Hanna Egger
ROBERT HAAS, SCHRIFTKÜNSTLER UND PHOTOGRAPH
DER ZWISCHENKRIEGSZEIT
Der heutigen Forschungslage entsprechend kann erwogen werden, daß
jede Schrift aus Bildern - das heißt, aus Abbildung von Gegenständen -
entstanden sei. Jene Bilder wären ohne Rücksicht auf einen bestimmten
Wortausdruck verständlich, also lesbar gewesen. Die weitere Entwicklung
bringt die feste Verbindung von Bild und Wort und daraus des Bildes mit
einer Abfolge von Lauten. Darauf folgt eine Reduktion, das heißt, daß das
Bild für eine Lautkombination oder einen einzelnen Laut auch in Worten
verwendet wird, die mit der ursprünglichen Bildbedeutung nichts mehr zu
tun haben, und dadurch zu einem Zeichen wird, mit dem man Worte
„schreiben“ kann, obwohl die einzelnen Zeichen weiterhin noch Bilder
sind. Der letzte Schritt ist die Stilisierung und Vereinfachung dieses Bild-
Zeichens hin zur Unkenntlichkeit des ursprünglichen Bildes und somit die
Entstehung des Buchstabens. Im Ägyptischen ist eine solche Verände
rung von den Hieroglyphen bis zur demotischen Schrift beobachtbar, oder
im syrischen Alphabet, der Grundlage des lateinischen, bei dem man zum
Beispiel nur mehr schwer die Verbindung etwa des A zu einem Stierkopf
hersteilen kann. In den semitischen Schriften, dem Sanskrit sowie in der
Keilschrift liegtdie Abwandlung des Bildes vor unserer Kenntnisdes ersten
Zustandes.
Über all das hinaus besteht in unserem weitesten Kulturkreis, am stärksten
im Altägyptischen, ein enger Zusammenhang zwischen Bilderschrift und
Schriftbild. Da man Hieroglyphen sowohl von unten nach oben und oben
nach unten, wie auch von links nach rechts und von rechts nach links
schreiben konnte, war es möglich, die Schriften auf Darstellungen, oft
sogar spiegelsymmetrisch, exakt in Felder einzupassen und dadurch
optimal mit dem Kunstwerk zu verbinden. Dieser Zug, wenn auch nicht so
ausgeprägt wie in Ägypten, erhielt sich bei den späteren europäischen
Kulturen und es entstanden Inschriften, die mit dem Kunstwerk ebenfalls
untrennbar verbunden sind.
Vor allem in der römischen Kunst wirkte sich dies dahin aus, daß sie Buch
staben und Schriftfeldern ein streng geregeltes, optisch wirksames „Bild“
zukommen ließ. Das abendländische Schriftbild entstand daraus, ebenso
wie die reichverzierte, bildhaft wirkende, oft eine ganze Seite einnehmende
Initiale mittelalterlicher Codices, in die erklärende Bilder eingeflochten
wurden. Von da an wurde die bildhaft wirkende Schrift mehr und mehr
gepflogen. Die einzelnen Buchstaben wurden nach einem bestimmten
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