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Full text: Wiener Silber 1780 - 1866, Band 2: Zuckerstreuer, Zuckerdosen, Zuckervasen, Zuckerzangen

stallisirbaren Zucker des Zuckerrohrs die Krystallisirungs= Fähigkeit zu benehmen. 
6) Der Zucker aus Maysstängeln, und zwar sowohl aus frischen, als auch aus reifen, war zwar 
schon im vorigen Jahrhunderte bekannt, und im J. 1786 erhielt ein Weltpriester zu Wien ein 
ausschließendes 12jähr. Privilegium auf die Bereitung des Mayszuckers; zur Zeit der Conti- 
nentaisperre wurden die ersten Proben im J. 1810 von Dr. Neuhold in Grätz gemacht und die 
Sache schien nicht ohne Vortheil zu seyn, indem dadurch ein doppelter Ertrag der Mays= 
oder Kukuruzfelder erzweckt würde. Die Stängel werden entfahnet, in einer Walzenpresse 
ausgepreßt, wobey 1000 Stängel gegen 50 Maß Saft liefern, der Saft dann durch ein Sieb ge- 
seihet, in einem verzinnten kupfernen Kessel unter fleißigem Abschäumen gesotten, hierauf 
in einem hölzernen Bottich mit Kreide (3 Pfund auf 50 Maß Saft) vermischt, und nach 12 Stun 
den von dem Bodensätze abgezogen. Der abgezogene klare Saft wird nun in einem andern 
Kessel zur Hälfte abgedampft, wieder abgeklärt, abgesotten und geklärt, und den ganzen 
Winter hindurch der Ruhe überlassen. Jm Frühjahre wird der klare Saft vom Bodensätze ab 
gezogen, und bis zur Syrupsdicke eingekocht. Wenn jene 50 Maß Saft auf 12 Pf. reducirt 
sind, fängt die Masse zu krystallisiren an, und man soll daraus 3 bis 4 Pf. krystallinischen Zuk- 
ker nebst 8 Pf. Syrup erhalten. Das Joch zu 1600 Quadratklafter würde also nebst den Mays- 
körnern noch 240 Pfund Syrub aus den Stängeln liefern können. Jndessen hat sich kein Eta 
blissement zur Erzeugung des Mayszuckers gebildet, und selbst Dr. Neuhold hat seine Ver 
suche bald wieder augegeben. Der Zucker, weicher mit sehr viel Schleimzucker vermischt ist, 
krystallisirt erst nach mehreren Monathen, der Syrup hat aber einen scharfen Geschmack, 
und ist zum Versüßen nicht anwendbar. 
Überdieß sind noch andere Pflanzenstoffe zur Bereitung von Zucker und Syrup versucht oder 
angewendet worden, von welchen hier noch einige angeführt werden. Der ausgepreßte Saft 
der Birnen lieferte einen Birnsyrup, welcher nicht unbrauchbar war. Zwetschgenzucker wollte 
der Apotheker Heyduck zu Braunschweig erfunden haben; allein die Fabrication im Großen 
kam nicht zu Stande. Dagegen wurde Castanienzucker von Dr. Guerrazi in Livorno und von . 
Dr. Nardini zu Castello bereitet, und dieß war wirklicher Zucker, welcher raffinirt werden 
konnte. 100 Pf. trockner Castanien gaben 10 Pf. Zucker, und der Überrest von 65 Pf. konnte 
noch unter Brotmehl genommen, oder zu Viehfutter verwendet werden. Jm Venetianischen 
wurde aus Holcus caser brauchbarer Zucker bereitet, der aber jetzt bey den niedrigen Prei 
sen des Colonialzuckers wieder vergessen ist. Der Oberförster Jos. Finger auf der Cameral- 
herrschaft Zbirow in Böhmen und der Physicus Carl zu Holleschau in Mähren haben sich mit 
Eindicken des Birkensaftes zu Birkensyrup beschäftiget. 142 Maß Saft gaben aber nur 4 Pf. 
18 Loth eingedickten Syrup, welcher einen Nebengeschmack hatte und weniger zuckerreich 
war, a/s der Ahornsyrup. Zucker aus vegetabilischem Faserstoff hat zuerst Braconnot in 
Nancy, nach ihm Vogel in München bereitet. Die Methode besteht in einer Umänderung der 
Holzfaser durch Behandlung mit Säuren. 24 Th. trockner Leinen= oder Hanflumpen werden 
mit 34 Th. Schwefelsäure von 1,827 spec. Gewichts übergossen und in einer gläsernen Reib 
schale damit gut durchgearbeitet. Nach einer Viertelstunde ist das Gewebe verschwunden, 
und eine wenig homogene zähe Masse entstanden, die man durch 21 Stunden sich selbst 
überläßt. Wenn man dann diese Masse mit Wasser übergießt, so löst sie sich bis auf einen 
kleinen, stark mehlartigen Rückstand auf, und gibt, wenn die Säure durch Kreide neutraiisirt, 
und die fiitrirte Auflösung abgedampft wird, ein durchsichtiges Gummi. Wird hingegen die 
Auflösung, ehe sie mit Kreide neutraiisirt worden, durch 10 Stunden gekocht und dann mit 
Kreide neutraiisirt, so erhält man eine süßschmeckende Flüssigkeit, die abgedampft Stärke 
zucker gibt. Zur Zuckerbereitung im Großen aber scheint der Faserstoff kaum mehr geeignet 
zu seyn, als der thierische Leim, weichen Braconnot auf ähnliche Art mit Schwefelsäure be 
handelte. Die Entziehung eines Theils Stickstoffs und Wasserstoffs scheint die Veränderung 
desselben in Zucker zu bewirken. 
Der Milchzucker, eine sehr süße Substanz, welche in der Milch vorhanden ist und sich kry 
stallisirt, ist schon seit langer Zeit bekannt. Er wird in der Schweiz aus den Molken beym Kä 
semachen durch Abdampfung bereitet, und zuweilen zur Verfälschung des Rohrzuckers an 
gewendet; ein Betrug welcher leicht durch Weingeist zu entdecken ist, da sich der Milchzuk- 
ker darin nicht auf löset. 
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