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Full text: Alte und Moderne Kunst IX (1964 / Heft 73)

ROBERT JOHN 
Da: Hergogenburger Bild 
Dornerikränung Christi 
von Jörg Breu 
Die Bildersammlung des niederösterreichi- 
schen Augustiner-Chorherrensriftes Herzogen- 
burg, zwischen St. Pölten und Krems gelegen, 
enthältein spätgotisches Tafelbild (128 x 88 cm), 
das in einer der bayerisch-österreichischen 
Bauernmalerei verwandten Weise die Dornen- 
krönung Christi darstellt. Es stammt von dem 
Augsburger Maler Jörg Breu dem Älteren, 
dessen Namensorthographie auch als Prew 
oder in ähnlichen Formen auftaucht. 
In der Mitte der Breitentafel sitzt, mit weit 
auseinandertretendem rotem Spottmantel be- 
kleidet, auf einer mit hoher Rückenlehne ver- 
sehenen Steinbank, den zergeißelten Ober- 
körper mit den Armen stark nach vorne ge- 
stützt, das Haupt mit einer mächtigen Dornen- 
krone umwunden, der Herr. Die Bank erhebt 
sich auf einer einstufigen Estrade, die fast 
den ganzen, mit zwei Fenstern versehenen 
Raum einnimmt. Sie sind vergittert und lassen 
bloß das sehr dunkle Blau des Himmels 
sehen. Die offene Tür links gibt den Blick 
auf einen nahegelegenen, mäßig hohen Rund- 
turm frei, der den Eindruck eines Kerkers 
macht. Dahinter wölbt sich ein baumbestan- 
dener Hügel, der zum Teil von einem See 
oder Fluß bespült wird und an dessen Ufern 
sich im Hintergrund eine ansehnliche Stadt 
ausbreitet, deren Gepräge durchaus deutsch 
ist. 
Vor dem linken Fenster hängt beiderseits je 
ein kleiner Luster von der Decke herab, links 
einer für Kerzen, von denen aber nur eine 
einzige aufgesteckt ist und brennt, während 
der auf der rechten Seite eigentlich eine zehn- 
schnabelige Öllampe ist, deren Dochte ver- 
mutlich alle angezündet sind. Die eigentliche 
starke Lichtquelle liegt indes vorne und ist 
unsichtbar. 
Christi Haupt, das einen feinen Strahlenkranz 
aussendet, wird außer von der muffartigen 
Dornenkrone noch zusätzlich von einer Schar 
roher Folterknechte mittels zweier langer, 
ebenfalls dornenbesetzter Stangen mißhandelt, 
die sich mitten auf der Krone kreuzen und 
sie noch tiefer eindrücken und qualvoller 
machen sollen. Einer der Schergen schlägt 
mit einem umgewendeten Stuhl wie mit einem 
Hammer auf die Dornenkrone und die Folter- 
stabe ein. 
Die Folterung wird von sechs Knechten vor- 
genommen, zu denen sich aber noch eine 
häßliche, zwergartige Gestalt gesellt, die sich 
an der Marterung nicht unmittelbar beteiligt, 
aber in höhnisch-unllätiger Weise dem Herrn 
eine haßerfüllte Grimasse schneidet. 
Das Gemälde war ursprünglich Bestandteil 
eines spätgotischen Flügelaltares, der, sicher- 
lich als Hochaltar, in der Kirche des Kar- 
täuserklosters „Ad portam Sanctae Mariae" 
in Aggsbach in der Wachau stand. Die Kirche 
und das heute völlig ruinöse Kloster waren 
1385 von Haderich von Maissau, dem An- 
gehörigen eines der damals mächtigsten Ge- 
schlechter von Niederösterreich, gegründet 
worden. Die Besiedlung erfolgte von dem 
älteren Kartäuserkloster Mauerbach (bei Wien) 
aus. Nach rund 400 Jahren Hel die Kartause 
mit Hunderten von anderen religiösen Ge- 
meinschaften 1782 der Klösteraufhebung Kai- 
ser Josefs II. zum Opfer. Der Bilderzyklus 
der beiden Altarflügel stimmte mit dem der 
Augsburger Basilikenkirche überein und zeigte 
bei geöffneten Flügeln Maria bei Elisabeth, 
Christi Geburt, die Heiligen Drei Könige und 
die Beschneidung des Kindes; die Rückseite 
wies, wenn in der Fastenzeit die Flügel ge- 
schlossen waren, die Passionsbilder auf: Chri- 
stus vor Kaiphas, unser Dornenkrönungsbild, 
die Geißelung und die Kreuztragung. 
Das Aggsbacher Tafelbild gelangte zuerst nach 
der unweit gelegenen Kirche Maria-Langegg 
und von dort 1816 nach dem Stift Herzogen- 
burg. 
Jörg Breu d. Ä. war Maler, Zeichner für 
Glasmalerei und Holzschnitt, llluminist und 
der Verfasser einer für seine eigene Kunst 
wenig besagenden Chronik von Augsburg, 
die von 1512-1536 reicht. 
Er wurde ca. 1475 als Sohn eines Webers, 
Georg Breu, wie man seit kurzem weiß, nicht 
in Augsburg, sondern in Landshut geboren 
und gehört, wie etwa auch Hans Eckl oder 
Rueland Frueauf, zu jener Gruppe bayerischer 
Künstler, die eben, als Wien künstlerisch zu 
erlahmen begann, in den Donauraum vor- 
stieß und hier Werke von höchster Bedeut- 
samkeit schuf. Er hat höchstwahrscheinlich 
in Krems bis zur Jahrhundertwende, längstens 
bis 1502 ein Atelier für Altarwerke unter- 
halten, aus welchem auch der Aggsbacher 
Altar hervorgegangen sein muß, dessen Da- 
tierung und Signierung feststeht. Sie ist nach 
Augsburger Manier auf Mantelsäumen an- 
gebracht, deren Hohlfalten sie zum Teil ver- 
schwinden lassen, ohne ihre Eindeutigkeit zu 
beeinträchtigen. 
1502, vermutlich im Spätherbst, war der Maler 
wieder in Augsburg, wo er noch im gleichen 
Jahr die dortige „Malergerechtigkeit" erhielt, 
die ihm die Führung einer selbständigen 
XVerkstätt: erlaubte. Sein Bruder Klaus und 
sein Sohn Jörg Breu d.J. waren ebenfalls 
Maler, ohne aber den Ruhm ihres Bruders 
und Vaters im entferntesten zu erreichen. Der 
Herzogenburger Hof bibliothekar Georg Baum- 
gartner hat in alten Klosterakten das wieder- 
holte Auftauchen des Namens Breu im 15. und 
16. Jahrhundert in der niederösterreichischen 
Donaulandschaft festgestellt, so daß es nicht 
allzu kühn ist, bei Jörg Breu an eine verwandt- 
schaftliche Beziehung zu einer dieser Familien 
zu denken. 
Jörg Breu d. Ä. hat 1510 geheiratet und 1514 
eine beinahe von allen nordischen Künstlern 
als Pflicht empfundene Reise nach Italien 
angetreten. Sein Stil änderte sich merklich, 
als er sich 1520 der Bewegung Luthers an- 
geschlossen hatte. Fortan hielt er sich nur 
noch an weltliche Motive. In seiner Chronik 
erklärte er sich in einer geradezu bilder- 
stürmerischen Weise mit der Vernichtung 
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