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Full text : Glas 1905 - 1925 : vom Jugendstil zum Art deco

„Die  Holzformen  geben  dem  Glase  die  gewünschte  Form.  Sie  werden  nach  Musterschnitten,  die
aus  Papier  ausgeschnitten  sind,  aus  grünem,  also  eben  gefälltem  Buchenholz  auf  einer  Drehbank
im  Innern  des  Holzklotzes,  also  der  wirklichen  Glasform  entgegengesetzt,  ausgedreht.  ..  ;  aus  grünem ­
  Holz,  weil  dieses  dem  Verbrennen  beim  Blasen  durch  das  sich  anschmiegende  heiße  Glas  weniger ­
  ausgesetzt  ist,  das  heißt  sich  nicht  so  rasch  ausbrennt,  und  dadurch  die  genaue  Form  länger
behält,  als  dies  bei  trockenem  Holze  der  Fall  wäre.  Vor  dem  Einblasen  wird  die  Holzform  auch  gut
naß  gemacht.  Der  Holzklotz,  in  den  jetzt  die  Form  eingedreht  ist,  wird  in  der  Mitte  -  der  Längsrichtung ­
  nach  -  gespalten  und  außen  mit  schlichten  Haspen  aus  Draht  versehen,  so  daß  die  Form  aufklappbar ­
  ist.  Formen,  aus  denen  viele  hunderte  oder  gar  tausende  Gläser  zu  arbeiten  sind,  stellt
man  nicht  aus  Holz,  sondern  aus  Eisen  her..  .  In  der  Mitte  des  großen  Raumes  steht  mächtig  der
flachgewölbte  breit  aufstehende  runde  Glasofen  mit  seinen  6  bis  12  gespenstisch  glühenden
Augen,  den  Arbeitsöffnungen;  langgezogene  Flammen  ziehen  im  Innern.  Geschäftig  sehen  wir  den
Arbeitenden  zur  Arbeitsöffnung  treten,  mit  einem  langen  Eisen  hineinlangen  und  einen  fast  weißglühenden ­
  Glaspatzen  herausnehmen;  diesen  bearbeitet  er  an  und  mit  Hölzern.  Ein  anderer  setzt
dort  gerade  einen  Henkel  an  eine  sonderbare  krügelartige  Glasblase,  dort  schwingt  ein  dritter  eine
längliche  Glasblase,  die  dabei  immer  länger  wird;  Jungen  laufen,  an  einer  langen  Stange  noch  rotglühende ­
  Glasgebilde  tragend,  zu  anderen  kleineren  Öfen  und  legen  dort  das  Glas  ab  u.  a.  m.  .  .  .
Ein  junger  Gehilfe  hat  ein  ungefähr  1,4  Meter  langes  und  1,5  Zentimeter  weites  Eisenrohr,  das  zur
einen  Hälfte  mit  einem  Holzmantel  versehen  ist  und  in  ein  Mundstück  aus  Messing  endet:  die  Glasmacherpfeife; ­
  bei  anderen  solchen  Pfeifen  fehlt  auch  der  Mantel  und  das  Mundstück  ganz.  Mit  dem
dem  Mundstück  gegenüber  liegenden  Ende  der  Pfeife  fährt  er  nun  in  die  Arbeitsöffnung  des  Glasofens ­
  und  in  den  kurz  darunter  befindlichen  Glashafen  mit  dem  erschmolzenen  Glase.  Große  Hitze
schlägt  ihm  entgegen,  denn  er  schützt  sein  Gesicht  mit  einem  Stück  bunten  Glases;  buntes  Glas,
um  in  die  Weißglut  des  Ofens  auch  besser  sehen  zu  können.  Er  nimmt  auf  die  Pfeife  so  viel  Glas
auf,  als  ihm  haften  bleibt,  indem  er  rasch  die  Pfeife  in  ihrer  Längsachse  um  sich  dreht.  Die  Glasmasse ­
  ist  ziemlich  flüssig,  ungefähr  in  der  Dickflüssigkeit  von  dicklichem  Honig.  Kurz  darauf  tritt  er
zurück  und  hat  an  seiner  Pfeife  einen  wallnußgroßen  Glaspatzen  hängen,  der,  weil  er  noch  sehr
weich  ist,  umzukippen  und  abzukommen  sucht;  durch  rasches  Drehen  der  Pfeife  und  geschicktes
nach  Aufwärts  =  oder  Abwärtshalten  verhindert  er  dies.  Ist  das  Glas  ein  wenig  abgekühlt,  so  tritt  er
an  den  Arbeitstisch  und  gibt  das  Endstück  der  Pfeife  samt  den  Glaspatzen  wagrecht  auf  eine  Marmorplatte ­
  -  die  .Marbelplatte'  -  ,  wälzt  es  samt  dem  Glaspatzen  herüber=hinüber.  wobei  das  Glas
immer  zäher  wird,  bis  sich  eine  kleine  kolbenartige  weißglühende  Glaswalze  gebildet  hat;  mit  dem
Formholz  hilft  er  dazu  nach.  Dann  hält  er  die  Pfeife  hoch  und  bläst  durch  das  Mundstück  langsam
ein  wenig  Luft  ein,  wobei  sich  aus  der  glühenden  Glaswalze  eine  kleine  Hohlkugel  bildet;  diese  bearbeitet ­
  er  abermals  auf  der  Marbelplatte  ein  wenig  nach.  Diese  walzenartige  kleine  Glasblase  heißt
.Kölbchen',  unter  den  Glasmachern  ausschließlich  ,Külbel‘  oder  .Kölbel'  geheißen.  Das  Kölbel  ist
aus  zwei  Gründen  zu  allem  Anfang  notwendig:  erstens  hat  das  Kölbel  eine  größere  Oberfläche  und
erst  mittels  dieser  ist  es  möglich,  die  zur  Vase  nötige  größere  Menge  Glas  aus  dem  Hafen  zu  nehmen, ­
  da  eine  solche  größere  Menge  an  der  Pfeife  allein  nicht  haften  bliebe  und  zweitens,  um  in
dem  dann  aufgenommenen  größeren  Glaspatzen  schon  eine  Luftblase  zu  haben,  mittelst  der  die
Masse  später  aufgeblasen  werden  kann.  Nun  übernimmt  der  ältere  Gehilfe  die  Pfeife  samt  Kölbel
und  fängt  die  zur  Vase  nötige  Glasmenge  aus  dem  Hafen;  natürlich  gehört  hierzu  schon  ein  gutes
Augenmaß,  denn  sonst  würde  jede  Vase  eines  Dutzend  ungleich  stark,  ungleich  dick  im  Wandkörper ­
  werden,  wodurch  recht  viel  Ausschuß  und  Schaden  entstünde.  Dieser  Gehilfe  formt  die  aufgenommene ­
  Glasmasse  mittelst  der  .Motze'  -  ein  halbkuglig  ausgehöhlter  Holtzklotz  an  einem  Stiel  -
unter  Einblasen  von  Luft  und  dadurch  Vergrößern  der  nun  dicken  Glasblase  zur  ungefähren,  aber
noch  kleineren  Form  der  Vase.  Diese  dicke  Glasblase  mit  ihrer  ungefähren  Form  heißt  .Posten'.  Der
Meister  übernimmt  die  Fertigstellung;  der  Lehrjunge  hat  tief  zu  Füßen  des  Meisters  die  Holzform
aufgeklappt,  schon  zurecht  gestellt.  Der  Meister  bessert  vorerst  noch  ein  und  den  anderen  kleinen
Fehler  am  noch  helleuchtenden  Glasposten,  schwingt  ihn  dann  im  hohen  Kreisbogen,  so  daß  er
sich  durch  den  Schwung  noch  in  die  Länge  dehnt  und  setzt  ihn  hiernach  zwischen  die  aufstehende
Form.  Der  Lehrjunge  schließt  diese,  während  der  Meister  nicht  heftig,  aber  kräftig  und  gleichmäßig
in  die  Pfeife  bläst,  die  er  wie  einen  Quirl  langsam  zwischen  den  Handflächen  um  ihre  Achse  dreht.
Die  Glasblase  in  der  Form  wird  immer  größer,  legt  sich  an  die  Wände  der  Form,  füllt  diese  dann
ganz  aus,  ja  quillt  über  die  Form  oben  noch  heraus.  Der  übergequollene  Teil  heißt  die  .Kappe'  .  .  .
Während  dieser  Arbeit  ist  das  Glas  auch  schon  erhärtet  und  hat  nur  mehr  eine  schwach  rötliche
Färbung.  Die  Holzform  wird  wieder  aufgeklappt  und  die  Vase  ist  fertig  geblasen  .  .  .  Das  Glas  ist
nun  erstarrt  und  der  Meister  tropft  auf  die  Stelle,  wo  die  Kappe  noch  an  der  Pfeife  sitzt,  kaltes  Wasser ­
  -  eine  heftige  Spannung  tritt  durch  die  plötzliche  Abkühlung  an  dieser  Stelle  im  Glase  auf,  ein
leichter  Schlag  auf  die  Pfeife  -  das  .Abschlagen'  -  und  die  Vase,  noch  verschlossen  mit  der  Kappe,
fällt  in  eine  kleine  mit  Asche  gefüllte  Truhe,  von  der  sie  der  Lehrjunge  mittelst  einer  langen  Eisengabel ­
  in  den  Kühlofen  .einträgt'.“

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