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Full text: Alte und Moderne Kunst XXVIII (1983 / Heft 189)

Thomsin unter dem Namen ihres Mannes entstanden. 
Nach der Aufnahme in die Zunft am 21. Juni 1746 war 
Moserberechtigt. seine eigene initiaipunze einzuschia- 
gen. Diefastidentische Monstranzin derPropsteikirche 
zu Staatz gehört noch demselben Jahr an. trägt aber 
schon das Meisterzeichen IM. 
Die Schatzkammer-Monstranz vertritt den Typus der 
Sonnenmonstranz. jenen Typus also. der sich am An- 
fang des 17. Jahrhunderts entwickelte und charakteri- 
stisch fürdas Aussehen einer Barockmonstranz wurde. 
Die Strahiengiorie, in deren Mitte sich die Hostienni- 
sche öffnet, ist eine Illustration des Psaimvers nln soie 
pcsuittabernacuium suumk(Ps. 18.6). Auch Moserfoigt 
diesem Bild; die schlichte Gesamtform und die sparsa- 
me Ausstattung mit symbolhaften Details (Trauben, Äh- 
ren. Rosen. Taube des Hi. Geistes) unterscheidet seine 
Komposition jedoch von gleichzeitigen Augsburger 
Monstranzen. deren Hostienrahmen mit zahlreichen 
Sinnbildern und Attributen geschmückt, manchmal so- 
gar überladen sindf" 
Zur Zeit Mcsers vermißte die Wiener Kunst eine kreati- 
ve. in ihren Erfindungen wegweisende Schöpferpersön- 
iichkeit. von der auch die Goldschmiede manche Anre- 
gung beziehen konnten. Besonders bei anspruchsvol- 
len. der Kieinpiastik verwandten Aufgaben gab es keine 
zeitgemäßen. fortschrittlichen Vorlagen. Moser orien- 
tierte sich deshalb in vielen Fällen an älteren Vorbildern, 
wie zum Beispiel an Kelnischbauers Lösungen. die die- 
14 
servor ungefähr einem halben Jahrhundert geschaffen 
hatte. Er war damit der einzige Wiener Goldschmied, 
der nicht nur allgemein Känischbauers Anregungen 
aufnahm. sondern direkt die Nachfolge des großen Mei- 
sters antrat. 
Das wohl bekannteste Werk Mosers. die sogenannte 
wKoiomanni-Monstranzr (Wiener Beschau 1752, Stift 
Meik) (Abb. 4) übernimmt von Känischbauers berühm- 
ter xSchieiermonstranzu (1711-14, Entwurf von Matt- 
hias Steinl. Stift Kiosterneuburg) die Komposition in 
Form eines Baumes (Abb. 5). Bei beiden Darstellungen 
istsomitderHinweisaufdiezugrundeiiegende Legende 
deutiichsichtbanWahrend KanischbauerdieSzeneder 
Erscheinung ausführlich schilderte und auch die betei- 
ligten Figuren miteinbezog, beschränkte sich Moserauf 
die Präsentation derAttribute des hi. Märtyrers. Er kon- 
zentrierte sich auf das wirklichkeitstreue Arrangement 
der Marterwerkzeuge und die realistische Bildung des 
Hciunderbaumes. auf dem der Heilige erhängt wur- 
de." Er verzichtete weitgehend auf kunstgewerbiichen 
Zierrat und ging im iilusionismus der Kieinplastik weit 
über Känlschbauers reich geschmückte Prachtmon- 
stranz hinaus. Ein ikonogrephischer Unterschied be- 
steht zudem darin. daß die wKolomanni-Monstranzu im 
eigentlichen Sinn nie als Monstranz. sondern aus- 
schließlich als Schaugefäß für die Unterkieferreiiquie 
des hi. Koioman konzipiert war; deshalb erfüllt sie 
gewisse inhaltliche Forderungen einer Monstranz 
3 Monstranz; Silber vergoldet. Perlen. grünes Email; Wiener 
Beschau1746.Meistermarke Q1 (Conrad Jos. Thomsin); 
H : 56 cm; Wien. Schatzkammer (B 18) 
4 Reliquiar für die Kinniade des hi. Koioman; Silber vergoldet. 
Silberblüten. Brillanten. Granaten. Smaragde. Amethyste. 
Topase. Türkise; Wiener Beschau 1752. Meistermarke IM; 
H : 66 Cm; Still Melk 
5 rSchieiermonstranz-r von Joh. 
1711 -14; Stift Klosterneuburg 
6 Monstranz; Silber vergoldet. Amethyste. Granate, Olivine. 
Bergkristall. Karneoie; Wiener Beschau 1759. Meistermar- 
ke IM; H : 72.8 cm. Historisches Museum der Stadt Wien 
(inv. 1816) 
7 nDiamantenmonstranz-r von Joh. Bapt. Känischbauer. 1699; 
Prag. Loretokirche 
Bapt. Känischbauer. 
Anmerkungen 10 - 14 
" ÄN. bei Seiing. Bd. l. p. 128. 
" Die Heiligenlegende Brlühil. diß dB! irische Kdnigssohn KOIOVIISH auf 
einer Pilgerreise unter Verdacht geriet. ein Spion zu sein und erhängt 
wurde. Da sein Leichnam nicht verweste und derdürre Hoiunderbaurn 
wieder Blüten trieb. erkannte man seine Unschuld und verehrte ihn BIS 
Märtyrer. _ 
" Die Monstranz befandslch biszur Übergabe an das Städtische Museum 
(1876) im Liesinger Schloß; einer der Vorbesitzer war der Juwelier Va- 
lentinvon Mack. ein Nachfahrevon Mosers Kollegen. des hotbetreiten 
Goldschmiede Franz V00 MiCK. (Siehe S. Walther. Weltkunst. Jg. 49. 
1979.Nf.10. p. 1257.) 
" Auf die Herkunft des Sonnenmonstranzschemas mit Putten und Wol- 
kenknäuei von derCathedra Fetri Bernlnls verwies bereits H. Filiitz. der 
auchdieAbhangigkeit Joseph Mosersvon KltrlischbauerauIzeigte(Bei- 
treg in: K. M. Swoboda. Barock in Böhmen. München 1964. p. 285). 
" EXOGLIS. 40. 3A. 
nicht. wie zum Beispiel den Hinweis aufctie Eucharistie. 
Fünf Jahre später griff Moser abermals eine Komposi- 
tionsidee von Kanischbauer auf. Die Strahlenmon- 
stranz des Historischen Museums derStadt Wien (Wie- 
ner Beschau 1759) (Abb. G)" steht in der Nachfolge der 
Loreto-Monstranz (1699, vielleicht nach einem Entwurf 
von Fischer von Eriach. Prag. Loretokirche) (Abb. 7); 
auch sie besitzt den Charakter einer Kieinpiastik. die 
sich kontinuierlich aus der Bodenplatte zu einer bildhaf- 
ten. dreidimensionalen Darstellung entwickelt." An 
Stelle der immakuiata bildet nun die Wolkensäuie die 
Verbindung von irdischer und himmlischer Sphäre. 
Während Känischbauereinesderwichtigsten program- 
matischen Bilder der Gegenreformation zum Thema 
hatte. illustrierte Moser eine alttestamentarische Sze- 
ne. in der sich Gott in Gestalt einer Wolke unter den 
GleubigeMBundesiade : Glaubensgemeinschaft)nie- 
deriaßt und so lange verweilt. wie die Wolke sichtbar 
ist." DerGedanke. auf dem die in Gold erstarrte Vision 
basiert. ist die immerwährende Gegenwart Gottes in 
der Kirche. 
im Gegensatz zu Känischbauer. dessen Darstellung 
durch den überaus reichen Edelsteinbesatz (die Loreto- 
Monstranz erhielt deshalb auch den Namen nDiafTlETl- 
tenmonstranzu) überstrahit und sogar etwas verunkiärt 
wird. bemühte sich Moser. die Komposition aus plasti- 
schenTeilmotiven übersichtlich undleichtlesbareufzu- 
bauen. Zu diesem Zweck beschränkte er den ornamen-
	        

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