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Full text: Alte und Moderne Kunst XXIV (1979 / Heft 165)

Krzysztof Glass 
 
Geboren wurde er 1944 in Krakau, in einer Zeit der tief- 
sten Erniedrigung und Not seines Volkes. Eine Zeit, die 
er nicht vergessen kann und die seinem Wesen und da- 
mit auch seiner Arbeit einen Stempel aufgedrückt hat, 
den er durch sein Leben tragen wird. In Krakau studierte 
er auch an der Akademie und der Universität, arbeitete 
für ein Studententheater, machte Buhnenbilder und Aus- 
stellungen. 1973 emigrierte er nach Wien, wo er sofort 
wieder auf der Akademie das Studium aufnahm, zuerst 
bei Prof. Egg Bühnenbild und seit 1976 bei Gironcoli 
Bildhauerei. 
In den letzten Jahren hat Glass, wie es uns scheinen 
will, eine große Anzahl von Zeichnungen geschaffen. die 
auf jenen oben erwähnten Stempel zurückgehend, eine 
engagierte Aussage von großer Eindringlichkeit bezeu- 
gen. Es sind großformatige Blätter zu literarischen Vor- 
würfen (und Glass möchte noch größere Flachen mit 
seinen Figuren bedeckenl), jedoch keine Illustrationen, 
sondern Bilder des Glass bei oder nach der Lektüre von 
Kafka oder Ödon von Horvath. immer ist es der gedemü- 
tigte und verfolgte Mensch, den Glass zeigt, es sind die 
Schergen der Macht, es ist die Niedertracht und Er- 
bärmlichkeit, es ist der Verrat des Menschen an den 
Menschen. 
Glass, der schon in seiner Heimat mißverstandene 
Volksgewalt kennengelernt hatte, zeichnet besonders 
treffend zu Horvaths Dramen des Kleinbürgertums und 
des Proletariats Szenen düsterer Zwielichtigkeit mit 
schleimigen, doppelschichtigen Figuren. Auf allen die- 
sen Blättern werden Menschen von Menschen gejagt, 
unterdrückt. entwurdigt. Die Schlinge des Galgens ist 
jederzeit bereit zugezogen zu werden. Während sich die 
Mauer der "Heilt: schreienden Menge, das Zeichenblatt 
diagonal teilend und doch beherrschencl, vom unifor- 
mierten Parteimann über die begeisterte Lehrerin, dem 
grobschlächtigen Landmann bis zum Herrn im Zylinder 
aufbaut, nehmen in den Hausern dahinter bereits die 
Razzien mit ersten Verhaftungen ihren Lauf. 
Längst bewältigte Vergangenheit}, werden oberflächli- 
che Betrachter sagen. Nein, latent unter uns vorhande- 
ne Niedertracht! Denn immer noch und immer wieder 
gibt es iiVolksgenossen-i, die nach dern starken Mann 
rufen, immer wieder wird die iiStimme des Volkes-r laut, 
die nach der Todesstrafe ruft, immer wieder werden 
Menschen von Menschen ausgebeutet. Oft sehen wir 
auf Glass Blättern das Antlitz von Frauen und Männern 
hinter tierischen Masken verborgen. Noch steckt im 
Kern der Mensch. Eingekapselt, doch um bestehen zu 
konnen. urn seinen Trieben nachgehen zu können, sinkt 
er ab zum Schwein, wird zum gierigen Specht, wird ein 
nur dem Geschlechtstrieb sich hingebendes Häschen. 
Es ist ein Gedrange und Geschiebe, wie wir es auch 
heute. auch in unserer Gesellschaft nur zu gut kennen. 
Und Glass will - auf seine Weise 7 dagegen ankämp- 
fen! Glass zeichnet impulsiv, mit festen Konturen, und 
das ist bei der Pinseltechnik. in der er arbeitet, beson- 
ders bemerkenswert. Die Pinselstriche werden zu Peit- 
schenhieben, hart. erbarmungslos. Es ist das Ungestüm 
und die Ungeduld der Jugend, die hier geißelt. Und 
doch, da und dort leuchtet in dem Getriebe verborgen, 
wie abwesend schemenhaft, ein Antlitz auf, das Hoff- 
nung ausdrückt, das wirklich Menschlichkeit ausspricht. 
Die Umwelt, die Häuser, Straßenzüge, Geschäftsportaie 
und -einrichtungen, alles, alles dreht sich um den Men- 
schen und sein Handeln (wir spüren dieses Drehen beim 
Betrachten der Blatterl und ist bei Glass nur Kulisse 
des eigentlichen Seins, 
Sicher erinnert manches an G. Groß, anderes wieder an 
O. Dix, doch der junge Künstler erarbeitet sich immer 
mehr und mehr eine eigene Aussage, die nicht zu über- 
sehen ist. Alois Vogel 
1 Odon von Horvath. 
nllaltßfliSChi-l Nacht-t, 1978, 
Pinselzeichnung. Ternpera 
2 Krzyszlof Glass 
3 Oden von Horvath. 
iiltalienische Nacht-t, 1978. 
Pinselzeicnnung. Tempera 
4, 5 Odbn von Hurvatil, 
i-Geschiohten aus dem WIE- 
nerwald-t. 197a. 
Pmseizeicnniing, Tempeia 
37
	        
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