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Full text: Wiener Silber 1780 - 1866, Band 2: Zuckerstreuer, Zuckerdosen, Zuckervasen, Zuckerzangen

läßt allerdings auf eine andere Verwendung (vermutlich für Schokolade) schließen 
(Abb. 1, S. 8; Abb. 47, 48, S. 59). 
Vom „Zuckerwasser als Getränk gehobener Gesellschaftskreise“ informiert uns 
Univ.-Prof. Hubert Olbrich, Direktor des Zucker-Museums Berlin, wie folgt: 
Zuckerwasser hat zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert den Rang eines besonderen Ge 
tränks eingenommen. Allein die Tatsache, daß Zucker so teuer war, daß ihn sich nur begü 
terte Kreise leisten konnten, enthebt seinen Konsum in der Form eines Getränkes dem profa 
nen Alltag. 
In Zusammenhang mit der Verwendung als Arzneimittel (Norbert Olbrich 1983, S. 38, 42, 48, 
97, 112), gibt es nur wenige Quellen, die darüber berichten. 
Ein Kupferstich von Andreas Matthäus Wotffgang (1660-1736) stellt einen Ausrufer für Zuk- 
kerwasser in Algier um 1690 dar und hat persönliche Erlebnisse des Künstlers zum Hinter 
grund. Diese Darstellung (Baxa-Bruhns 1967, S. 295) hat der Künstler nach mehrjähriger 
Sklaverei in Algier nach der Rückkehr in die Heimat angefertigt und hierbei als Vorlage eine 
Darstellung benutzt, die er selbst während der Sklaverei in Algier gezeichnet hatte. 
Zuckerwasser wurde durch Ausrufer für die Bevölkerung feilgehalten, d.h. es scheint für je 
dermann auf offener Straße als Alltagsangebot zum Lebensstand einer maurischen Stadt zu 
gehören. Es war noch lange Zeit für die Menschen in Mitteleuropa ein Angebot des gehobe 
nen Alltagskonsums. Von Napoleon /. wissen wir, daß aromatisiertes Zuckerwasser zu seinen 
Lieblingsgetränken gehörte und er noch auf dem Sterbebett an dieser Liebhaberei festhielt. 
Zuckerwasser mit dem Geschmack von Orangenblüten zog Napoleon I. jedem anderen Ge 
tränk vor. Und dabei ist es bis in die letzten Stunden seines Lebens geblieben (Hubert Olb 
rich 1987, S. 150-151). 
Es gehört deshalb zu den Raritäten, wenn in einschlägigen Auktionshäusern „Zuckerwasser- 
Garnituren“ angeboten werden. Es handelt sich hierbei um komplette Sets mit Kristallglas- 
Karaffe und Trinkglas, silberner Zuckerdose, dem zugehörigen Löffel und einem speziellen 
Tablett mit den jeweiligen Vertiefungen für den Einsatz der dazugehörigen Gefäße. Die kost 
bare Ausführung solcher Garnituren entspricht der graduellen Zuordnung im Konsumstatus 
der Zeit. Bis in die dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts gab es spezielle Zuckerwasser-Gar 
nituren, die den hohen Lebensstandard widerspiegeln, der luxusorientierten Kreisen ein zeit 
genössisches Bedürfnis gewesen ist. 
Im reichhaltigen Privilegienarchiv der Technischen Universität in Wien hat sich ein Doku 
ment erhalten, das wohl als Rarissimum anzusehen ist: das Rezept eines besonderen 
Zuckerwassers vom Wiener Zuckerbäcker G(e)stättenbauer (Technische Universität 
Wien, Priv. Reg. Nr. 339, 1829 protokolliert unter Prot. N ro 589): 
Abschrift des von mir erzeugten 
Produktes 
Welches durch hier folgende Bestandtheille, aus Zucker und Leomony besteht. Der Leomony 
wird auf den Zucker abgerieben, dan nimt man so vielI von dem Saft dazu: Z. B: daß dan die 
Maßa so fest ist, daß man Zel/teln daraus schneiden kann, und läßt es dan troken werden den 
andern Tag nimt man einen andern Zuker, und lößt in mit Waßer auf, und siedet man ihm zum 
schwachen faden, dan wird dießer heißer Zucker, über die Zellteln gegoßen, durch das, be- 
kömt es den andern Tag das Crista/Iisirte, her nach kann man das Zellteln zerbrechen so lö- 
ßet es sich in gleichen verhältnißen so auf wie das gewöndliche Zuker Waßer und verschaff 
zu gleich ein angenehm erfrischendes getränke. So ist es auch mit den Bommeranzen wel 
ches auf die nehmliche Weiße verfertigt wird, nur das man auch etwas Leomony Saft dazu 
giebt um das es ein wenig Seürer hat, so wie die zwey beiliegenden Muster sind. Hier füge 
Jch noch Einige dazu an Z: B: Vanilly da nimt man fein gestoßnen Zuker etwas Vanil/y dazu 
macht es dan mit Waßer auch so fest an, daß man Zellteln schneiden kann. Marraßkino ist es 
nehmliche da nimt man wieder den Zucker und macht ihn mit Marraßkino an und läßt in dan 
troknen. Weinscharl ist wieder das nehmliche nur daß der Zuker mit Weinscharll Saft ange 
macht wird dießes Gegränk geht außerortenlich vor den Turst wie auch zur gesundheit dient. 
Erdbeer, Himber, Pfirsig, Bimach, Marillen, Rochen, Weichsel, Annanas, f/eur derang, Schme- 
kerte, Weindrauben, 
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