broi 
das sogenannte iijüdische Publikumti mäzena 
dem Philistertum der irHofrats- und Kleinbürgerl 
ausgeliefert gewesen wäre. Mode- und Eßkultt 
nur ein kleiner, aber wichtiger Teilaspekt jener 
kumsschicht, die nach 1938 entweder ausgerotti 
de oder auswanderte. 
3. Die Einbettung des Salons Schwestern Floge 
traditionellen Bereich der europäischen Haute Ci 
mit Paris als dem unbestrittenen riVatikan der S 
Die von Klimt und der Wiener Werkstatten-Ästhe 
gelegten Modelle sind daherAusnahmen und nac 
Tod des Anregers Klimt imJahre 1918 nicht mehr 
weisbar. Das universale künstlerische Genie Klin 
den die Beschäftigung mit Mode ein willkomr 
aber doch letztlich sekundärer Aspekt seines Kü 
tums bleiben mußte. wird durch Modeschöpfer pi 
nitionem wie Coco Chanel und Schiaparelli erse 
4. Orientalische Gewänderä waren Teil der i 
sammlung Flcgeit. wahrscheinlich den passior 
Anregungen Klimts auf diesem Gebiet folgend. 
5. Bestätigung der traurigen Tatsache, daß man i 
deutung der Wiener Werkstätte und der Kolo-l 
EinrichtungbeiderAuflbsung des Salons imJahri 
nicht erkannt hat und das sichtbare iiMonumer 
einzigartigen Symbiose zwischen dem Genie 
und seines Kreises und dem Talent Emilles verlo 
gangen ist. Durch die Auffindung des Nachlasse 
allerdings eine nwiederenueckungii möglich 
könnte die Einrichtung Kolo Mosers an Hand der 
rekonstruieren und mit den Objekten aus dern Ni 
ausstatten, die Briefe und Karten Gustavs an Emi 
eine Dokumentation über die Beziehung Klimt 
könnten diese ästhetische Bühne ergänzen. a 
Emilie so lange und tapfer gewirkt hat. Ein kleine: 
wichtiges und sicher publlkumswirksames JLlt 
Rahmen des vieldiskutierten, aber bisher nicht vr 
lichten Wiener Jugendstilmuseurns . . .l 
Wir geben den Text Herta Wankes ungekürzt unc 
Originalform wieder. (Für die Transkribierung dar 
meiner Mitarbeiterin Frau Dr. Dorothea McEwa 
4 Empfangsraum Salon Schwestern Flüge (Nachlaß F 
5 Büro des Salons Flöge. Hinter dem langen Pult wie: 
steh im typischen Schwarzweiß der Wiener Werksta 
Aufbewahrung von Stoffen und Zubehor. Die iivergi 
Ecke links war der Platz der Buchhalterin (Nachlaßl 
Klimt und Emilie Floge. S 274, Anm 4 
' Neberiay,a.a o .5. 274. Arirrraurio Kultermartn, Udo i-Gust 
EmllleFlbgeund die Moderelorm trlWien um 1900-, In -alte ur 
ne kunsh. 23. Jahrgang 1978, Nr. 157, S 35, 
' Siehe W. G Fischer: Klimt-Flüge Nachlaß. Teil II. Heft 155.! 
Abb 13. 
5 Vgl W.G. Fischer. Klimt-Flüge Nachlaß Teli li, Heft 185,5 31
	        

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