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Full text : Alte und Moderne Kunst XXIX (1984 / Heft 192 und 193)

inder romanischen Skulpturin Italien ebensowie inSüdfrankreich

 oder in England. Eine gewisse Schlüsselslellung

 für die Verbreitung dieses Motivs mag der 1180

errichtete Lettner in Canterbury einnehmen, von dem

in jüngster Zeit Einzelteile wiedergefunden worden

sind"; Bestimmte Elemente bauplastischen und architektonischen

 Arbeitens sind in der uwestlichen Schulen

ausgebildet worden und verbinden Weils etwa mit den

Kirchen in Worcester (um 1 175) und Glastonbury (nach

1184): die Linearitätder Bögen ohne Basen und Kapitelle

 und diejeweils einen kleineren Bogen übergreifenden

Arkaden. ein Merkmal, das bereits in dem von Brakspear

als solchen angesehenen GründungsbaudieserSchule

in Malmesbury (1 150- 1165) auftaucht; die in die Fläche

 eingelassenen runden oder quadratischen Reliefplatten

 (Abb. 4 und 5)."' Aber Worcester und Glastonbury

 behalten die eindeutige Jocheinteilung bei. staffeln

 jeweils die Fensterbögen im Obergaden und trennen

 durch die Wandvorlagen die jeweiligen Trif0riumsbögen

 voneinander. Hier geht Weils eigene Wege: die

durch keine Wandvorlagen unterbrochene Triforiumszone

 erhält in der Ausgestaltung der Details einen

künstlerischen Eigenwert, derden Charakterdes Innenraumes

 insgesamt prägt. Die dem nEarly Englishrr aus

der Romanik noch anhaltende Schwere geht hier Hand

in Hand mitdem fürdie Gotik kennzeichnenden Streben

nach Raumverschmelzung und Bereicherung des

Raumeindrucks."

Die Eindeutigkeit. mit der die Jocheinteilung im Langhaus

 vermieden wird, ist nicht in allen Teilen der Kathedrale

 zu spüren. In den Seilenschiffen sind die Gurtbögen

 durch zwei Rundstäbe und die Diagonalrippen

durchdrei Rundstäbeprofiliert.vielleichtwegen der Nähe

 dieserGewölbe fürden Beschauer; die Wanddienste

bestehen wieder aus zwei Flundstäben (Abb. 7). Geradezu

 eine Alternative zu dem Wandaufrißdes Langhauses

ist die Gestaltung des Nordportals (um 1210), des

Haupteinganges der Kathedrale (Abb. 10 und 11). Die

Gewölbedienste für die zwei Joche sind bis auf den Boden

 heruntergezogen. Das Bündel derdrei Dienste wird

durch die profilierten Schaftringe einem strengen

Rhythmus unterworfen, der diese Dienste von dem

reich gegliederten. horizontal verspannten Blendarkaturenschmuck

 deutlich abhebt. Die konkaven Nischen

der unteren Zone sind nach dem Vorbild von Malmesburyentstanden.

 Diemittlereund obereZone bilden den

bei den Engländern beliebten Linearismus im Wandaufbau

 weiter aus. Die reich profilierten Spitzarkaden der

mittleren Zone greifen so ineinander über, daß die äußersten

 Wulste der Bögen sich jeweils überschneiden.

Ungleich den sich überschneidenden Rundbögen in

Durham oder Castle Acre, wo ein Bogen immer über

dem anderen zu liegen scheint, durchdringen sich die

Profile in Weils und allgemein in der "westlichen Schulerx,

 ein Thema, das die Assoziation des Webens unmöglich

 und die Bezogenheit auf die Fläche zur Grundordnung

 ornamentaler Arbeit macht, das in der Spätgotik

autdem ganzen KontlnentAnklang findet. In der oberen

Zone sind zwei lanzettförmige Bögen durch einen gedrückten

 Spitzbogen zusammengefaßt. Basen und Kapitellefehlen.

 ähnlich wie inworcesterund Glastonbury

(Abb. 4 und 5). Diese Form des Maßwerks in Weils. im

Englischen nY-traceryu genannt, wird in England erst

um 1300 zu einem allgemein beliebten Motiv." Der

eigentliche Flaumgrund, vor dem die Säulen und Arkaden

 aufgebautsind, istschwerzufassen, weil erfürjede

Zone in einer unterschiedlichen Tiefe auszumachen ist.

Die Wand als tragende Baumasse verliert damit an optischer

 Wirklichkeit. Die Linearität derArkaturen und die

durch die Rangordnung der Dienste und Profile bedingte

 Tiefenstaffelung gewinnt einen das normannische

Mauerwerk überwlndenden Eigenwert.

Dasowohl amAußenbau als auch im Innenraum die Profile

 der Fenster des Langhauses aus der Zeit um 1200

erhalten sind, ist anzunehmen. daB die Fensterformen

heute die gleichen sind wie damals. Das Licht der Hochschiffvvand

 ist nicht so übermächtig wie in dem kurz vor

1200 begonnenen Bau von Chartres. Das Dach über

den Seitenschiffen verkürzt die Lichtbahnen im Hauptschiff

 beträchtlich, so daß zwar die ganze Höhe der

Obergadenzone ausgenutzt wird, das Licht aber nur

durch etwa drei Fünftel dieser Fläche einfallen kann;

denn um den Spitzbogen im Obergaden nicht unproportioniert

 breit werden zu lassen, konnte nur dieser kleine

Teil des Obergadens für den Lichteinfall genutzt werden.

 Alle Fenster im Langhaus wurden in der Zeit des

nPerpendicularu überarbeitet und mit einem entsprechenden

 Maßwerk versehen. Doch schon für das Bauwerk

 des 13. Jahrhunderts gilt. daß der Lichteinfall von

Westen her den Innenraum beherrscht. Die drei hohen

lanzettförmigen Fenster geben dem Langhaus einen

ausgesprochen vertikalen Akzenl, der in dem späteren

Einbau der Strebebögen um den Raum der Vierung seine

 notwendige Ergänzung findet." Die Horizontalität

der beiden Hochschiffwände und die Vertikalität der

Lichtbahnen schaffen eine gewisse Spannung im

Flaum, ähnlich wie anderswo durch Wandvorlagen und

Gurtbögen die Bewegung zum Altarraum hin verzögert

wird.

Die Westfront mit den beiden unteren Teilen der Türme

neben den Seitenschiffen wird in der Zeit zwischen

1220 und der Weihe der Kathedrale 1239 errichtet. Die

FassadeausdieserZeitsetztsichdeutlichvondem südlichen

 (1390 - 1394) und nördlichen Westturm (Fertigstellung

 1436) ab sowie von der Fiale in der Mittelachse

des abgetreppten Giebels. Die Westfront zum großen

Friedhof hin wirkt im 13. Jahrhundert breit und schwer.

Selbst der Vierungsturm ragt in dieser Zeit nur knapp

über den First des Langhauses hinaus. Aus der Fläche

der Fassade kommen nach Westen sechs Strebepfeiler

heraus, in der Vertikale fast ohne Flückstufung, die vier

mittleren in der Verlängerung der Arkaden des Hauptschiffes

 und der Außenmauern des Seitenschiffes

(Abb. 12). DerSüdwestturmführtdas System der Fassadenwand

 mit zwei Strebepfeilern nach Süden und einem

 nach Osten weiter, entsprechend der Norwestturm.

 dessen Strebepfeiler ebenfalls parallel zur Länge

der Fassade bzw. zur Länge der Außenmauern liegen."

Diese Strebepfeiler geben der Fassade eine vertikale

Tendenz, wenn sie auch nicht bestimmend wirkt; andererseits

 führen sie das Spiel von Licht und Schatten ein.

das die figürliche und dekorative Bauplasllk über die

ganzeBreitederwandhinaußerordentlichbelebt.Während

 das Strebewerk auf dem Kontinent als Kennzeichen

 für das konstruktive Denken des gotischen Baumeisters

 gilt, werden die Strebepfeiler gewiß auch benötigt,

 um den Seitenschub späterer Türme abzufangen,

 aberdie HorizontalitätderAnlage und der gestalterische

 Akzent auf der bauplastischen Arbeit heben den

Eindruckder konstruktiven Aufgaben fast aul. zumal die

beiden Strebepfeiler zu beiden Seiten des mittleren

Westportals keinen der Türme stützen.

Die verschiedenen möglichen Funktionen einer Westfrontsind

 hierzugunsten einereinzigen Richtung aufgegeben

 worden: die Fassade drückt nicht den Zusammenhang

 von Innenraum und Außenbau aus; sie entwickelt

 sich nicht in die Höhe, sondern geht über das

Maß - also überdie Seitenschiffe hinaus - in die Breite.

 ohne daß ein anderes als ein dekoratives Denken

dem zugrunde liegt; die Strebepfeilerwerden ihres Wesentlichen

 beraubt: zu tragen und dieses Tragen auszudrücken;

 die Westportale, als Motiv und Symbol ein

Herzstück in den gotischen Kathedralen Frankreichs,

werden in Weils recht unansehnlich in die Sockelzone

hineingedrängt. DieAufgaben, innen genügend Licht zu

schaffen, starke Strebepfeiler für die Türme zu bauen,

angemessene Portale für Prozessionen zu errichten

und eine Skulpturenwand zu entwerfen, will der englische

 Baumeisternichtangehen.indemeralle Konflikte,

die bei der Realisierung seines Vorhabens auftreten

können, im Sinne eines harmonisierenden Gestaltens

authebt, weil dann alle Einzelelemente ihren logischen

Platz innerhalb eines Systems erhalten; erwill primär elrie

 Schauwand für die Gläubigen, und alle anderen Elemente

 werden diesem einen Gedanken untergeordnet.

Der Typus der breit gelagerten, horizontal und vertikal

gegliederten Westfront ist an den romanischen Fassaden

 in Italien, Südfrankreich und England ausgebildet

worden. Die Fassade von S. Michele in Pavia hat eine

glatte Abschlußmauer. Dienstgruppen, die keine tragende

 Funktion haben. sowie horizontale Fleliefstreifen

gliedern die nach 1117 entstandene Westfront. Ähnlich

ist derAufbau der Fassade in Parma(1130 - 1 150), bei

der die Zwerchgalerien nicht nur mit dem Giebel aufund

 absteigen, sondern auch in zwei übereinanderliegenden

 Geschossen horizontale Bänder mit Ftaumnischen

 bilden, ein Typus. derzu Beginn des 13. Jahrhunderts

 in Arezzo in Mittelitalien zu einer Fassadenbildung

mit mehreren Geschossen von Zwerchgalerien ohne

vertikale Elemente führte. Klar erkennbar entwickelt

sich auch in Südfrankreich die Westfront im Sinne einer

gegliederten Schauseile, bei der die französische Dreiportalanlage

 mit rahmenden Diensten und Türmchen

an den Seiten so verbunden wird, daß mit der Einteilung

in zwei Geschosse der duerrechteckige Block den Eindruck

 von Schwere vermittelt und gleichzeitig das Arbeiten

 mit Bauplastik nahelegt. Beispiele dafür sind die

ehemalige Abteikirche Sainte-Marie-des-Dames in

Saintes, die ehemalige Prioratskirche Saint-Nicolas in

Oivray und die ehemalige Kollegiatskirche Notre-Dame-la-Grande

 in Poitiers." Bezeichnendenueise

werden die ursprünglichen Seitenportale zu rundbogigen

 Blendarkaden. Im Vergleich dazu treten in den englischen

 Westfassaden des 12. Jahrhunderts, und zwar

in Castle Acre, Fiochester und Malmesbury, jene die Architekturbetonenden

 Elemente in den Hintergrund. Die

Bögen sind nicht groß und stark. so daß sie optisch eine

beträchtliche Mauermasse tragen können, sondern

klein und so nah aneinandergerückt, daß die einzelnen

Bögen sich überschneiden. Aus der architektonischen

Ordnung wird ein ornamentales Motiv, das vielfältig als

Kreuzbogenfries oder Blendbogengalerie aufgenommen

 wird. Eine klare Einteilung in Geschosse fehlt

ebenso wie eine figürliche Plastik. Wenn man von der

Betonung der Ecktürme in Rochester und Lincoln absieht,

 geht es den englischen Baumeistern um eine filigrane

 Behandlung derWestfassade, die ganz einem ornamentalen

 Denken entspringt. In Weils werden durch

die kräftigen Strebepfeiler und die durch die Breite der

Front gehende Geschoßgliederung die Voraussetzungen

 geschaffen, von diesem Denken abzurücken und

sogareine figürliche Bauplasllk einzusetzen. die durchaus

 spezifisch Englisches und darüber hinaus Frühgotisches

 zum Ausdruck zu bringen vermag.

Wird die ldee einerSchauwand fürdie Gläubigen konsequent

 zu Ende gedacht, bleibt kaum noch die Möglichkeit,

 das in England bereits aufgenommene Motiv des

Westportals adäquat zu gestalten. Die Vertikalität der

Strebepfeiler, der hohen lanzettbogigen Fenster und

der übereinanderliegenden Skulpturennischen korrespondiert

 in Weils mit der Horizontalität der Sockelzone,

 der untersten Fenster- und Blendarkadenzone.

die nach oben durch ein durchlaufendes Gesims abgeschlossen

 ist. und deroberen großen Fensterzoneunter

dem Figurenfries mit Darstellungen von der Auferstehung

 der Toten. Beide Elemente sind für den Engländer

Pole des Gestaltens. die bis in die Zeit des r-Perpendiculam

 hinein in dem gitterartigen Aufriß ihre Gültigkeit behalten.

 Die Westfronten von Lincoln und Peterborough

leben von zwei Grundgedanken: Arkaturen und Dekorationen

 zwischen zwei Ecktürmen auszuspannen und

durch riesige Arkadennischen. die in übermenschlichem

Maßin den Westblock eingeschnitten sind, ein architektonisches

 Thema des Eingangs zu formulieren. In Lincoln

 werden die horizontal gereihten Blendarkaden

durch diegewaitigen Bogennischen gestört; die Bogennischen

 finden andererseits inder Flächigkeit der Front

kein Pendant. ln Peterborough werden drei Fliesennischen

 in der Horizontale verspannt; die mittlere insbesonders

 vermittelt diesen Eindruck, weil sie schmaler

als die anderen ist, der Bogen spitzer. andererseits versucht

 der Baumeister das Thema horizontal aufgebauter

 Bauplastik durch die Gleichartigkeit der drei Giebelfelder

 einzuführen, deren Fenster- und Skulplurenzone

in der Horizontale nur durch den Giebelansatz in je unterschiedlicher

 Höhe unterbrochen wird.

Weils scheidetdie riesigen Portalnischen alsThema be-
            
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